Harnstoffzyklus

Der Harnstoffzyklus (auch Ornithin- oder Krebs-Henseleit-Zyklus) ist eine biochemische Kaskade bei Säugetieren, die stickstoffhaltige Abbauprodukte, vor allem Ammonium, zu Harnstoff umwandelt, der dann über die Niere ausgeschieden wird. Bei Vögeln und an Land lebenden Echsen wird stattdessen Harnsäure produziert und ausgeschieden. Fische benötigen keine Umwandlung von Ammoniak, bei ihnen bietet die Haut mit direktem Kontakt zum Wasser den einfachen Weg der Osmose.

Die Harnstoffbildung findet in den Leberzellen (Hepatozyten) und zu einem kleineren Teil in der Niere statt. Der Zyklus ist teilweise im Mitochondrium, teilweise im Cytosol lokalisiert, weshalb Transportproteine notwendig sind.

Reaktionen des Harnstoffzyklus

Schema des Harnstoffzyklus. Die Reaktionen finden sowohl im Mitochondrium (oben) als auch im Cytosol (unten) statt. 1: L-Ornithin; 2: Carbamoylphosphat; 3: L-Citrullin; 4: Argininosuccinat; 5: Fumarat; 6: L-Arginin; 7: Harnstoff; L-Asp: L-Aspartat; CPS-1: Carbamoylphosphat-Synthetase I; OTC: Ornithin-Transcarbamylase; ASS: Argininosuccinat-Synthase; ASL: Argininosuccinat-Lyase; ARG1: Arginase 1

Kaskade im Mitochondrium

Teilreaktionen der CPS-I (durch Carbamoylphosphat-Synthetase I katalysiert):

  1. Bicarbonat wird phosphoryliert und damit aktiviert
    (1. ATP-abhängige Reaktion)
  2. Anlagerung von Ammoniak unter Abspaltung des Phosphatrests, es entsteht Carbamat.
  3. Carbamat wird wieder phosphoryliert und damit aktiviert
    (2. ATP-abhängige Reaktion)

Am Ende steht Carbamoyl-Phosphat, welches das Eintrittsprodukt in den eigentlichen Harnstoffzyklus im Cytosol ist. Katalysiert werden beide Schritte durch die Carbamoylphosphat-Synthetase I.

Da es keinen Carrier zum Transport von Carbamoylphosphat aus dem Mitochondrium gibt, muss zunächst ein Umweg über Ornithin-Citrullin stattfinden. Beides sind nicht-proteinogene alpha-L-Aminosäuren, sie unterscheiden sich genau durch den Carbamat-Rest und für sie existieren Carrier. Carbamoyl-Phosphat wird also unter Dephosphorylierung auf Ornithin überführt, wodurch Citrullin entsteht. Die Reaktion wird durch die Ornithin-Transcarbamylase katalysiert.

Citrullin wird über die mitochondriellen Ornithin-Transporter 1 und 2 im Antiport gegen Ornithin in das Cytosol transportiert.

Kaskade im Cytosol

Citrullin wird im Cytosol unter Anlagerung von L-Aspartat ATP-abhängig zu Argininosuccinat, katalysiert durch das Enzym Argininosuccinat-Synthase (ASS).

Argininosuccinat reagiert unter Abspaltung von Fumarat zu Arginin. Enzym ist die Argininosuccinat-Lyase (ASL).

Im letzten Schritt katalysiert das Enzym Arginase 1 (ARG1) die Reaktion von Arginin zu Ornithin. Bei diesem Schritt entsteht unter Verbrauch von H2O Isoharnstoff, welcher mit Harnstoff im Gleichgewicht steht.

Aspartatzyklus

Der Aspartatzyklus dient der Rückgewinnung von Aspartat aus Fumarat. Die Reaktionen entsprechen denen des Citratzyklus. Fumarat wird durch die zytosolischen Enzyme ‚Fumarase‘ und ‚Malat-Dehydrogenase‘ erst in Malat und danach in Oxalacetat umgewandelt. Bei der Oxidation von Malat zu Oxalacetat entsteht NADH.

Das Oxalacetat wird mit einer α-Aminosäure zu L-Aspartat transaminiert. Als α-Aminosäure dient meist Glutaminsäure, das bei der Transaminierung zu der α-Ketosäure α-Ketoglutarat deaminiert wird. Das katalysierende Enzym ist die ‚Aspartat-Aminotransferase‘. Oxalacetat kann alternativ auch in die Gluconeogenese eingeschleust werden, oder über Transporter anaplerotisch in den Citratzyklus im Mitochondrium gelangen.

Energiebilanz

Die Summengleichung des Harnstoffzyklus ist:

$ \mathrm {HCO_{3}^{-}+NH_{4}^{+}+3\ ATP+Aspartat+2\ H_{2}O\longrightarrow } $ $ \mathrm {Harnstoff+2\ ADP+2\ P_{i}+AMP+PP_{i}+Fumarat} $

Bei der Synthese eines Harnstoffmoleküls werden vier energiereiche Verbindungen gespalten (3 ATP und ein Pyrophosphat). Dies entspricht der Energie von 4 ATP Molekülen.

Bei der Regeneration von Aspartat im Aspartatzyklus entsteht jedoch ein NADH:

$ \mathrm {Fumarat+H_{2}O+NAD^{+}\longrightarrow Oxalacetat+NADH} $

NADH wird in der Atmungskette im Mitochondrium zu ATP umgesetzt. Ein NADH entspricht hier 2,5 ATP.

Medizinische Bedeutung

Angeborene Defekte in den Enzymen des Harnstoffzyklus führen zu einem Anstieg des Ammonium-Spiegels im Blut (Hyperammonämie). Im Harnstoffzyklus wird mit jedem Schritt ein Ammonium-Ion in eine Aminosäure eingebaut und damit entfernt. Daher ist die Stoffwechselstörung am schwersten, wenn die frühen Schritte des Harnstoffzyklus, Carbamoylphosphat-Synthetase und Ornithin-Transcarbamoylase betroffen sind. Defekte späterer Schritte, der Argininosuccinat-Lyase und Arginase, führen zu weniger schweren Krankheitsbildern. Der Anstieg des Ammonium-Spiegels führt zu Störungen der Gehirnfunktion (Enzephalopathie) bis zum Koma. Vor 1979 wurde mit Austauschtransfusion und Peritonealdialyse behandelt. Seit 1979 wird auch Phenylacetat und Benzoat gegeben. Phenylacetat und Benzoat reagieren mit Glutamin und Glycin zu Phenacetylglutamin und N-Benzoylglycin (Hippursäure), die über den Urin ausgeschieden werden und so Stickstoff entfernen.[1]

Literatur

  • Ulf Dettmer, Malte Folkerts, Eva Kächler, Andreas Sönnichsen: Intensivkurs Biochemie. 1. Auflage. Elsevier, München 2005, ISBN 978-3-437-44450-0.

Einzelnachweise

  1. Enns G.M. et al.: Survival after Treatment with Phenylacetate and Benzoate for Urea-Cycle Disorders. In: N Engl J Med. Nr. 356, 2007, S. 2282–2292 (Abstract).

Weblinks

Die News der letzten Tage

30.01.2023
Ökologie | Physiologie
Ernährungsumstellung: Die Kreativität der fleischfressenden Pflanzen
In tropischen Gebirgen nimmt die Zahl der Insekten mit zunehmender Höhe ab.
27.01.2023
Land-, Forst-, Fisch- und Viehwirtschaft | Neobiota | Ökologie
Auswirkungen von fremden Baumarten auf die biologische Vielfalt
Nicht-einheimische Waldbaumarten können die heimische Artenvielfalt verringern, wenn sie in einheitlichen Beständen angepflanzt sind.
27.01.2023
Biochemie | Botanik | Physiologie
Wie stellen Pflanzen scharfe Substanzen her?
Wissenschaftler*innen haben das entscheidende Enzym gefunden, das den Früchten der Pfefferpflanze (lat Piper nigrum) zu ihrer charakteristischen Schärfe verhilft.
26.01.2023
Biochemie | Mikrobiologie | Physiologie
Ein Bakterium wird durchleuchtet
Den Stoffwechsel eines weit verbreiteten Umweltbakteriums hat ein Forschungsteam nun im Detail aufgeklärt.
26.01.2023
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Botanik | Physiologie
Schutzstrategien von Pflanzen gegen Frost
Fallen die Temperaturen unter null Grad, bilden sich Eiskristalle auf den Blättern von winterharten Grünpflanzen - Trotzdem überstehen sie Frostphasen in der Regel unbeschadet.
26.01.2023
Entwicklungsbiologie | Genetik
Neues vom Kleinen Blasenmützenmoos
Mithilfe mikroskopischer und genetischer Methoden finden Forschende der Universität Freiburg heraus, dass die Fruchtbarkeit des Laubmooses Physcomitrella durch den Auxin-Transporter PINC beeinflusst wird.
26.01.2023
Klimawandel | Mikrobiologie | Mykologie
Die Art, wie Mikroorganismen sterben beeinflusst den Kohlenstoffgehalt im Boden
Wie Mikroorganismen im Boden sterben, hat Auswirkungen auf die Menge an Kohlenstoff, den sie hinterlassen, wie Forschende herausgefunden haben.
25.01.2023
Entwicklungsbiologie | Evolution
Wie die Evolution auf unterschiedliche Lebenszyklen setzt
Einem internationalen Forscherteam ist es gelungen, eines der Rätsel der Evolution zu lösen.
24.01.2023
Biochemie | Ökologie | Physiologie
Moose verzweigen sich anders... auch auf molekularer Ebene
Nicht-vaskuläre Moose leben in Kolonien, die den Boden bedecken und winzigen Wäldern ähneln.
24.01.2023
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Genetik
Verfahren der Genom-Editierung optimiert
Im Zuge der Optimierung von Schlüsselverfahren der Genom-Editierung ist es Forscherinnen und Forschern in Heidelberg gelungen, die Effizienz von molekulargenetischen Methoden wie CRISPR/Cas9 zu steigern und ihre Anwendungsgebiete zu erweitern.
24.01.2023
Ökologie | Zoologie
Kooperation der männlichen australischen Spinnenart Australomisidia ergandros
Forschende konnten in einer Studie zeigen, dass Männchen der australischen Spinne Australomisidia ergandros ihre erjagte Beute eher mit den anderen Mitgliedern der Verwandtschaftsgruppe teilen als die Weibchen.
24.01.2023
Bionik, Biotechnologie und Biophysik | Physiologie
Mutante der Venusfliegenfalle mit Zahlenschwäche
Die neu entdeckte Dyscalculia-Mutante der Venusfliegenfalle hat ihre Fähigkeit verloren, elektrische Impulse zu zählen.
23.01.2023
Biochemie | Physiologie
neue Einblicke in Mechanismen der Geschmackswahrnehmung
Die Komposition der Lebensmittel, aber auch die Speisenabfolge ist für das perfekte Geschmackserlebnis eines Menüs entscheidend.
19.01.2023
Biodiversität | Neobiota | Ökologie
Starke Zunahme von gebietsfremden Landschnecken
Invasive Landschneckenarten können heimische Arten verdrängen und der menschlichen Gesundheit schaden.