Mutter-Kind-Kommunikation bei Schimpansen

Neues aus der Forschung

Meldung vom 27.02.2016

Sprache wird bei uns Menschen mit Hilfe der Hände erlernt. Aber auch in der Kommunikation von Menschenaffen spielen Gesten eine große Rolle.


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Bei Schimpansen kann ein und diesselbe Geste je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutung haben. Der ausgestreckte Arm der Mutter heißt hier: Komm her!
Foto: Marlen Fröhlich
Marlen Fröhlich, Roman M. Wittig, Simone Pika. 2016. Should I stay or should I go? Initiation of joint travel in mother–infant dyads of two chimpanzee communities in the wild. Animal Cognition, pp 1-18
DOI: 10.​1007/​s10071-015-0948-z

Schimpansenmütter kommunizieren mit ihrem Nachwuchs zunächst vor allem über taktile, dann visuelle Gesten. Ältere Jungtiere wiederum kombinieren Gesten oft mit unterstützenden Lauten. Dies haben Wissenschaftlerinnen vom Max-Planck-Institut für Ornithologie Seewiesen und Kollegen herausgefunden. Über zwei Jahre hinweg beobachteten sie dazu erstmals in einer vergleichenden Studie zwei Unterarten freilebender Schimpansen in Uganda und der Elfenbeinküste und fanden viele Parallelen in der Kommunikationskultur zwischen den Gruppen.

Über alle Kulturen hinweg erlernen Menschen ihre jeweilige Sprache über Gesten. Nicht zuletzt deshalb interessieren sich Wissenschaftler auch für die gestischen Fähigkeiten und deren zugrunde liegenden kognitiven Mechanismen bei unseren nächsten lebenden Verwandten, den Menschenaffen. Diese benutzen Gesten als zielgerichtete, präzise eingesetzte und flexible Kommunikationsstrategien, um mit anderen Gruppenmitgliedern zu interagieren.

Bisher wurde die gestische Kommunikation von Menschenaffen allerdings ausschließlich in Gefangenschaft oder in einzelnen Gruppen in freier Wildbahn erforscht. Marlen Fröhlich und Simone Pika der Humboldt-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen untersuchten nun mit Kollegen vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig erstmals zwei Schimpansenunterarten und -gemeinschaften in zwei weit auseinanderliegenden Lebensräumen im Freiland, im Kibale-Nationalpark in Uganda und im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste. „Uns interessierte, ob Individuen, die unter natürlichem Selektionsdruck in unterschiedlichen Gemeinschaften leben, die gleiche Kommunikationskultur haben“, sagt Marlen Fröhlich, Erstautorin der Studie und Doktorandin am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.

Geduldige Schimpansenmütter

Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf Interaktionen von Müttern und ihrem Nachwuchs vor einem gemeinsamen Ortswechsel. Es zeigte sich, dass Mütter ihren Sprösslingen den Aufbruch bevorzugt durch Gesten signalisierten, während der Nachwuchs auch die Stimme einsetzte. Ältere Jungtiere kombinierten zunehmend Lautäußerungen mit Gestik. Schimpansenkinder durchlaufen folglich eine Entwicklung von zunächst vorwiegend vokaler Kommunikation zu gestischer Kommunikation. Die Studie zeigt, dass Mütter die Kommunikationsfähigkeiten ihres Nachwuchses dabei gut einschätzen können. “Mich beeindruckte, wie geduldig und tolerant Schimpansenmütter oft sind, wenn sie ihren Nachwuchs dazu anregen wollen, zusammen einen Ort zu verlassen und sich an einen neuen zu begeben” sagt Marlen Fröhlich.

Bei beiden Schimpansen-Gemeinschaften waren es vor allem die Mütter, die einen Ortswechsel initiierten. Dabei hat jede Mutter ihre eigenen Methoden, sich mitzuteilen. „Wir denken, dass diese Ergebnisse mit gängigen Theorien über den Erwerb von Gesten nicht erklärt werden können, sondern vielmehr, dass Gesten durch einen ’sozialen Verhandlungsprozess’ erlernt werden“, sagt Simone Pika, Leiterin der Studie und Forschungsgruppenleiterin in Seewiesen. Diese Theorie postuliert, dass der Austausch sozialer Verhaltensweisen zwischen Mutter und Kind in ein gemeinsames Verständnis resultiert, dass manche auch kommunikativ verwendet werden können. Sie erlangen unterschiedliche Bedeutungen in Abhängigkeit von sozialen Konstellationen und Kontexten und werden 'online' erzeugt, d.h. an die jeweilige Situation flexible angepasst.

So bedeutet die gleiche Geste, zum Beispiel ein ausgestreckter Arm, in einer entspannten Umgebung eine Einladung zum Spielen, während es verbunden mit einem Angstschrei und einem sich nähernden, aggressiven Männchen ein Alarmsignal der Mutter darstellt. Mehr Beobachtungen sind jedoch nötig, um zu bestätigen, dass Gestik tatsächlich auf sozialer Verhandlung beruht und in Echtzeit kreiert wird.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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