Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Neues aus der Forschung

Meldung vom 16.01.2019

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müssen Biodiversitätsförderflächen vergrössert und deren Qualität verbessert werden. In einer neuen Studie evaluierten Forschende der Universität Bern und der Berner Fachhochschule Massnahmen zur Förderung der Biodiversität in der Landwirtschaft.


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Schachbrettfalter (Melanargia galathea)
Zingg S., Ritschard, E., Arlettaz R., Humbert, J.-Y.
Increasing the proportion and quality of land under agri-environment schemes promotes birds and butterflies at the landscape scale
Biological Conservation. 231 (2019) 39–48
DOI: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2018.12.022


Die Biodiversität im Kulturland hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Mit dem Ziel, diesen Rückgang zu stoppen und umzukehren, wurden in der Schweiz in den 1990er-Jahren die Biodiversitätsförderflächen (BFF, ehemals ökologische Ausgleichsflächen) eingeführt. Biodiversitätsförderflächen sind naturnahe Flächen wie Wiesen und Weiden, Wildblumenstreifen oder Hecken. Sie werden extensiv bewirtschaftet, Dünge- und Pflanzenschutzmittel dürfen also nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Landwirtinnen und Landwirte müssen mindestens 7% ihrer Flächen als Biodiversitätsförderflächen bewirtschaften, um den ökologischen Leistungsnachweis zu erfüllen, der sie zum Bezug von Direktzahlungen qualifiziert.

Die Wirksamkeit der Biodiversitätsförderflächen wurde wiederholt in Frage gestellt, da auch nach ihrer Einführung der Rückgang der Biodiversität, einschliesslich charakteristischer Zielarten des Kulturlandes, nicht gestoppt werden konnte. Ein Team von Forschenden der Universität Bern und der Berner Fachhochschule hat nun unter der Leitung von Dr. Jean-Yves Humbert vom Institut für Ökologie und Evolution (IEE) der Universität Bern untersucht, welche Eigenschaften der Förderflächen die Biodiversität von Vögeln und Tagfaltern beeinflussen. Es ist eine der ersten Studien, welche die Effekte der Biodiversitätsförderflächen auf Landschaftsebene untersucht. Die Studie wurde im Journal Biological Conservation veröffentlicht.


 
Extensive Wiese bei Herolfingen BE.

Grossflächige Wirkung dank lokaler extensiver Bewirtschaftung

Die Forschenden haben im Schweizer Mittelland insgesamt 46 Untersuchungsflächen von je 1 km2 auf verschiedene Faktoren untersucht. Erhoben wurde der Anteil der Biodiversitätsförderflächen an der Gesamtfläche sowie die Qualität, die Grösse, die Distanz, die Vielfalt und die Konfiguration der Biodiversitätsförderflächen. Es zeigte sich, dass in Bezug auf die Tagfalter der Anteil Förderflächen im Kulturland der wichtigste der untersuchten Faktoren ist. Artenvielfalt und Dichte der Tagfalter nahmen um 22% bzw. 60% zu, wenn der Biodiversitätsförderflächen-Anteil im Kulturland von 5% auf 15% stieg.

Dieser Trend zeigte sich auch bei den Brutvögeln, da die Biodiversitätsförderflächen in der sonst intensiv genutzten Agrarlandschaft Futter- und Nistmöglichkeiten bieten. «Frühere Studien haben gezeigt, dass die extensiv bewirtschafteten Biodiversitätsförderflächen die Biodiversität lokal, das heisst auf Ebene der Parzelle, fördern. Unsere Studie zeigt, dass Förderflächen auch grossflächig, auf Landschaftsebene, positive Auswirkungen auf die Populationen von Brutvögeln und Tagfaltern haben,» sagt Jean-Yves Humbert.



Kaum Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität im Mittelland

Die Forschenden konnten zudem zeigen, dass sich Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität positiv auf die Population von charakteristischen und prioritären Brutvogelarten des Kulturlandes und der Roten Liste auswirken. Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität, sogenannte BFF Q2, haben einen höheren ökologischen Wert und botanische Qualität und sind zudem besonders arten- oder strukturreich. «In unserem Studiengebiet hatten nur zwei von 46 Landschaften einen hohen Anteil an Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität, was den verheerenden Mangel im Schweizer Mittelland verdeutlicht,» sagt Silvia Zingg von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule.

Um die «Umweltziele Landwirtschaft» der Bundesämter für Umwelt und Landwirtschaft im Bereich Biodiversität zu erreichen, sollte daher gemäss den Forschungsergebnissen der Anteil Biodiversitätsförderflächen erhöht und die Qualität bestehender Flächen dringend aufgewertet werden. Um seltene oder spezialisierte Arten zu fördern genügten die klassischen Biodiversitätsförderflächen aber nicht: «Leider sind die Populationen vieler Arten, wie beispielsweise des Wiedehopfes oder des Braunkehlchens, im Mittelland bereits stark reduziert oder verschwunden. Zur Förderung solcher Arten müssen weitere gezielte, art-spezifische Massnahmen umgesetzt werden,» sagt Silvia Zingg.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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