Freilebende Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden

Neues aus der Forschung

Meldung vom 10.10.2018

Warum sollte man sein Essen mit Personen teilen, die nicht zur eigenen Familie gehören und einem keinen direkten Vorteil verschaffen? Ein internationales Forscherteam am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig beobachtete im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste freilebende Schimpansen beim Teilen ihrer Nahrung. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass Schimpansen besonders beliebte Nahrungsmittel wie Fleisch, Honig oder große Früchte vor allem mit ihren Freunden teilen, und dass weder der Rang eines Tiers noch Bettelei ihres Gegenüber ihre Entscheidung beeinflussen.


181012-1521_medium.jpg
 
Schimpansen teilen Nahrung mit ihren Freunden.
L. Samuni, A. Preis, A. Mielke, T. Deschner, R. M. Wittig and C. Crockford
Social bonds facilitate cooperative resource sharing in wild chimpanzees
Proceedings of the Royal Society B, 10. Oktober 2018
DOI: https://doi.org/10.1098/rspb.2018.1643


Fleisch nach der Jagd mit anderen zu teilen und beliebte Nahrungsmittel untereinander zu tauschen, wird als Schlüssel für die Evolution menschlicher Kooperation betrachtet. Weit verbreitet ist die Annahme, dass Menschen diese Nahrungsmittel teilen oder tauschen, um später von den Begünstigten Gefälligkeiten gewährt zu bekommen oder von ihnen als Kooperations-partner bedacht zu werden. Anders als Menschen teilen Tiere ihre Nahrung in der Regel nur mit Verwandten und Fortpflanzungspartnern. Zu den seltenen Ausnahmen gehören unsere beiden nächsten lebenden Verwandten, Schimpansen und Bonobos. Erkenntnisse, nach welchen Mustern erwachsene Schimpansen Futter miteinander teilen, helfen Wissenschaftler/innen bei der Beantwortung von Fragen zur Evolution der menschlichen Kooperation.

Forscher/innen vom MPI-EVA beobachteten im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste, mit wem freilebende Schimpansen ihr Futter teilen. Sie fanden heraus, dass die Tiere dabei sehr selektiv vorgehen und besonders beliebte Nahrung wie Fleisch, Honig oder große Früchte eher mit ihren Freunden teilen. Weder ein dominanter Rang eines Tiers noch Bettelei konnte ihre Entscheidung beeinflussen. Diese Ergebnisse ergänzen die Ergebnisse einer weiteren Studie des gleichen Teams, die letzten Monat veröffentlicht wurde, und untersuchte, mit wem Schimpansen nach der Jagd Fleisch teilen. Die Forscher/innen konnten belegen, dass Schimpansen nach einer erfolgreichen Jagd andere beteiligte Jäger belohnten, indem sie die Beute mit ihnen teilten. „Unsere Untersuchungen zeigen: Schimpansen berücksichtigen bei ihrer Entscheidung, mit wem sie ihre Nahrung teilen, wer ihnen dafür am wahrscheinlichsten später eine Gefälligkeit erweisen würde“, sagt Liran Samuni, Erstautorin beider Studien. „Oder – wie es nach Gruppenjagden der Fall ist – revanchieren sich die Tiere bei anderen Jägern für die Hilfe bei der gemeinsamen Jagd.“

Früheren Studien zu einer anderen Schimpansen-Unterart zufolge teilten die Tiere dann häufig ihr Futter, wenn sie sich von bettelnden Artgenossen belästigt fühlten. „Das war bei den Taï-Schimpansen nicht der Fall, was die große Variationsbreite kooperativen Verhaltens zwischen verschiedenen Schimpansenpopulationen verdeutlicht“, betont Catherine Crockford, leitende Autorin der Studien. Auch menschliche Populationen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Kooperationsbereitschaft, und Forschung zu Menschen als auch zu Tieren erklärt, warum manche Populationen kooperativer sind als andere. „Eine Einheit mit anderen Artgenossen zu bilden, um nicht selbst Raubtieren zum Opfer zu fallen, oder die Fähigkeit, gemeinsam reiche Nahrungsquellen zu erschließen, sind zwei beispielhafte Szenarien, die kooperative Handlungen begünstigen“, erklärt Roman Wittig, der zweite leitende Autor der Studien.

Darüber hinaus sammelten die Forschenden Urinproben von Schimpansen nach der Jagd und nachdem sie Futter miteinander geteilt hatten, um den Oxytocin-Spiegel der Tiere zu messen. „Wir wissen, dass das Hormon Oxytocin eine wichtige Rolle beim Stillen spielt, das beispielhaft für das Teilen von Nahrung zwischen Mutter und Kind steht“, erklärt Liran Samuni. „Im Allgemeinen trägt dieses Hormon auch zum Sozialverhalten und dem Aufbau und der Pflege sozialer Bindungen bei.“ Die Forschenden fanden hohe Oxytocin-Konzentrationen im Urin der Schimpansen, nachdem diese Fleisch und andere wertvolle Nahrungsmittel miteinander geteilt hatten oder nachdem Schimpansen an einer Gruppenjagd teilgenommen hatten. „Dass wir bei den Tieren sowohl nach der gemeinsamen Jagd als auch nach dem Teilen von Nahrung einen höheren Oxytocin-Spiegel nachweisen konnten, belegt die Schlüsselrolle des Hormons Oxytocin bei der Kooperation im Allgemeinen“, betont Liran Samuni.



Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass Taï-Schimpansen – wie Menschen auch – genau auswählen, mit wem sie etwas teilen, und dass sie dabei ihre Freunde und die Artgenossen, die ihnen beim Erwerb der Nahrung geholfen haben, bevorzugt behandeln. Die emotionale Verbindung, wie sie unter Freunden üblich ist, spielte wahrscheinlich auch für die Entwicklung der menschlichen Kooperation eine entscheidende Rolle, so die Forschenden.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 16 Meldungen

Meldung vom 21.05.2019

Neue Studie zeigt: Tropische Korallen spiegeln die Ozeanversauerung wider

Das Kalkskelett tropischer Korallen weist bereits Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung auf, die au ...

Meldung vom 21.05.2019

Namenlose Fliegen

Unsere heimischen Fliegen und Mücken zählen mit knapp 10.000 bekannten Arten zu einer der vielfältigsten In ...

Meldung vom 20.05.2019

Bonobo Mütter verhelfen ihren Söhnen zu mehr Nachwuchs

Bei vielen sozialen Tierarten teilen sich Individuen die Aufgaben der Kindererziehung, doch neue Forschungserg ...

Meldung vom 20.05.2019

Auf die Größe kommt es an

Ökologe der Universität Jena und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) ent ...

Meldung vom 20.05.2019

3D-Technologie ermöglicht Blick in die Vergangenheit

Studie identifiziert Fischarten anhand vier Millionen Jahre alter Karpfenzähne ‒ Modell zur Evolution der B ...

Meldung vom 20.05.2019

Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die genetische Vielfalt einer Art

Über das Genom des Alpenmurmeltiers.

Meldung vom 17.05.2019

Ernst Haeckel: Vordenker hochmoderner Disziplinen

Wissenschaftshistoriker der Universität Jena erklären Ernst Haeckels Ökologie-Definition.

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
12.10.2018
Kenne Deinen Fisch!
12.10.2018
Leben ohne Altern
12.10.2018
Lebensraum Käse
12.10.2018
Domino im Urwald
12.10.2018
Trend-Hobby Imker
12.10.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung