Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

Neues aus der Forschung

Meldung vom 19.07.2018

Forscher untersuchen die molekularen Folgen, die die Ränder von Lebensräumen für Tierpopulationen haben können.


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Waldrand mit Übergang zur Savanne im Studiengebiet Nationalpark Ankarafantsika, Nordwest-Madagaskar.
Ute Radespiel, Jennifer Schulte, Ryan Burke, Shawn Lehman
Molecular edge effects in the Endangered golden-brown mouse lemur Microcebus ravelobensis
Oryx
DOI: 10.1017/S0030605318000029


Der Mensch breitet sich in vielen Ländern immer weiter aus und zerstückelt in der Folge die Lebensräume verschiedener Tierarten. Diese Zerstückelung bedeutet, dass in den Lebensräumen immer mehr Randbereiche entstehen, wie beispielsweise dem Rand zwischen Wald und angrenzenden Agrarräumen oder zwischen Wald und einer angrenzenden Savanne. Professorin Dr. Ute Radespiel aus dem Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) konnte mit Wissenschaftlern der Universität Toronto jetzt zeigen, dass diese veränderten Lebensräume bei den auf Madagaskar in Wäldern lebenden Mausmakis auch das Erbgut der Tiere beeinflussen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie heute in der Fachzeitschrift Oryx.

Professorin Dr. Ute Radespiel erklärt: „Es ist schon länger bekannt, dass sogenannte Habitatränder weitreichende ökologische Effekte haben. So unterscheiden sich zum Beispiel Temperatur, Lichteinstrahlung und Feuchtigkeit zwischen Waldrand und Waldinnerem, was typischerweise zu Veränderungen in der Vegetation führt. Viele Tierarten reagieren auf diese Schwankungen und zeigen eine Vorliebe für diese Habitate oder meiden die Gebiete. Es kommt auch vor, dass verschiedene Individuen einer Art verschiedene Vorlieben entwickeln.“ Radespiel vermutete, dass Tierarten, die auf die Ränder ihrer Lebensräume positiv oder negativ reagieren, ihr Wanderverhalten entsprechend anpassen. Sei dies der Fall, könne dieses Verhalten auch das Erbgut der Tiere beeinflussen: Der übliche genetische Austausch zwischen verschiedenen Arealen des natürlichen Lebensraumes würde sich verändern, wenn sich die Tiere nicht mehr frei bewegen. Solche molekularen Randeffekte wurden bislang nicht untersucht.


 
Goldbrauner Mausmaki (Microcebus ravelobensis).

Radespiels Team untersuchte daraufhin in Nordwest-Madagaskar eine Population der gefährdeten Goldbraunen Mausmakis (Microcebus ravelobensis). Sie leben am Rand und im Inneren des Waldes. Für ihre genetischen Analysen fingen die Forscherinnen und Forscher die Tiere und entnahmen an den Ohren kleine Gewebeproben. Insgesamt sammelten sie Proben von 41 Tieren, die entweder am Waldrand oder in zwei weiter innen liegenden Regionen gefangen wurden. Die Gebiete im Waldinneren waren bis zu 1,4 Kilometer vom Waldrand und dem ersten Studiengebiet entfernt. Dies ist eine Distanz, die ein Goldbrauner Mausmaki noch überwinden kann. Mit Hilfe molekularer Methoden bestimmten die Forscher unter anderem die genetischen Unterschiede zwischen den Tieren der drei Studiengebiete.

Die Ergebnisse

Die Wissenschaftler fanden Hinweise auf unerwartet große genetische Unterschiede. „Trotz der geringen geographischen Distanz zwischen den Gebieten scheinen die Tiere zwischen den Gebieten nicht oder nur sehr selten zu wandern. Wir vermuten, dass die Tiere dazu tendieren, in ihrem bekannten Habitattyp, Waldrand oder Waldinneres, zu bleiben“, sagt Radespiel. „Diese Studie gibt damit erste Hinweise auf molekulare Auswirkungen von Habitaträndern auf einer kleinen räumlichen Skala. Falls sich diese Befunde in einer größeren Studie bestätigen, hätte dies weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Evolutionsprozessen“, so Radespiel weiter, „zum Beispiel würde das bedeuten, dass Tierarten sich lokal stärker als bisher angenommen anpassen könnten. Wenn Tiere sich wegen ihrer lokalen Präferenzen in Habitatfragmenten nicht frei bewegen, führt dies auch zu einer zusätzlichen Unterteilung von bereits kleinen Populationen, die dadurch vermutlich noch anfälliger werden für zufällige oder menschliche Störungen.“ Das wiederum hätte zur Folge, dass Naturschutzbemühungen neu durchdacht werden müssten.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw


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