Soziale Intelligenz bei Raben

Neues aus der Forschung

Meldung vom 06.06.2018

Raben wissen über die Beziehungen anderer Bescheid – und agieren strategisch
Ein Aspekt sozialer Intelligenz ist die Fähigkeit, sowohl die eigenen Beziehungen als auch die anderer im Auge zu behalten. Diese Fähigkeit kennt man bei Primaten, und auch Kolkraben zeigen dieses Verhalten in Gefangenschaft. In ihrer aktuellen Studie dokumentieren VerhaltensbiologInnen um Georgine Szipl von der Universität Wien, dass wildlebende Raben bei der Futtersuche je nach Publikum unterschiedlich viele "Hilferufe" abgeben. Dies deutet auf ein komplexes Sozialsystem der Tiere hin. Die Ergebnisse dazu erscheinen aktuell im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society B".


180606-1039_medium.jpg
 
Zwei dominante Paare (ein Paar links und eines in der Mitte) bedrängen jeweils einen Raben. Ganz rechts im Bild ist ein weiterer dominanter Rabe, der den Raben rechts hinter ihm einschüchtert.
Szipl, G., Ringler, E. & Bugnyar, T.
Attacked ravens flexibly adjust signalling behaviour according to audience composition
Proceedings of the Royal Society B
DOI: 10.1098/rspb.2018.0375


In freier Wildbahn versammeln sich Raben an Futterstellen, wo sie sich untereinander häufig lautstark um Futter streiten. Für freilebende Kolkraben, die in komplexen Verbänden mit variierender Größe und Zusammensetzung leben, ist es nicht einfach, in so einem Durcheinander den Überblick zu behalten. Während man lange Zeit davon ausgegangen ist, dass Rabenverbände anonym sind und die Mitglieder nichts übereinander wissen, weisen Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte sehr wohl auf eine Struktur durch verschiedene Altersklassen, Paarbindungen und Verwandtschaftsverhältnisse hin.

In ihrer aktuellen Studie konnten die WissenschafterInnen um Georgine Szipl von der Konrad Lorenz Forschungsstelle der Universität Wien zeigen, dass freilebende Kolkraben ihre Kommunikation während solcher Konflikte an die Zusammensetzung des Publikums anpassen. Wenn Raben von dominanten oder höherrangigen Artgenossen angegriffen werden, äußern die bedrängten Opfer häufig Defensivrufe. Sind Verwandte der Opfer im Publikum, äußert sich das durch eine höhere Rufrate. Umgekehrt haben die ForscherInnen weniger Rufe aufgezeichnet, wenn die Paarpartner der dominanten Angreifer im Publikum waren. "Dies deutet darauf hin, dass freilebende Kolkraben trotz komplexen Sozialsystems über die Beziehungen ihrer Artgenossen Bescheid wissen. Dieses Wissen können sie flexibel einsetzen und dadurch Freunde und Verwandte in ihrer Nähe alarmieren, damit sie ihnen zu Hilfe eilen können bzw. vermeiden, dass Rivalen oder Freunde des Angreifers auf sie aufmerksam werden", erklärt Szipl.


 
Ein Rabe (rechts im Bild) wird gleich von mehreren dominanten Artgenossen bedrängt. Der bedrohte Raben hat als unterwürfige Geste den Schnabel geöffnet.

Dieser Effekt ist auch bekannt als Publikumseffekt. Das bedeutet, dass man sich im Beisein anderer anders verhält als alleine, also wenn man sich unbeobachtet fühlt: Klassisches Beispiel dafür ist etwa das Singen im Auto. "Unser Ergebnis kann nicht einfach mit dem Publikumseffekt erklärt werden, denn die Größe des Publikums, also die Anzahl der anwesenden Raben, hatte keinen Effekt auf die Rufraten, ebenso wenig wie die bloße Nähe der anwesenden Raben", erklärt Szipl. Vielmehr muss die Zusammensetzung des Publikums eine wichtige Rolle spielen.



Erwachsene Kolkraben, die sich verpaaren, sind langzeitmonogam, höher im Rang sowie dominanter als Singles. Unverpaarte Raben hingegen, die noch nicht den Partner fürs Leben gefunden haben, pflegen engen Kontakt zu ihren Geschwistern und Verwandten, denn diese unterstützen sie während oder nach Konflikten. Angegriffene Raben sind häufig noch nicht fest verpaart und erhöhen deshalb ihre Rufrate, wenn ihre Verwandten, die ihnen helfen könnten, in der Nähe sind. Dominante Angreifer hingegen sind häufig fest verpaarte Individuen, deren Paarpartner sind ebenfalls dominant. Deshalb ist es für die Tiere ratsam, in solchen Situationen nicht zu viel Lärm zu machen: Da die Gefahr groß ist, dass man es auch gleich mit dem Paarpartner, der den Angreifer unterstützt, zu tun bekommt, ist die Rufrate niedrig.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 14 Meldungen

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...

Meldung vom 14.05.2019

Archaeopteryx bekommt Gesellschaft

Forscher der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) sowie der LMU München be ...

Meldung vom 14.05.2019

Geschlechtsreife Aale bauen ihre Knochen ab

Um zu ihren Fortpflanzungsgebieten zu gelangen, schwimmen Europäische Aale mehrere Tausend Kilometer auf die ...

Meldung vom 13.05.2019

Universität Stuttgart benennt neue Bärtierchen-Art: Milnesium inceptum entdeckt

Eine neue Bärtierchen-Art wurde von Dr. Ralph Schill vom Institut für Biomaterialien und biomolekulare Syste ...

Meldung vom 13.05.2019

Anglerinnen und Angler sorgen für Fischartenvielfalt im Baggersee

Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben zusammen mit Fischere ...

Meldung vom 09.05.2019

Wie Stammzellen ein Gehirn korrekter Größe und Zusammensetzung bauen

Im Laufe der Gehirnentwicklung erzeugen Stammzellen unterschiedliche Typen von Neuronen zu unterschiedlichen Z ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
06.06.2018
Kenne Deinen Fisch!
06.06.2018
Leben ohne Altern
06.06.2018
Lebensraum Käse
06.06.2018
Domino im Urwald
06.06.2018
Trend-Hobby Imker
06.06.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung