Sinn für Fernbeziehungen

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.04.2018

Breitflossenkärpflinge orientieren sich bei der Paarung am Verhalten ihrer Artgenossen, indem sie deren Partnerwahl kopieren. Biologinnen der Uni Siegen haben jetzt herausgefunden, dass den Fischen dabei auch „Fernbeziehungen“ als Vorlage dienen.


Wird ein Breitflossenkärpflingsmännchen von einem Weibchen umschwärmt, so macht ihn das auch für andere Weibchen attraktiv. Die Fische beobachten Artgenossen bei sexuellen Interaktionen und richten ihr eigenes Verhalten danach aus. Das haben verschiedene Versuche gezeigt. Männchen, die zuvor bereits von einer Artgenossin als Partner gewählt wurden, hatten anschließend auch bei anderen Weibchen deutlich bessere Chancen – denn diese neigen dazu, die Partnerwahl ihrer Artgenossinnen zu kopieren. Die Biologinnen Melissa Keil, Stefanie Gierszewski und Prof. Dr. Klaudia Witte von der Universität Siegen haben jetzt erstmals herausgefunden, dass das Kopieren der Partnerwahl bei Breitflossenkärpflingen auch bei „Fernbeziehungen“ funktioniert: also wenn das zu beobachtende Fisch-Pärchen nur über eine gewisse Distanz hinweg miteinander interagieren kann. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden in der Zeitschrift „Behavioral Ecology and Sociobiology“ veröffentlicht.

„Die Fische sind offenbar in der Lage, Artgenossen auch über größere Distanzen hinweg genau zu beobachten. Selbst wenn zwischen einem Männchen und einem Weibchen ein größerer Abstand liegt, wird ihr Verhalten als sexuelle Interaktion gewertet und kopiert. Das hätten wir so nicht erwartet“, sagt Klaudia Witte. Das Ergebnis zeige, dass Breitflossenkärpflinge eine sehr gute visuelle Wahrnehmung haben. Für die jüngste Versuchsreihe wurde im Labor der Universität Siegen eigens ein quadratisches Babyplanschbecken aufgebaut. „Nur so konnten wir die Fische weit genug voneinander entfernt positionieren, um die Rolle der Distanz zu untersuchen. Unsere Aquarien wären dazu zu klein gewesen“, erklärt Melissa Keil, die die Versuche im Rahmen ihrer Staatsexamensarbeit durchführte. Über vier Monate hinweg hat sie dazu insgesamt etwa 450 Stunden vor dem Planschbecken verbracht.

Im Rahmen der Versuche wurde ein Test-Weibchen in einem transparenten Kunststoff-Zylinder in das Planschbecken gesetzt – ihm gegenüber zwei Männchen, ebenfalls in entsprechenden Zylindern. Das Weibchen konnte nun beobachten, wie eine Artgenossin (das Modell-Weibchen) mit einem der beiden Männchen interagierte. Zunächst war der Abstand zwischen dem Modell-Weibchen und dem Männchen dabei gering, in einem zweiten Versuchsaufbau wurde er auf 40 Zentimeter vergrößert. Das Überraschende: Selbst diese „Fernbeziehung“ wurde von dem Test-Weibchen erkannt und anschließend kopiert. In beiden Versuchen entscheid sich das Weibchen nach der Beobachtungsphase für das Männchen, dass zuvor auch von seiner Artgenossin umworben worden war – und dass, obwohl das Testweibchen zuvor genau dieses Männchen bei ihrer eigenen Partnerwahl abgelehnt hatte.

Das Kopieren von Verhaltensweisen sei im Tierreich weit verbreitet, erklärt Klaudia Witte: „Es handelt sich um eine Form des sozialen Lernens. Ein Individuum nutzt so genannte „public information“ (öffentliche Informationen) aus seinem direkten sozialen Umfeld und richtet das eigene Verhalten danach aus.“ Die Biologin und ihre Kolleginnen gehen davon aus, dass Breitflossenkärpflinge nicht nur bei der Paarung auf soziale Beobachtungen zurückgreifen, sondern auch im Zusammenhang mit anderen Verhaltensweisen – etwa bei der Futtersuche. In der Vergangenheit wurden an der Universität Siegen bereits verschiedene Studien zum Kopieren durchgeführt. In der Zukunft sollen noch weitere Aspekte näher untersucht werden, beispielsweise der so genannte Zuschauer-Effekt. Er beschreibt den Einfluss des „Zuschauers“ auf die Interaktion zwischen den beobachteten Paarungspartnern.

Breitflossenkärpflinge eignen sich hervorragend zur Untersuchung des Kopierens der Partnerwahl und des Zuschauereffektes. Sie gehören zu den lebend gebärenden Zahnkarpfen (Poeciliiden) und leben in gemischt-geschlechtlichen Schwärmen. Männchen und Weibchen haben somit die Gelegenheit, die Partnerwahl und Paarung ihrer Artgenossen zu beobachten.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von http://www.uni-siegen.de


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung