Raubtiere im Zoo gebären zur gleichen Jahreszeit wie in der Natur

Neues aus der Forschung

Raubtiere im Zoo gebären zur gleichen Jahreszeit wie in der Natur

Meldung vom 07.05.2018

Die Saisonalität der Fortpflanzung ist ein fixes Merkmal einer Tierart - auch Raubtiere im Zoo gebären gleichzeitig wie ihre Artgenossen in natürlicher Umgebung. Dies zeigen For-schende der Universität Zürich auf. Einige Tierarten verkürzen ihre Tragzeit, um dem Nachwuchs ideale Bedingungen zu bieten, andere verlangsamen sie.


180511-0516_medium.jpg
 
Beim kleinen Panda ist die Saisonalität der Fortpflanzung sehr ausgeprägt.
Sandra A. Heldstab, Dennis W. H. Müller, Sereina M. Graber, Laurie Bingaman Lackey, Eberhard Rensch, Jean-Michel Hatt, Philipp Zerbe, and Marcus Clauss
Geographical Origin, Delayed Implantation, and Induced Ovulation Explain Reproductive Seasonality in the Carnivora
Journal of Biological Rhythms
DOI: 10.1177/0748730418773620


Viele Tierarten haben in ihren natürlichen Lebensräumen eine saisonal festgelegte Paarungszeit. Die Jungtiere werden meist im Frühling geboren, damit sie optimale Umweltbedingungen vortref-fen. Geburten zu ungünstigen Zeitpunkten - etwa, wenn der Winter einbricht - werden so vermieden. Je nachdem, wie stark die saisonale Fortpflanzungsperiode bei einer Tierart ausgeprägt ist, ist auch die Zeitspanne der Geburten entweder sehr weit oder extrem eng gefasst.

Forschende der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich untersuchten die Saiso-nalität bei über 100 Raubierarten. Da Beobachtungen von Geburten im natürlichen Lebensraum für viele Tierarten vergleichsweise schwierig sind, werteten sie über 150'000 Geburtsdaten aus zoologischen Gärten aus. Dort werden Geburten zuverlässig dokumentiert und an die gemeinnützigen Organisation Species360 weitergeleitet, die Daten aus Zoos aus aller Welt sammelt.

Saisonalität ist im Zoo und in der Natur meist gleich

Offen war bisher, ob die Saisonalität der Fortpflanzung in der Natur auch bei Tieren im Zoo erhalten bleibt, wenn das ganze Jahr über genügend Futter zur Verfügung steht und der Winter im geheizten Innenraum nicht so hart ist. "Es ist überraschend, wie gut sich die Zoo-Daten mit denen aus dem natürlichen Lebensraum decken", sagt Marcus Clauss, UZH-Professor der Vetsuisse. Der Zeitpunkt der Geburten hat sich bei mehr als 80% der Tierarten auch im Zoo nicht verändert. "Die Saisonalität ist evolutionsbedingt somit zu einem fixen Merkmal einer Tierart geworden ist - höchstwahrscheinlich anhand einer genetisch fixierten Reaktion auf ein durch die Tageslichtlänge vorgegebenes Signal", ergänzt Clauss. Lediglich einige Arten, die sich in den Tropen je nach Nahrungsgrundlage nur zu bestimmten Jahreszeiten fortpflanzen, tun das im Zoo, wo sie immer optimal versorgt sind, das ganze Jahr hindurch.

Lebensraum und Fortpflanzung hängen zusammen

So zählen etwa der Rotwolf (Canis rufus), der Nerz (Mustela lutreola), der Buntmarder (Martes flavigula), der Vielfrass (Gulo gulo), der kleine Panda (Ailurus fulgens), und der kanadischer Luchs (Lynx canadensis) zu den Raubtieren mit der ausgeprägtesten Saisonalität. Die optimale Jahreszeit für ihre Reproduktion ist sehr eng gefasst. Der Waldhund (Speothos venaticus), der Jaguar (Panthera onca) und die Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta) sind hingegen mit ihrer Fortpflanzung an keine Jahreszeit gebunden. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem natürlichen Verbreitungsgebiet einer Art und ihrem Fortpflanzungsverhalten: Je weiter weg vom Äquator eine Tierart natürlicherweise vorkommt, desto saisonaler ihr Fortpflanzungsverhalten.

Entweder sehr kurze oder sehr lange Tragzeiten

Die Forschenden entdeckten zudem zwei interessante Muster: Viele saisonale Raubtiere haben für ihre Körpergrösse kurze Tragzeiten, damit der Embryo zwischen der Paarungszeit im Herbst und dem Geburtstermin im Frühling rasch genug wächst. Andere hingegen verlängern ihre Tragzeit, damit sie zur richtigen Jahreszeit gebären. Dies passiert nicht etwa durch eine Verlangsamung des Embryo-Wachstums, sondern durch eine "Keimruhe" - eine Art zeitlich befristete Ruhestellung, in der sich die befruchtete Eizelle noch nicht in der Gebärmutter einnistet. "Scheinbar ist es leichter, im Zuge der Evolution das Embryowachstum zu beschleunigen als zu verlangsamen", folgert Clauss.

Einzige Ausnahme dieser Regel ist der Seeotter (Enhydra lutris), die einzige Otterart, die nur im Meer lebt. Sie kommt an der Küste Alaskas und damit weit weg vom Äquator vor. Ihre Fortpflan-zung sollte daher saisonal sein - ist es aber überhaupt nicht. Vermutlich, so die Forscher, weil sich der Seeotter von Seeigeln und Muscheln ernährt, die ganzjährig verfügbar sind.

Daten aus Zoos erklären Biologie der Arten

"Es ist faszinierend, wie wenig die Saisonalität der Fortpflanzung sich durch die Haltung im ganzjährig optimal versorgten Zoo beeinflussen lässt und wie gut sich daher Daten von Zootieren eignen, um die Biologie der Arten zu beschreiben", fasst Clauss zusammen. Bei Haustieren dage-gen stimmt dieser Zusammenhang kaum mehr, deren Reproduktion ist weitgehend an keine bestimmte Saison gebunden. Wer gerne neugeborene Raubtiere sehen will, sollte also im April oder Mai in den Zoo gehen.


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 14 Meldungen

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...

Meldung vom 14.05.2019

Archaeopteryx bekommt Gesellschaft

Forscher der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) sowie der LMU München be ...

Meldung vom 14.05.2019

Geschlechtsreife Aale bauen ihre Knochen ab

Um zu ihren Fortpflanzungsgebieten zu gelangen, schwimmen Europäische Aale mehrere Tausend Kilometer auf die ...

Meldung vom 13.05.2019

Universität Stuttgart benennt neue Bärtierchen-Art: Milnesium inceptum entdeckt

Eine neue Bärtierchen-Art wurde von Dr. Ralph Schill vom Institut für Biomaterialien und biomolekulare Syste ...

Meldung vom 13.05.2019

Anglerinnen und Angler sorgen für Fischartenvielfalt im Baggersee

Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben zusammen mit Fischere ...

Meldung vom 09.05.2019

Wie Stammzellen ein Gehirn korrekter Größe und Zusammensetzung bauen

Im Laufe der Gehirnentwicklung erzeugen Stammzellen unterschiedliche Typen von Neuronen zu unterschiedlichen Z ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
11.05.2018
Kenne Deinen Fisch!
11.05.2018
Leben ohne Altern
11.05.2018
Lebensraum Käse
11.05.2018
Domino im Urwald
11.05.2018
Trend-Hobby Imker
11.05.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung