Citizen Science als Erfolgsrezept in der Wildtierbiologie

Neues aus der Forschung

Meldung vom 23.04.2018

Verlässlichkeit der Daten und Motivation der BürgerInnen als Erfolgsfaktoren.


180429-0152_medium.jpg
 
Anbringen eines GPS-Halsbandes und Blutabnahme von einem narkotisierten Gepard in Namibia
Frigerio D, Pipek P, Kimmig S, Winter S, Melzheimer J, Diblíková L, Wachter B, Richter A
Citizen science and wildlife biology: Synergies and challenges
ETHOLOGY
DOI: 10.1111/eth.12746


Das Einbeziehen von BürgerInnen in wissenschaftliche Projekte boomt. Bürgerwissenschaft – auch Citizen Science genannt – ermöglicht es WissenschaftlerInnen, mit viel größeren Datenmengen als bisher zu arbeiten und damit zu besseren Forschungsergebnissen zu gelangen. Kritische Faktoren sind allerdings die Sicherstellung der Qualität der eingereichten Daten und die anhaltende Motivation der BürgerInnen. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Team von WissenschaftlerInnen unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und der Federführung der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien. In der Fachzeitschrift „Ethology“ stellt das Wissenschaftsteam vier Fallstudien aus der Wildtierbiologie vor.

Citizen Science erfährt in der Wildtierbiologie einen starken Aufschwung und ist ein vielversprechender Ansatz, um neue Wege der Kooperation zwischen Gesellschaft und Wissenschaft zu gehen. Die WissenschaftlerInnen zeigen in ihrer Studie, dass zwei Faktoren zum Erfolg von Citizen Science-Projekten führen: „Bürgerwissenschaft ist dann erfolgreich, wenn die Qualität und Verlässlichkeit der Daten und das Aufrechterhalten der Motivation der BürgerInnen über einen langen Zeitraum in die Natur hinauszugehen und Daten zu erheben gewährleistet ist“, erklärt Erstautorin Didone Frigerio von der Universität Wien. Letzteres ist insbesondere dann sichergestellt, wenn die BürgerInnen gleichzeitig Stakeholder sind und somit ein persönliches - z. B. finanzielles - Interesse an den Forschungsresultaten haben. Darüber hinaus ist die Motivation am besten dadurch zu erhalten, indem man die BürgerInnen ihre und andere Daten digital einsehen lässt. Dadurch werden die Fortschritte im Forschungsprojekt zum Erlebnis- und Erkenntnisgewinn.

Eine hohe Datenqualität erreicht man durch eine gute Einführung in die Arbeitsaufgaben und durch regelmäßige Kontrolle der Daten durch die WissenschaftlerInnen. So kann auch die Qualität von Daten - die von Kindern erhoben werden - bei einfachen Aufgaben gleichwertige Ergebnisse zu jenen der Forschenden liefern.

Das internationale Wissenschaftsteam aus Österreich, Tschechien und Deutschland stellt vier Fallstudien in Europa und Afrika vor, die zeigen, wie die Einbindung von BürgerInnen in die Wissenschaft gelingen kann.

Bürgerwissenschafts-Projekte können Informationen generieren, die zeigen, wie sich Wildtiere in Städten bewegen und an urbane Lebensräume anpassen. Das Projekt „Füchse in der Stadt“ erfasst beispielsweise das Verhalten und die Lebensraumnutzung der Tiere in Abhängigkeit von Stadtstruktur und menschlicher Aktivität in Berlin. „In unserer Fallstudie stand die Bedeutung von Medien-Zusammenarbeit im Vordergrund. Die kontinuierliche Begleitung des Projektes im Fernsehen und Radio trug wesentlich zur Rekrutierung der ehrenamtlichen Mitforschenden und zur Kommunikation der Forschungsziele nach außen bei“, erklärt Sophia Kimmig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin.

„In Namibia sind Geparde eine Bedrohung für die Rinderfarmer und die Einbindung der Farmer in die langjährigen Forschungsarbeiten führte zu neuen Lösungsansätzen, um Mensch-Tier-Konflikte zu reduzieren. Die stets sachliche und datenbasierte Kommunikation mit den Farmern, die Integration ihres Wissens und ihrer Daten in unsere Arbeit sowie die Langfristigkeit des Projekts führten zu gegenseitigem Vertrauen. Dieses Vertrauen ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Zusammenarbeit und letztendlich auch der Schlüssel zum Schutz der Geparde“, sagen Bettina Wachter und Jörg Melzheimer vom Leibniz-IZW.

Bürgerwissenschaft findet auch zwischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen statt. Kooperationsprojekte der Universität für Bodenkunde Wien (BOKU) und der Universität Wien integrieren SchülerInnen unterschiedlicher Altersklassen beim Monitoring von Kleinsäugern, Vögel und Insekten sowie beim Durchführen von Interviews mit der Bevölkerung. „Der größte Vorteil dabei liegt in der Zusammenarbeit von Naturwissenschaften, Bildungswissenschaften und der lokalen Bevölkerung, der durch das breite Netzwerk und die Zusammenarbeit mit Schulen entsteht“, so Silvia Winter, Wissenschaftlerin an der BOKU.

BürgerInnen der Tschechischen Republik nahmen an einem Projekt zur Erfassung der Gesänge der Goldammer mit Hilfe von Smartphones oder Digitalkameras teil. Erst durch die flächendeckende Kartierung der Gesänge war es den WissenschaftlerInnen möglich, Dialekte der Vögel zu erkennen und geographisch einzuordnen. „Der Erfolg unseres Projektes motivierte WissenschaftlerInnen in anderen Ländern wie der Schweiz und Polen, ebenfalls BürgerInnen in die Erfassung von Goldammer-Gesängen einzubinden“, so Pavel Pipek und Lucie Diblikova von der Karls Universität in Prag und der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 19.01.2019 14:41

Sehen was du fühlst

Gefühle, Motivation und Handlungen entstehen in unserem Gehirn. Eine zentrale Rolle dabei spielt die Kommunik ...

Meldung vom 19.01.2019 14:29

Wenn für Fischlarven die Nacht zum Tag wird

Biologinnen der Universität Siegen haben herausgefunden, dass Zebrafischlarven Infrarotlicht wahrnehmen könn ...

Meldung vom 19.01.2019 14:22

Süßwasserfische der Mittelmeerregion in der Klimakrise

Viele Süßwasserfische Europas sind durch den Klimawandel zukünftig stark bedroht. Dies gilt insbesondere f ...

Meldung vom 19.01.2019 14:12

Auch künstlich erzeugte Zellen können miteinander kommunizieren: Modelle des Lebens

Friedrich Simmel und Aurore Dupin, Forschende an der Technischen Universität München (TUM), ist es erstmals ...

Meldung vom 19.01.2019 14:05

Insekten lernten das Fliegen erst an Land

Analyse genetischer Daten weist auf Bodenoberfläche als Lebensraum ursprünglicher Fluginsekten hin.

Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung