Androgynie

Johannes der Täufer von Leonardo da Vinci, 1513–1516

Androgynie (von altgriechisch ἀνήρ, Genitiv ἀνδρός andros ‚Mann‘ und γυνή gyne ‚Frau‘) bedeutet „weibliche und männliche Merkmale vereinigend“. Es wird oft synonym zu „zwitterhaft“ verwendet, was aber biologisch nicht korrekt ist.

Allgemein

Umgangssprachlich werden Menschen, die sich bewusst als nicht geschlechtlich zugeordnet darstellen oder anderen Menschen so erscheinen, als androgyn bezeichnet. Schwach ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale bzw. sekundäre Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts sind für diese Einschätzung oft verantwortlich. Auch können die Wahl der Kleidung oder das Verhalten als androgyn ausgelegt werden.

Insbesondere androgyne Männer sind und waren in der Visual-Kei-, in der Emo- und in Teilen der Gothic-Szene, aber auch in der mittlerweile erloschenen New-Romantic-Bewegung weit verbreitet. Häufig gelten sie sogar als Sexsymbol, wie zum Beispiel Ville Valo, Vince Neil (Mötley Crüe), Brian Molko, Boy George oder Robert Smith. Durch Musiker wie David Bowie wurde androgynes Verhalten auch über die Szene hinaus bekannt. Weibliche Vertreterinnen sind die Sängerinnen Grace Jones, Amanda Lear, Maureen Tucker, Marla Glen und Annie Lennox sowie die Schauspielerinnen Brigitte Lin, Katherine Moennig, Daniela Sea, Tilda Swinton, Jenette Goldstein und das Model Agyness Deyn.

In der Untersuchung Die physische Attraktivität androgyner Gesichter[1] wurden mit Hilfe digitaler Bildbearbeitungsverfahren androgyne Bilder von Männern und Frauen erzeugt und Probanden vorgelegt. Je androgyner die Personen auf den Bildern waren, desto weniger attraktiv wurden sie beurteilt. Dafür fanden die Testpersonen sie „jünger, kindlicher, sympathischer und weiblicher“.

Eine andere Geschlechtsidentität, die als ein Gegensatz zu androgyn verstanden werden kann, wird als neutral-gender oder neutrois bezeichnet. Während androgyn die Kombination weiblicher und männlicher Charakteristika ist, bedeutet neutrois den Wunsch nach Abwesenheit geschlechtlicher Merkmale, nach einem Körper, der so geschlechtsneutral wie möglich ist.[2]

Psychologie

In der Persönlichkeitspsychologie werden Männlichkeit (Instrumentalität) und Weiblichkeit (Expressivität) als voneinander unabhängige Dimensionen der Persönlichkeit gesehen. Diese Dimensionen beschreiben die psychosozialen Aspekte der Geschlechtlichkeit und der Orientierung in der Geschlechterrolle.[3] Eine Messung kann mit Hilfe des Bem Sex Role Inventory (BSRI)[4] durchgeführt werden. Generell dient dieser Fragebogen zur Beurteilung der sexuellen Selbstidentifikation.[5] Personen, die auf der jeweiligen Skala der Maskulinität und Feminität hohe Werte zeigen und folglich ein männliches als auch ein weibliches geschlechtsrollenbezogenes Selbstbild aufweisen können, werden als Androgyne bezeichnet.[6] Es wird angenommen, dass Androgyne tendenziell psychisch stabiler seien, da ihnen eine größere Bandbreite an Verhaltensweisen zur adäquaten Lösung von Problemen zur Verfügung stünden.[3][7]

Mythen

In vielen Schöpfungsmythen werden die menschlichen Wesen als androgyn beschrieben. In der persischen Mythologie lebte das erste Menschenpaar, Licht und Dunkel, im Garten Eden gemeinsam in einem Körper, bis Ahura Mazda sie trennte. Die griechischen Mythen erzählen eine ähnliche Geschichte: Prometheus formte den Menschen androgyn aus Lehm und Athene verlieh ihnen Leben. Göttervater Zeus trennte die ursprünglichen Kugelmenschen und entnahm dem weiblichen Körper ein Stück Lehm, welches er dem Manne ansetzte. So haben Frauen bis heute eine blutende Öffnung, Männer aber ein zusätzliches Stück Körper und beide fühlen sich zueinander hingezogen.

Ardhanarishvara ist eine zweigeschlechtliche Figur aus der hinduistischen Götterwelt, die aus Shiva und seiner Gemahlin Parvati gebildet wird.

Medizin

In der Medizin ist Androgynie (häufig auch Androgynität) eine veraltete Fachbezeichnung für das Vorhandensein weiblicher Sexualorgane und sekundärer Geschlechtsmerkmale bei Individuen mit männlichem chromosomalen Geschlecht (Pseudohermaphroditismus).[8]

Siehe auch

  • Androgynos
  • Futanari
  • Heteronormativität
  • Heterosexismus
  • Queer-Theorie
  • Transvestitismus

Literatur

  • Dorothee Bierhoff-Alfermann: Androgynie. Möglichkeiten und Grenzen der Geschlechterrolle. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, ISBN 3-531-11861-7
  • Neuer Berliner Kunstverein (Hrsg.): Androgyn. Sehnsucht nach Vollkommenheit. Dietrich Reimer, Berlin 1986, ISBN 3-496-01037-1
  • Sandra L. Bem: The measurement of psychological androgyny. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 42, 1974, S. 155–162.
  • Remigius Bunia: "Die Natur der Androgynie". In: KulturPoetik 8, 2008, S. 153-169.
  • Achim Aurnhammer: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur. Böhlau, Köln 1986, ISBN 3-412-01286-6
  • Stephan Bernard Marti, Androgynität, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 1. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-01991-8

Weblinks

 Commons: Androgynie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference
Wiktionary Wiktionary: androgyn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Untersuchung über „Die physische Attraktivität androgyner Gesichter“ von Ansgar Feist, am Psychologischen Institut, Universität zu Köln (10. Mai 2006)
  2. Anette: wer „a“ sagt, muss nicht „b“ sagen. Ein sexpositives Zine über A_sexualität. Selbstverlag Berlin 2011. Oder online.
  3. 3,0 3,1 Sandra L. Bem: The measurement of psychological androgyny. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 42, 1974, S. 155-162.
  4. BSRI
  5. Lemma Bem Sex Role Inventory. In: Pschyrembel: Wörterbuch der Sexualität. De Gruyter, Berlin/New York, 2003.
  6. Dorothee Bierhoff-Alfermann: Androgynie - Möglichkeit und Grenzen der Geschlechterrollen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989.
  7. Spence, J.T. 1984: Gender Identity and its Implications for concepts of masculinity and feminity, Nebraska Symposium on Motivation, 60-95
  8. Lemma Androgynität. In: Pschyrembel: Wörterbuch der Sexualität. De Gruyter, Berlin/New York, 2003.

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