Wie Tiere die richtige Grösse erreichen



Bio-News vom 07.06.2022

Individuen der gleichen Art sind in der Regel nahezu gleich gross – obwohl bereits kleine Unterschiede in der Wachstumsgeschwindigkeit zu deutlichen Grössenunterschieden führen könnten. Ein Forschungsteam aus Bern und Basel hat anhand von Fadenwürmern entdeckt, dass die Wachstumsgeschwindigkeit die Geschwindigkeit einer genetisch kodierten Uhr beeinflusst. Durch diese Verknüpfung erreichen langsam und schnell wachsende Individuen die gleiche Körpergrösse.

Individuen derselben Art erreichen üblicherweise eine sehr ähnliche Körpergrösse. Diese Einheitlichkeit erstaunt, wenn man bedenkt, dass die Wachstumsgeschwindigkeiten von Individuen sich aufgrund zufälliger Ereignisse in Entwicklungsprozessen und Umwelt deutlich unterscheiden können. Zudem könnten selbst kleine Wachstumsunterschiede zu grossen Grössenunterschieden führen, da Wachstum oft exponentiell verläuft, was kleine Unterschiede über die Zeit verstärkt. Weshalb also erreichen Tiere trotzdem verlässlich eine einheitliche Grösse?


Die Entwicklung von Hunderten von C. elegans-Fadenwürmern, die in Mikrokammern wachsen, wurde mit Zeitraffermikroskopie aufgezeichnet.

Publikation:


Stojanovski, K., Großhans, H. & Towbin, B.D.
Coupling of growth rate and developmental tempo reduces body size heterogeneity in C. elegans

Nat Commun 13, 3132 (2022)

DOI: 10.1038/s41467-022-29720-8



Live-Imaging des Wachstumsprozesses

Wie Organismen ihre Grösse steuern, wurde bisher mehrheitlich anhand von einzelligen Mikroben untersucht. Ob mehrzellige Tiere ähnliche oder ganz andere Mechanismen verwenden, blieb hingegen weitgehend unklar. Eine Methode der Zeitraffermikroskopie, eingesetzt in der Forschungsgruppe von Helge Großhans am Friedrich Miescher Institut für biomedizinische Forschung (FMI), hat nun die Beantwortung dieser Frage anhand des Fadenwurms C. elegans ermöglicht. Benjamin Towbin, SNF-Eccellenza-Professor am Institut für Zellbiologie der Universität Bern, erlernte und optimierte diese Methode im Großhans-Labor und transferierte sie an seine neu gegründete Forschungsgruppe and der Universität Bern. Er nutzte die Methode, um die Entwicklung von hunderten C. elegans vom Schlüpfen bis zum Erwachsenwerden mikroskopisch aufzuzeichnen.


Collage von Bildern eines C. elegans-Individuums (das ein grün fluoreszierendes Protein produziert), aufgenommen über 48 Stunden vom Schlüpfen bis zum Erwachsenenalter. Zur vereinfachten Darstellung wurden die Bilder der Tiere computergestützt begradigt.

In einer Studie beschreibt Benjamin Towbin einen Mechanismus, der die Einheitlichkeit der Körpergrösse zwischen einzelnen Individuen gewährleistet. Dieser Mechanismus scheint aber nicht die Grösse als solche zu messen: „Der Mechanismus erkennt, wie schnell ein Individuum wächst und passt die Zeit, nach der dieses Individuum erwachsen wird, entsprechend an“, erklärt Towbin. Daher wächst ein langsam wachsendes Individuum über eine längere Zeit, so dass es trotzdem die richtige Grösse erreicht.


Caenorhabditis elegans in einer Fluoreszenz-Aufnahme.

Genetische Uhr gibt den Takt vor

Die Studie zeigt, dass die Verknüpfung von Dauer und Geschwindigkeit des Wachstums über zyklisch ein- und ausgeschaltete Gene gesteuert wird, also über Gene, die in ihrer Expression oszillieren. Aus der Forschung des Großhans-Labors war bekannt, dass solche oszillierenden Gene wie eine Uhr funktionieren, indem sie die Dauer der Jugendentwicklung steuern: nach genau vier Genexpressionszyklen endet die Jugendentwicklung und die Tiere werden erwachsen. Darauf aufbauend, entwickelte Benjamin Towbin feingesteuerte molekularen Manipulationen, welche diese Uhr verschnellern. Dadurch wurden die Tiere früher erwachsen und hatten eine kleinere Körpergrösse, wie es Towbin bereits anhand eines mathematischen Modells vorhergesagt hatte.

„Das mathematische Modell zeigt auch, dass der Einfluss der Wachstumsgeschwindigkeit auf die Geschwindigkeit von zyklischer Genexpressionen nicht spezifisch für Fadenwürmer ist“, erklärt Towbin. „Ein ähnliches Prinzip könnte daher auch in zahlreichen anderen Organismen wirken.“ Beispielsweise ist auch an der Entwicklung der Wirbelsäule von Wirbeltieren ein genetischer Oszillator beteiligt, dessen Kopplung zum Wachstum die richtige Grösse und Anzahl der Wirbel sicherstellen mag.


Diese Newsmeldung wurde mit Material des Friedrich Miescher Instituts for Biomedical Research - FMI via Informationsdienst Wissenschaft erstellt.

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