Weibliche Schmetterlingsfinken pfeifen auf Gehirnzellen

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.11.2015

Bei weiblichen Singvögeln sind die Bereiche des Gehirns, die für das Gesangslernen zuständig sind, meist deutlich kleiner und haben weniger Nervenzellen als bei männlichen Vögeln.


151104-1555_medium.jpg
 
Blaukopf-Schmetterlingsfinken (Uraeginthus cyanocephalus) inspizieren das Nest eines Jackson-Webers (Ploceus jacksoni).
Foto: Wolfgang Goymann
Lobato M, Vellema M, Gahr C, Leitao A, de Lima S, Geberzahn N and Gahr M. 2015. Mismatch in sexual dimorphism of developing song and song control system in blue-capped cordon-bleus, a songbird species with singing females and males.. 2015 Front. Ecol. Evol. 3:117
DOI: 10.3389/fevo.2015.00117

Bei weiblichen Singvögeln sind die Bereiche des Gehirns, die für das Gesangslernen zuständig sind, meist deutlich kleiner und haben weniger Nervenzellen als bei männlichen Vögeln. Es gibt jedoch viele Singvogelarten, bei denen auch Weibchen ausgiebig singen. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben jetzt bei einer solchen Art erstmalig herausgefunden, dass bereits bei jungen Vögeln die Weibchen bis zu 50 Prozent weniger Nervenzellen in den Gesangszentren haben. Für das Gesangslernen ist das jedoch zunächst unwichtig. Erst ausgewachsen haben die Weibchen ein anderes Gesangsverhalten: Sie singen dann kürzere und einfachere Strophen als die Männchen.

In allen bisher untersuchten Singvögeln finden sich Geschlechtsunterschiede in den Teilen des Gehirns, die für das Erlernen und die Produktion von Gesang zuständig sind: Bei den weiblichen Vögeln sind sie deutlich weniger voluminös und haben viel weniger Nervenzellen. Dies dient oft zur Erklärung, warum die meisten weiblichen Singvögel nicht singen können, beziehungsweise nur einfache Gesänge haben. Die neuroanatomischen Geschlechtsdifferenzen entstehen während der Entwicklung der Vögel und sind genetisch oder hormonell bedingt. Beispielsweise kann das männliche Geschlechtshormon Testosteron Gesang auch bei Weibchen auslösen.

Nun gibt es aber – vor allem in den Tropen –Singvogelarten, bei denen beide Geschlechter fast gleich gut singen. Der Gesang dient dort wohl dem Paarzusammenhalt und der ganzjährigen Verteidigung des Brutgebietes und der Nahrungsressourcen gegenüber Artgenossen. Zum ersten Mal hat nun ein Team von Wissenschaftlern um Manfred Gahr vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen die Entwicklung des Gesangslernens und der Neuroanatomie bei einer solchen in Afrika heimischen Art untersucht. Männliche und weibliche Schmetterlingsfinken beginnen 30 bis 40 Tage nach dem Schlüpfen mit ihrem ersten Gezwitscher. Die Wissenschaftler analysierten in regelmäßigen Zeitabständen während der Entwicklung der Tiere verschiedene Merkmale im Gesang der Jungvögel, fanden jedoch Geschlechtsunterschiede erst bei längst ausgewachsenen Vögeln, die älter als 250 Tage waren. Dann sangen die Weibchen plötzlich kürzere und einfachere Gesänge mit weniger Silben als ihre gleichaltrigen männlichen Artgenossen.

Parallel dazu schauten sich die Wissenschaftler die Neuroanatomie der Jungvögel an. Das Volumen und die Anzahl von Nervenzellen in den Gesangskontrollzentren war von Beginn an und während der ganzen Entwicklungsphase bei weiblichen Tieren geringer als bei männlichen. „Die Geschlechtsunterschiede in der Anatomie sind bereits in einer frühen Entwicklungsstufe in einem Alter von 20 Tagen vorhanden, gehen denen des Gesangsverhaltens also zeitlich weit voraus“, sagt Manfred Gahr. Die Entwicklung der beiden Geschlechter verläuft also zuerst trotz der verschiedenen Voraussetzungen parallel: Obwohl die Gesangszentren bis zu 55 Prozent kleiner sind und mit bis zu 50 Prozent weniger Neuronen ausgestattet, entwickeln die Weibchen einen Gesang, der mit dem männlichen durchaus vergleichbar ist. Zumindest für das Erlernen des Gesangs scheinen die Geschlechtsunterschiede im Volumen von Gehirngebieten und der Anzahl von Nervenzellen keine wichtige Rolle zu spielen.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 16 Meldungen

Meldung vom 21.05.2019

Neue Studie zeigt: Tropische Korallen spiegeln die Ozeanversauerung wider

Das Kalkskelett tropischer Korallen weist bereits Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung auf, die au ...

Meldung vom 21.05.2019

Namenlose Fliegen

Unsere heimischen Fliegen und Mücken zählen mit knapp 10.000 bekannten Arten zu einer der vielfältigsten In ...

Meldung vom 20.05.2019

Bonobo Mütter verhelfen ihren Söhnen zu mehr Nachwuchs

Bei vielen sozialen Tierarten teilen sich Individuen die Aufgaben der Kindererziehung, doch neue Forschungserg ...

Meldung vom 20.05.2019

Auf die Größe kommt es an

Ökologe der Universität Jena und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) ent ...

Meldung vom 20.05.2019

3D-Technologie ermöglicht Blick in die Vergangenheit

Studie identifiziert Fischarten anhand vier Millionen Jahre alter Karpfenzähne ‒ Modell zur Evolution der B ...

Meldung vom 20.05.2019

Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die genetische Vielfalt einer Art

Über das Genom des Alpenmurmeltiers.

Meldung vom 17.05.2019

Ernst Haeckel: Vordenker hochmoderner Disziplinen

Wissenschaftshistoriker der Universität Jena erklären Ernst Haeckels Ökologie-Definition.

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
04.11.2015
Kenne Deinen Fisch!
04.11.2015
Leben ohne Altern
04.11.2015
Lebensraum Käse
04.11.2015
Domino im Urwald
04.11.2015
Trend-Hobby Imker
04.11.2015
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung