Warum es beim Blinzeln nicht dunkel wird

Neues aus der Forschung

Meldung vom 24.09.2018

Verstehen, wie Wahrnehmung und Gedächtnis interagieren


180925-1430_medium.jpg
 
Dr. Caspar Schwiedrzik, Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum und an der Universitätsmedizin Göttingen
Schwiedrzik C M et al.
Medial prefrontal cortex supports perceptual memory
Current Biology 28, R1-R3, September 24, 2018
DOI: https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.07.066


Alle fünf Sekunden schließen wir für kurze Zeit die Augen, wir blinzeln, um die Augen zu befeuchten. In dieser Zeit fällt kein Licht auf unsere Netzhaut, trotzdem wird es nicht ständig dunkel, wir sehen weiterhin ein stabiles Bild unserer Umwelt. Das Gehirn scheint eine Art Gedächtnis für das gerade Gesehene zu haben. Wo dieses Gedächtnis liegt und wie es funktioniert haben Caspar Schwiedrzik und Sandrin Sudmann, Neurowissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum und der Universitätsmedizin Göttingen, zusammen mit Kollegen aus den USA an Epilepsie-Patienten untersucht. Dabei haben sie ein Gehirngebiet identifiziert, das für das Wahrnehmungsgedächtnis eine entscheidende Rolle spielt. Diese Erkenntnis trägt dazu bei, besser zu verstehen, wie Wahrnehmung und Gedächtnis interagieren (Current Biology).

Wir sehen die Welt als ein stabiles Ganzes, obwohl wir ständig blinzeln und Kopf und Augen bewegen. Es muss dem Gehirn also gelingen, die Sehinformation für kurze Zeit zu speichern und zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen, um diese Unterbrechungen zu überbrücken. Neurowissenschaftler um Caspar Schwiedrzik hatten eine bestimmte Hirnregion, den mittleren präfrontalen Kortex, der vor allem für das Kurzzeitgedächtnis und die Entscheidungsfindung zuständig ist, in Verdacht, hier eine wichtige Rolle zu spielen.


 
Grafische Darstellung des menschlichen Gehirns. Der mittlere Präfrontalkortex ist grün hervorgehoben. Darauf eingezeichnet sind die Orte, wo die Hirnaktivität gemessen wurde.

An der Universität von New York hatten die Wissenschaftler die Gelegenheit, bei Epilepsie-Patienten, die zur Behandlung ihrer Krankheit vorübergehend Elektroden ins Gehirn implantiert bekommen hatten, diese Gehirnregion zu untersuchen. Die Probanden bekamen auf einem Bildschirm ein Punktegitter zu sehen und sollten angeben, in welcher Orientierung (zum Beispiel horizontal oder vertikal) sie die dargestellten Punkte wahrnehmen. Dann wurde ihnen ein zweites Punktegitter gezeigt und sie sollten wieder angeben, in welcher Orientierung sie die Punkte wahrnehmen. War es beides Mal die selbe Orientierung, so wurde dies als Hinweis darauf gewertet, dass die Probanden die Information aus dem ersten Durchgang genutzt haben, um auf den zweiten Durchgang zu schließen. Während die Versuchspersonen die Aufgabe durchführten, wurde die Aktivität ihrer Nervenzellen im präfrontalen Kortex gemessen. Bei einer Patientin war diese Gehirnregion aufgrund ihrer Krankheit teilweise entfernt worden, sie konnte von der vorherigen Information nicht auf die aktuelle Aufgabe schließen, bei ihr gab es den Gedächtniseffekt also nicht.

„Unsere Untersuchungen zeigen, dass der mittlere präfrontale Kortex aktuelle Sehinformationen mit zuvor gewonnenen Informationen abgleicht und somit dazu beiträgt, dass wir die Welt stabil wahrnehmen, auch wenn wir die Augen beispielsweise beim Blinzeln kurz schließen“, sagt Caspar Schwiedrzik, Erstautor der Studie und Wissenschaftler am Deutschen Primatenzentrum und an der Universitätsmedizin Göttingen. Dies gilt aber nicht nur fürs Blinzeln, sondern auch für höhere kognitive Leistungen. „Auch wenn wir einen Gesichtsausdruck sehen, beeinflusst diese Information die Wahrnehmung des nächsten Gesichtes, das wir anschauen“, so Schwiedrzik.

„Wir konnten nachweisen, dass der präfrontale Kortex bei der Wahrnehmung und beim kontextabhängigen Verhalten eine wichtige Rolle spielt“, fasst Schwiedrzik die Erkenntnisse der Studie zusammen. In weiteren Studien wollen die Forscher unter anderem untersuchen, welche Rolle das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung beim Reizgedächtnis spielt.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung