Schimpansen verlieren ihre kulturelle Vielfalt

Neues aus der Forschung

Meldung vom 07.03.2019

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) hat untersucht, ob sich die Verhaltensdiversität von Schimpansen verringert, je stärker der Mensch in ihren Lebensraum eingreift. Dazu haben die Forschenden das Schimpansenverhalten zahlreicher Gruppen im Freiland miteinander verglichen, die jeweils unterschiedlich starken Störungen durch den Menschen ausgesetzt waren. Ihren Ergebnissen zufolge ist die Verhaltensvielfalt derjenigen Gruppen deutlich geringer, die besonders starken Störungen und Umweltveränderungen durch den Menschen ausgesetzt sind.


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Männliche Schimpansen der Rekambo-Gruppe bei der Fellpflege im Loango Nationalpark, Gabun.
Hjalmar S. Kühl, et al.
Human impact erodes chimpanzee behavioral diversity
Science, 07. März 2019
DOI: 10.1126/science.aau4532


Im Vergleich zu allen anderen Arten mit Ausnahme des Menschen verfügen Schimpansen über eine außergewöhnlich hohe Verhaltensvielfalt. Diese Vielfalt zeigt sich zum Beispiel im Zusammenhang mit der Gewinnung von Nahrung, der Kommunikation und der Anpassung an Hitze. Viele dieser Verhaltensweisen werden durch soziales Lernen von erwachsenen Individuen an Jungtiere weitergegeben, sind gruppenspezifisch und gelten als Belege dafür, dass es unterschiedliche Schimpansenkulturen gibt. Wie alle anderen Menschenaffen sind auch Schimpansen durch menschliche Aktivitäten, die den natürlichen Lebensraum der Tiere verändern, zunehmend bedroht. Ihr Lebensraum, die tropischen Regenwälder und Baumsavannen, wird zunehmend in landwirtschaftliche Nutzflächen, Plantagen und Siedlungen umgewandelt oder durch den Abbau von Bodenschätzen und die Entwicklung der Infrastruktur massiv verändert.

Ein Großteil der empirischen Studien und daraus resultierenden Diskussionen über den Verlust der biologischen Vielfalt beschäftigte sich bisher mit dem Rückgang von Arten, dem Verlust von genetischer Vielfalt oder auch dem Funktionieren von Ökosystemen. Doch auch die Verhaltensvielfalt ist eine Facette der Biodiversität. Mangels empirischer Daten war bisher jedoch unklar, ob auch die Verhaltensdiversität durch menschliche Einflüsse negativ beeinflusst wird.


 
Schimpansen im Taï-Wald an der Elfenbeinküste beim Nüsse knacken mit einem Steinhammer.

Daten aus 15 Ländern

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Hjalmar Kühl und Ammie Kalan von der Abteilung für Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) trug einen umfangreichen Datensatz zusammen, der über 31 Verhaltensweisen von Schimpansen aus 144 Gruppen dokumentiert. Die untersuchten Gruppen waren dabei über das gesamte Verbreitungsgebiet frei lebender Schimpansen verteilt. Ein Teil dieser Informationen war in der wissenschaftlichen Literatur bereits verfügbar. Zahlreiche weitere Daten erhob das internationale Forschungsteam im Laufe der letzten neun Jahre im Rahmen des Projekts Pan African Programme an 46 Standorten in 15 afrikanischen Ländern, in denen Schimpansen leben. Zu den Verhaltenskategorien, die in dieser Studie untersucht wurden, gehören die Entnahme und der Verzehr von Termiten, Ameisen, Algen, Nüssen und Honig; die Verwendung von Werkzeugen zur Jagd oder zum Graben nach Knollen, die Verwendung von Steinen sowie die Nutzung von Tümpeln und Höhlen.

Die Forschenden untersuchten das Auftreten von Verhaltensweisen im Verhältnis zum menschlichen Einfluss auf die Umwelt. Der menschliche Einfluss wurde als eine Gesamtheit verschiedener Ebenen ermittelt, darunter die Bevölkerungsdichte, das Vorhandensein von Straßen, Flüssen oder Waldbedeckung. Diese Ebenen gelten als Indikatoren, die das Ausmaß von Störungen und Landnutzungsänderungen in den Lebensräumen der Schimpansen belegen. "Unsere Analysen zeigen ganz deutlich: An Orten mit einer hohen Belastung durch den Menschen ist die Verhaltensvielfalt der Schimpansen deutlich geringer", erklärt Kalan, Forscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Dieses Muster war durchgängig und unabhängig davon, welcher Kategorie eine bestimmte Verhaltensweise zugeordnet war. Im Durchschnitt ist die Verhaltensvielfalt der Schimpansen an Orten mit dem stärksten menschlichen Einfluss um 88 Prozent reduziert."



Erklärungen für den Verlust von Verhaltensweisen

Wie beim Menschen spielt möglicherweise auch bei Schimpansen die Bevölkerungsgröße eine wichtige Rolle für den Erhalt kultureller Eigenschaften. Schrumpfende Populationen haben eine geringere Kapazität für Verhaltensvielfalt. Auffällige Verhaltensweisen, wie etwa das Nüsse knacken, könnten die Tiere vermeiden, um Jägern ihren Aufenthaltsort nicht preiszugeben. Möglicherweise findet auch wegen der Lebensraumverschlechterung und Ressourcenverknappung die Weitergabe von Wissen und lokalen Traditionen von einer Generation zur nächsten nicht mehr vollständig statt. Zudem trägt der Klimawandel möglicherweise zu einer reduzierten Verhaltensdiversität bei, da er die Produktion wichtiger Nahrungsressourcen beeinflussen und deren Verfügbarkeit für die Tiere unvorhersehbar machen könnte. Sehr wahrscheinlich hat eine Kombination dieser verschiedenen Mechanismen zu einer Verringerung des Verhaltensrepertoires der Schimpansen geführt.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Strategien zur Erhaltung der Biodiversität auch auf den Schutz der Verhaltensdiversität von Tieren ausgedehnt werden sollten", sagt Kühl, ein Ökologe am Forschungszentrum iDiv und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Orte mit außergewöhnlichen Verhaltensweisen können als 'Schimpansen-Kulturerbe' geschützt werden, und dieses Konzept kann auch auf andere Arten mit hoher kultureller Variabilität ausgedehnt werden, wie zum Beispiel Orang-Utans, Kapuzineraffen oder Wale." Diese Vorschläge stehen im Einklang mit bereits laufenden Bemühungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt, wie zum Bespiel dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) oder dem Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden wild lebenden Tierarten (CMS) im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), das den Schutz der biologischen Vielfalt in ihrer Gesamtheit fordert, einschließlich der Verhaltens- und kulturellen Vielfalt von Tierarten.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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