Italienische Mauereidechsen setzen sich gegen heimische durch

Meldung vom 13.12.2015 22:53

Trierer Biogeographen erforschen Ausbreitungsmuster und plädieren für veränderten Artenschutz

151213-2255_medium.jpg
 
Eidechsen-Männchen vererben das Farbmuster an ihre Nachkommen: die Rückenfärbungen (von oben nach unten) einer heimischen, einer italienischen und einer hybriden Mauereidechse.
Foto: Joscha Beninde

Quelle: idw-online

Nicht-heimische Mauereidechsen verbreiten sich zunehmend in Deutschland. Dieses Phänomen ist bekannt und gut dokumentiert. Der Biologe Joscha Beninde von der Universität Trier untersucht in seiner Doktorarbeit die Ursachen. Das Ergebnis: Die Männchen italienischer Mauereidechsen sind durchsetzungsfähiger als die heimischen und verdrängen sie bei der Partnerwahl. Um die heimische Mauereidechse langfristig schützen zu können, plädiert die Trierer Forschergruppe dafür, die Praxis des europaweiten Artenschutzes anzupassen.

Joscha Beninde hat das Ausbreitungsmuster in Deutschland exemplarisch anhand von Mauereidechsen in Mannheim untersucht. Er geht davon aus, dass dieser Mechanismus auf alle Populationen übertragbar ist, in denen italienische auf andere Mauereidechsen stoßen. Damit bestätigt er Ergebnisse des schwedischen Evolutionsbiologen Dr. Tobias Uller, der die dominante Durchsetzungsfähigkeit von Männchen italienischer Mauereidechsen festgestellt hatte.

Um die Effekte weiblicher oder männlicher Partnerwahl auseinanderhalten zu können, hat das Forscherteam mit experimentellen Partnerwahlversuchen, Messungen der Farbmuster und Morphologie sowie genetischen Analysen eine aufwendige Studie vorgelegt. Der Vergleich von Datensätzen aus England, Italien und Deutschland zeigte ein typisches Muster beim Aufeinandertreffen verschiedener Mauereidechsen auf: die genetische Nachweisbarkeit des italienischen Ursprungs geht schneller verloren als das typisch italienische Farbmuster. Dieses Muster lässt sich nur mit der Dominanz italienischer Männchen gegenüber den Männchen anderer Mauereidechsen erklären. Denn die Männchen vererben das Farbmuster an ihre Nachkommen, jedoch nicht die Gene des Mitochondriums, die ausschließlich von der Mutter an ihre Nachkommen weitergegeben werden. In den experimentellen Partnerwahlversuchen bestätigte sich nun dieser Verdacht, indem nicht-heimische Männchen dominanter waren, während die Weibchen keinerlei Präferenzen zeigten.

Das Besondere an der Mauereidechse ist, dass es hier innerhalb einer Art zur Konkurrenz verschiedener evolutiver Linien kommt, während sonst solche Prozesse zwischen verschiedenen Arten untersucht wurden. Die Mauereidechse ist eine Art, die in weiten Teilen Süd-Europas vorkommt und in Deutschland an ihren nördlichen Verbreitungsrand stößt. Im Lauf der Evolution haben sich die Mauereidechsen der verschiedenen Regionen Europas getrennt voneinander entwickelt, was beispielsweise an den unterschiedlichen Farbmustern zu erkennen ist. In der Biologie spricht man hier von verschiedenen genetischen Linien innerhalb einer Art. Diese genetischen Linien werden alle der Art Mauereidechse zugeordnet, wie in der Studie eindrücklich durch die Verpaarung italienischer und heimischer Linien unter Beweis gestellt wurde.

In Deutschland werden die italienischen Linien vielfach eingeschleppt, inzwischen gibt es über 100 bekannte Populationen. Entweder werden die Tiere von Hobby-Terrarianern gezielt ausgesetzt oder sie gelangen als blinde Passagiere, etwa beim Transport im Gartenbau, nach Deutschland.

Nach der europaweiten Artenschutz-Praxis sind alle Individuen der Mauereidechse in Deutschland schützenswert - ungeachtet ihrer Herkunft. Diese Sichtweise greift nach Ansicht der Trierer Forschergruppe viel zu kurz. Dies zeigt die im renommierten Fachjournal „Ecology Letters" veröffentlichte Studie auf. Sie plädieren dafür, den Schutz von italienischen Mauereidechsen auch in Deutschland zu überdenken. Dies sei schon jetzt gängige Praxis beim Schutz auf Artniveau, wo Arten fremder Herkunft keinen Schutzstatus haben und manchmal sogar aktiv bekämpft werden. Dieses Schutzverständnis wird jedoch nicht auf Biodiversität innerhalb von Arten übertragen – eine Praxis die sich nach Meinung der Trierer Forschergruppe bald möglichst ändern sollte, um die heimische Mauereidechse langfristig schützen zu können.


Archiv:

Meldung vom 10.11.2017 01:18

Anthropologen beschreiben dritte Orang-Utan-Art

Bis heute gelten der Borneo- und Sumatra-Orang-Utan als zwei getrennte Arten. Nun beschreiben UZH-Forschende m ...

Meldung vom 10.11.2017 01:09

Überlebt, dank Farbanpassung

Wie konnten Pferde das Massenaussterben der Megafauna nach der letzten Eiszeit überstehen? Unter anderem durc ...

Meldung vom 09.11.2017 23:52

Gemeinsame Vorfahren – DNA enthüllt die Geschichte der Säbelzahnkatzen

Wissenschaftlern der Universität Potsdam ist es gelungen, wesentliche neue Erkenntnisse zur Geschichte zweier ...

Meldung vom 19.01.2017 14:46

Weltweite Bedrohung von Primaten betrifft uns alle

Wissenschaftler des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) fordern zusammen mit einem internationalen Expertenteam s ...

Ältere Nachrichten:

Anything in here will be replaced on browsers that support the canvas element