Insektensterben durch Lichtverschmutzung

Neues aus der Forschung

Meldung vom 19.06.2018

Klimawandel, Pestizide und Landnutzungsänderungen allein können den Rückgang von Insektengemeinschaften in Deutschland nicht vollends erklären. WissenschaftlerInnen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nun festgestellt, dass die Regionen, die einen starken Rückgang an Fluginsekten verzeichnen, auch unter einer hohen Lichtverschmutzung leiden. Viele Studien weisen bereits darauf hin, dass künstliches Licht in der Nacht negative Auswirkungen auf Insekten hat und dass diesem Umstand künftig mehr Beachtung geschenkt werden sollte, wenn es an die Ursachenforschung für das Insektensterben geht.


180629-1818_medium.jpg
 
Versuchsfeld im Naturpark Westhavelland
Grubisic, M., van Grunsven, R.H.A., Kyba, C.C.M., Manfrin, A. and Hölker, F.
Insect declines and agroecosystems: does light pollution matter?
Ann Appl Biol.
DOI: 10.1111/aab.12440


Die Biomasse fliegender Insekten ist um mehr als 75 Prozent zurückgegangen – diese alarmierende Zahl hat im Herbst 2017 Schlagzeilen gemacht. Die AutorInnen der 2017 veröffentlichten Studie* hatten die Zahl der Fluginsekten in ausgewählten Schutzgebieten innerhalb von Landwirtschaftsflächen in Deutschland über 27 Jahre beobachtet und vermuten, dass die Veränderungen von Klima und Lebensraum für den Rückgang der Insektenpopulationen verantwortlich sind. Gleichzeitig wiesen sie darauf hin, dass diese Einflüsse allein den drastischen Rückgang noch nicht erklären können.

Licht zur falschen Zeit bringt Ökosysteme aus dem Gleichgewicht

Ein klarer Arbeitsauftrag für die WissenschaftlerInnen der IGB-Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie. Denn dass künstliche Beleuchtung in der Nacht die Zahl und Gemeinschaften von Insekten stark beeinflusst, wissen sie aus früheren Arbeiten. Das Team um IGB-Forscherin Dr. Maja Grubisic hat sich deshalb zunächst die Lage der 2017er-Untersuchungsgebiete angeschaut: Gebiete in Ballungszentren, die eine überdurchschnittlich hohe Lichtverschmutzung aufweisen. „Die Hälfte aller Insektenarten ist nachtaktiv. Sie sind auf Dunkelheit und natürliches Licht von Mond und Sternen angewiesen, um sich zu orientieren und fortzubewegen oder Räubern auszuweichen. Und um ihren allnächtlichen Aufgaben wie Nahrungssuche und Fortpflanzung nachzugehen. Eine künstlich erhellte Nacht stört dieses natürliche Verhalten – mit negativen Auswirkungen auf die Überlebenschancen“, begründet Maja Grubisic den Ausgangspunkt ihrer Untersuchung.


 
Insekten zählen ist Teil der Arbeit.

Künstliche Beleuchtung in der Nacht könnte ein Grund für den Insektenrückgang sein

Die WissenschaftlerInnen haben alle jüngsten Einzelstudien zu den Auswirkungen von künstlichem Licht in der Nacht auf Insekten ausgewertet und festgestellt, dass Vieles für einen ernstzunehmenden Zusammenhang zwischen Lichtverschmutzung und Insektensterben spricht. Fluginsekten werden beispielsweise von künstlichen Lichtquellen angezogen – und gleichzeitig aus anderen Ökosystemen abgezogen – und sterben durch Erschöpfung oder als leichte Beute. Zusätzlich werden sie durch Lichtschneisen in ihrer Ausbreitung gebremst. Der dadurch fehlende genetische Austausch innerhalb zergliederter Insektenpopulationen könnte deren Widerstandsfähigkeit gegen andere negative Umwelteinflüsse reduzieren, die sich in landwirtschaftlich genutzten Gebieten besonders akkumulieren.



Auf Landwirtschaftsflächen – die immerhin elf Prozent der weltweiten Bodennutzung ausmachen – bedeuten weniger Insekten aber nicht nur eine geringere Artenvielfalt, sondern auch die Gefährdung wichtiger Ökosystemleistungen: weniger Nachtfalter, Käfer und Fliegen bestäuben zum Beispiel weniger Pflanzen. Und auch Veränderungen im Vorkommen und Verhalten von Schädlingen wie Blattläusen oder aber deren Feinden wie Käfern und Spinnen können das eingespielte System aus dem Gleichgewicht bringen. Darüber hinaus kann künstliches Licht in der Nacht auch direkte Auswirkungen auf Wachstum und Blütezeit der Pflanzen und somit den Ertrag haben.

Alle Einflussfaktoren müssen verstanden und berücksichtigt werden – darunter auch Lichtverschmutzung

„Unsere Übersichtsstudie zeigt, dass künstliches Licht in der Nacht weit verbreitet ist und komplexe Auswirkungen in landwirtschaftlichen Gebieten mit unbekannten Konsequenzen für die Biodiversität und Pflanzenproduktion haben kann. Daher sollte Lichtverschmutzung in zukünftigen Studien generell als potentieller Stressfaktor berücksichtigt werden, um letztlich Wege aufzeigen zu können, die helfen Umweltprobleme zu reduzieren,“ resümiert Dr. Franz Hölker, Leiter der Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie am IGB.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 17 Meldungen

Meldung vom 18.06.2019

Wer über den Klimawandel redet, muss auch über Mikroben reden

Nicht nur generell in der dynamischen Erdgeschichte sondern gerade auch beim menschengemachten Klimawandel spi ...

Meldung vom 18.06.2019

Was dem Ohr verborgen bleibt: Rekorder-Einsatz beim Tierarten-Monitoring

Lange haben sich Ökologinnen und Ökologen auf ihre Sinne verlassen, wenn es darum ging, Tierpopulationen und ...

Meldung vom 17.06.2019

Zellbiologie - Qualitätskontrolle für Mitochondrien

Verklumpte Proteine schädigen die Mitochondrien und legen damit die Energieversorgung der Zelle lahm. LMU-For ...

Meldung vom 17.06.2019

Neue Weizensorten bewähren sich auch unter widrigen Anbaubedingungen

JKI beteiligt an umfassendem Sortenversuch zum Züchtungsfortschritt im westeuropäischem Weizensortiment, der ...

Meldung vom 17.06.2019

Mit dem Milbentaxi zum Nachbarwirt: Honigbienen-Parasit Varroa-Milbe wird auch Wildbienen gefährlich

Ein Forscherteam um die Ulmer Professorin Lena Wilfert hat herausgefunden, dass ein wichtiger Parasit der Honi ...

Meldung vom 17.06.2019

Luchse in der Türkei: Nicht-invasive Probensammlung liefert wichtige Erkenntnisse zu genetischer Vielfalt und Verhalten

Über den Kaukasischen Luchs (Lynx lynx dinniki) ist sehr wenig bekannt. Es ist eine Unterart des Eurasischen ...

Meldung vom 17.06.2019

Spülsystem im Magen schont die Zähne der Wiederkäuer

Ziegen, Schafe und Kühe nehmen mit dem Fressen oft zahnschädigende Erdpartikel auf. Wie sich die Tiere vor z ...

Meldung vom 17.06.2019

Wichtiger Schritt der Evolution entdeckt: Körperwärme ohne Muskelzittern

Die eigene Körpertemperatur unabhängig von der Außentemperatur regulieren zu können, war ein wichtiger Sch ...

Meldung vom 14.06.2019

Am Anfang des Lebens - Der direkte Weg

Das Erbmolekül DNA ist womöglich viel früher entstanden als bislang angenommen. Chemiker um Oliver Trapp ze ...

Meldung vom 14.06.2019

Signale aus der Pflanzenzelle

Zwei Wissenslücken sind geschlossen: Die Vakuolen von Pflanzenzellen lassen sich elektrisch erregen, und der ...

Meldung vom 12.06.2019

Hörkortex verarbeitet nicht nur Töne

Wie wir im Straßenverkehr auf das Hupen eines Autos reagieren sollten, hängt von der Situation ab, in der wi ...

Meldung vom 12.06.2019

„Die Ära des Menschen und seiner Zivilisation“

Team von Wissenschaftshistorikern der Friedrich-Schiller-Universität Jena spürt den Ideengeber für die Beze ...

Meldung vom 12.06.2019

Greifen und Zugreifen – wie das Lernen feinmotorischer Bewegungen das Gehirn verändert

Trainieren wir das Greifen und Ergreifen von Gegenständen, so trainieren wir unser Gehirn. Genaugenommen ver ...

Meldung vom 12.06.2019

Vogelgehirne synchronisieren sich beim Duettgesang

Bei den Mahaliwebern beginnt das Männchen oder das Weibchen mit seinem Gesang und der Partner setzt zu einem ...

Meldung vom 11.06.2019

Bienenwolf bekämpft Schimmel mit Gas

Regensburger Biologen entdecken in Zusammenarbeit mit Mainzer und Jenaer Wissenschaftlern, dass die Eier der W ...

Meldung vom 11.06.2019

Tropische Zecken: Neu eingewanderte Art überwintert erstmals in Deutschland

Tropische Hyalomma-Zecke wieder in Deutschland gesichtet / Team der Uni Hohenheim und des Instituts für Mikro ...

Meldung vom 07.06.2019

Auf der Suche nach Stickstoff – Wie Brassinosteroide Wurzeln bei Stickstoffmangel wachsen lassen

Bis vor Kurzem war die „Foraging Reaktion“ die am wenigsten verstandene Anpassung von Wurzeln an den Stick ...


21.05.2019
Namenlose Fliegen
03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
29.06.2018
Kenne Deinen Fisch!
29.06.2018
Leben ohne Altern
29.06.2018
Lebensraum Käse
29.06.2018
Domino im Urwald
29.06.2018
Trend-Hobby Imker
29.06.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung