Extremes Jagdverhalten macht Schweinswale anfällig für Störungen

Neues aus der Forschung

Meldung vom 30.05.2016

Internationales Wissenschaftlerteam veröffentlicht Studie über Fressgewohnheiten


160530-1854_medium.jpg
 
Schweinswale sind weit verbreitet - so auch in der Ost- und Nordsee.
Foto: Jonas Teilmann
Danuta Maria Wisniewska, Mark Johnson, Jonas Teilmann, Laia Rojano-Doñate, Jeanne Shearer, Signe Sveegaard, Lee A. Miller, Ursula Siebert, Peter Teglberg Madsen. 2016. Ultra-High Foraging Rates of Harbor Porpoises Make Them Vulnerable to Anthropogenic Disturbance. Current Biology
DOI: 10.1016/j.cub.2016.03.069

Schweinswale zählen zu den kleinsten und am weitesten verbreiteten maritimen Säugetieren. Aufgrund ihrer geringen Größe von etwa anderthalb Metern und einem Gewicht von durchschnittlich 50 Kilogramm, müssen sie, um in den vergleichsweise kalten Gewässern, in denen sie heimisch sind, ausreichend Nahrung zu sich nehmen, damit sie ihre Körpertemperatur aufrecht erhalten können. Eigentlich leben eher größere Wale in kalten Gewässern – aufgrund ihrer Körpermasse ist es für sie leichter, nicht zu unterkühlen.

Bisherige Studien mit Sendern ließen darauf schließen, dass Schweinswale unregelmäßig fressen. Diese Erkenntnis passte aber nicht zu den vielen kleinen Fischen, die in den Mägen gestrandeter Schweinswale gefunden wurden. In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Current Biology berichten Wissenschaftler aus Deutschland, Dänemark und Schottland, dass Schweinswale Tag und Nacht durchgehend kleine Fische mit weniger als fünf Zentimetern Länge jagen. Sie fangen etwa 3.000 Fische am Tag. Das entspricht einer Erfolgsrate von über 90 Prozent – Schweinswale gehören damit zu den erfolgreichsten bekannten Raubtieren.

Schweinswale orientieren sich im Wasser über die Echoortung. Dafür senden die Tiere Schallwellen aus, die von der Umgebung reflektiert werden. Kommt das Echo zu ihnen zurück, erhalten sie ein Bild der Umgebung. Für ihre Untersuchungen statteten die Forscher die Meeressäuger mit Sendern aus. Sie befestigten sie an Schweinswalen mit Saugnäpfen, um das Echolot und das entsprechende Echo, das von den Beutetieren zurückkommt, aufzunehmen. So konnten die Wissenschaftler messen, wie häufig die Schweinswale versuchten, Fische zu fangen, welche Größe die Fisch hatten und ob sie entkommen konnten.

Bearbeitet wurde die Studie von Danuta Wisniewska, Wissenschaftlerin an der Universität Aarhus in Dänemark. Sie sagt: „Das Jagen in der freien Wildbahn zu studieren ist wichtig für unser ökologische Verständnis, aber es ist auch eine Herausforderung – es ist schwierig gleichzeitig zu erfassen, was der Jäger und was das Beutetier macht. Unsere Studie untersucht erstmals simultan, wie ein marines Säugetier jagt und wie häufig es erfolgreich ist.“

Mark Johnson, Wissenschaftler an der Universität St. Andrews in Schottland, entwickelte die Sender, die für die Studie verwendet wurden. Er sagt: „Der Trick war, den Echolotschall abzuhören, den die Schweinswale nutzen, um ihre Umgebung zu erfassen. Die Tiere erzeugen etwa hundert Klicks pro Sekunde, wenn sie sich ihrer Beute näher. Der reflektierte Schall gibt uns unglaublich genaue Informationen darüber, was die Beutetiere machen.“

Professorin Dr. Ursula Siebert und Dr. Andreas Ruser aus dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) erläutern: „Das Projekt wurde vom Bundesamt für Naturschutz finanziert und von der TiHo koordiniert.“ Beteiligt war zudem die Süddänische Universität. Ein Ziel der Studie ist, zu verstehen, wie dichter Schiffsverkehr, Fischerei, Ölförderung sowie eine steigende Zahl von Windkraftanlagen und Gezeitenturbinen in den europäischen Gewässern Schweinswale beeinflussen. Obwohl die Fische, die von den Schweinswalen gejagt werden, aufgrund ihrer Größe nicht für die kommerzielle Fischerei interessant sind, landen Schweinswale immer wieder als Beifang in den Fischernetzen. Für einige Populationen ist das die größte Bedrohung. Der Lärm von Schiffen, Bauarbeiten im Meer sowie die Suche nach Öl beeinträchtigt die Schweinswale ebenfalls, wie jüngste Studien zeigen. Peter Madsen, Professor für Zoophysiologie an der Universität Aarhus wirkte ebenfalls an der jetzt veröffentlichten Studie mit, er sagt: „Die Schweinswale sind auf ihre kleinen Beutetiere angewiesen – das macht sie besonders anfällig für Störungen. Pausieren sie über einen längeren Zeitraum mit der Jagd, hat das für sie ernsthafte Konsequenzen.“


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 16 Meldungen

Meldung vom 21.05.2019

Neue Studie zeigt: Tropische Korallen spiegeln die Ozeanversauerung wider

Das Kalkskelett tropischer Korallen weist bereits Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung auf, die au ...

Meldung vom 21.05.2019

Namenlose Fliegen

Unsere heimischen Fliegen und Mücken zählen mit knapp 10.000 bekannten Arten zu einer der vielfältigsten In ...

Meldung vom 20.05.2019

Bonobo Mütter verhelfen ihren Söhnen zu mehr Nachwuchs

Bei vielen sozialen Tierarten teilen sich Individuen die Aufgaben der Kindererziehung, doch neue Forschungserg ...

Meldung vom 20.05.2019

Auf die Größe kommt es an

Ökologe der Universität Jena und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) ent ...

Meldung vom 20.05.2019

3D-Technologie ermöglicht Blick in die Vergangenheit

Studie identifiziert Fischarten anhand vier Millionen Jahre alter Karpfenzähne ‒ Modell zur Evolution der B ...

Meldung vom 20.05.2019

Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die genetische Vielfalt einer Art

Über das Genom des Alpenmurmeltiers.

Meldung vom 17.05.2019

Ernst Haeckel: Vordenker hochmoderner Disziplinen

Wissenschaftshistoriker der Universität Jena erklären Ernst Haeckels Ökologie-Definition.

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
30.05.2016
Kenne Deinen Fisch!
30.05.2016
Leben ohne Altern
30.05.2016
Lebensraum Käse
30.05.2016
Domino im Urwald
30.05.2016
Trend-Hobby Imker
30.05.2016
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung