Biber-Multikulti in Deutschland

Neues aus der Forschung

Meldung vom 22.05.2014

Senckenberger befürworten Vermischung verschiedener Bibervorkommen


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Ein Europäischer Biber – ob West- oder Ostlinie sieht man den Tieren nicht an.
Foto: Christof Angst
Frosch C, Kraus RHS, Angst C, Allgöwer R, Michaux J, et al. 2014. The Genetic Legacy of Multiple Beaver Reintroductions in Central Europe. PLoS ONE 9(5): e97619
DOI: 10.1371/journal.pone.0097619

Wissenschaftler des Forschungsinstituts Senckenberg haben mittels genetischer Methoden die Populationsstruktur von Bibern in Mitteleuropa untersucht. Molekulargenetische Analysen konnten erstmals zeigen, dass sich Biber verschiedener Herkunft erfolgreich vermischen und dabei eine erhöhte genetische Vielfalt im Vergleich zu reinen Reliktpopulationen aufweisen. Die Biologen befürworten diese Vermischung und stellen gleichzeitig die bisherige Unterteilung in Unterarten für Mitteleuropa in Frage. Die zugehörige Studie ist in der Fachzeitschrift PLoS ONE erschienen.

Sie bauen Burgen und Dämme, fällen Bäume und sind die größten Nagetiere Europas: Nachdem der Biber Mitte des 20. Jahrhunderts kurz vor der Ausrottung stand, sind die Nager nun in mehreren Teilen Deutschlands wieder auf dem Vormarsch.

„Durch die Einstellung der Biberjagd, verschiedene Wiederansiedlungsprojekte und Schutzmaßnahmen konnten die Biber in Deutschland wieder Fuß fassen“, erklärt Erstautorin der Studie Christiane Frosch, die im Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen ihre Doktorarbeit angefertigt hat. Dabei hat sie 235 Biberproben aus fünf ausgewählten Regionen in Deutschland, der Schweiz, Luxemburg und Belgien mit verschiedenen genetischen Methoden untersucht.

Der invasive Nordamerikanische Biber Castor canadensis konnte lediglich in den Grenzgebieten von Rheinland-Pfalz, Belgien und Luxemburg nachgewiesen werden. Dr. Robert Kraus, Mitautor der Studie ergänzt: „Mit einem intensiven Management in diesen Regionen sollte der Nordamerikanische Biber dort aber in Kürze nicht mehr in freier Wildbahn anzutreffen sein.“

Der eingewanderte Biber ist etwas größer, als sein europäischer Verwandte Castor fiber und steht im Verdacht seinen Artgenossen aus dessen Lebensraum zu verdrängen.

Die Taktik zur Wiederansiedlung und zum Management der nagenden Vegetarier sollte aber den neuen Erkenntnissen angepasst werden, sagen die Gelnhäuser Biologen.

„Unsere Untersuchungen in Mitteleuropa zeigen, dass in allen Gebieten die ursprünglich ansässige Westlinie dominiert“, erläutert Frosch. Bisher war man davon ausgegangen, dass auch zahlreiche Tiere der Ostlinien durch Wiederansiedlungsprojekte aus Russland zur heutigen Population beigetragen haben. Die molekulargenetischen Untersuchungen bestätigen jedoch, dass in vielen Gebieten Europas Biber der westlichen Linie – aber verschiedener Herkunft – ausgewildert wurden.

„Kein wirkliches Problem“, meint Kraus, „die Unterarten können sich uneingeschränkt mischen und unsere Forschung zeigt, dass diese Mischung sogar zu einer höheren Vielfalt im Erbgut der Tiere führt.“

Die Empfehlung, nur ursprünglich ansässige Biberunterarten anzusiedeln, halten die Senckenberger deshalb für überholt: „In Hessen wurden beispielsweise 18 Elbebiber aus der deutschen Reliktpopulation ausgewildert. Unsere Studie zeigt, dass die Tiere dieser Region die geringste genetische Diversität aufweisen und damit einem erhöhten Inzuchtrisiko ausgesetzt sind“, erklärt Frosch.

Die Wissenschaftler empfehlen vielmehr ein Überdenken des derzeitigen Biber-Managements: „Es gibt keinen Grund Eurasische Biber verschiedener Herkunft im Untersuchungsgebiet zu trennen oder deren Vermischung zu vermeiden, im Gegenteil scheint die Vermischung sogar Vorteile mit sich zu bringen.“ Außerdem sollte diskutiert werden, ob eine Unterscheidung in „Unterarten“ – zumindest für Biber in Mitteleuropa – überhaupt sinnvoll ist, resümiert Frosch.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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