Primaten in Gefahr

Neues aus der Forschung

Meldung vom 15.06.2018

Internationale Experten fordern sofortige Maßnahmen zum Schutz bedrohter Affenarten


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Der Madame Berthes-Mausmaki (Microcebus berthae) lebt in und um den Kirindy-Wald im Westen Madagaskars. Er ist der kleinste Primat der Welt und vom Aussterben bedroht.
Estrada, A. et al. (2018)
Primates in peril: the significance of Brazil, Madagascar, Indonesia and the Democratic Republic of Congo for global primate conservation
PeerJ 6:e4869
DOI: 10.7717/peerj.4869


Affen sind faszinierend. Sie sind intelligent, leben in komplexen Gesellschaften und sind ein wichtiger Teil der Ökosysteme. Darüber hinaus sind sie mit uns verwandt. Sie gehören ebenso wie der Mensch zur Gruppe der Primaten. Während Menschen sich jedoch bis in den hintersten Winkel der Erde ausgebreitet haben, sind viele unserer nächsten Verwandten stark gefährdet.

Ein internationales Team führender Primatenforscher, darunter Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) – Leibniz-Institut für Primatenforschung, hat in einem heute erschienenen Übersichtsartikel die bedrohte Lage vieler nicht-menschlicher Primatenarten in Brasilien, Madagaskar, Indonesien und der Demokratischen Republik Kongo analysiert und bewertet. In ihrer Studie untersuchten die Forscher den Einfluss menschlicher Aktivitäten auf wildlebende Primatenpopulationen. Besonders die Zerstörung natürlicher Wälder und deren Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzflächen bedrohen viele Arten, die dadurch ihren Lebensraum verlieren. Aber auch die Jagd und der Handel mit Buschfleisch führen zum massiven und schnellen Rückgang vieler Populationen.


 
Abgeholzter Wald auf Sumatra, Indonesien. Die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume ist einer der Hauptgründe für die Bedrohung von Primaten.

Eine modellhafte Simulation der Ausbreitung landwirtschaftlich genutzter Flächen bis zum Ende des Jahrhunderts ergab einen Rückgang der Verbreitungsgebiete vieler Affenarten um bis zu 78 Prozent. Die Wissenschaftler fordern in ihrer Studie sofortige Maßnahmen zum Schutz der bedrohten Affenarten und geben Handlungsempfehlungen, um die Primaten nachhaltig und auf lange Sicht vor dem Aussterben zu bewahren (Peer Journal 2018).

Affen leben in tropischen und subtropischen Gebieten der Erde und sind vor allem in Regionen Afrikas, Südamerikas, Madagaskars und Asiens verbreitet. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) listet derzeit 439 Arten. 65 Prozent (286) davon sind in den vier Ländern Brasilien, Indonesien, Madagaskar und der Demokratischen Republik Kongo beheimatet. Von ihnen sind rund 60 Prozent vom Aussterben bedroht. Besonders dramatisch ist die Lage in Indonesien und Madagaskar, wo mehr als drei Viertel der Primatenarten bedroht sind und über 90 Prozent der Populationen zurückgehen.

In einer umfassenden Literaturrecherche analysierten die Autoren der Studie die Hauptbedrohungsfaktoren für Affenarten in den vier Ländern. In Brasilien, Madagaskar und Indonesien bringen vor allem der Verlust und die zunehmende Zerteilung ihrer Lebensräume die Tiere in Bedrängnis. In der Demokratischen Republik Kongo stellt der Handel mit Buschfleisch die größte Gefahr dar. Zudem werden Primaten illegal als Haustiere verkauft oder in der traditionellen Medizin verwendet. Armut, mangelnde Bildung, Ernährungsunsicherheit sowie politische Instabilität und Korruption fördern zusätzlich den Raubbau an natürlichen Ressourcen in den betreffenden Ländern und erschweren Schutzmaßnahmen.



„Die Zerstörung der natürlichen Umwelt durch Abholzung der Wälder, Schaffung von landwirtschaftlichen Nutzflächen und Ausbau der Infrastruktur zum Transport der Güter ist ein Hauptproblem“, sagt Christian Roos, Wissenschaftler in der Abteilung Primatengenetik am DPZ und Co-Autor der Studie. „Nicht zuletzt die Industrienationen tragen zu dieser Entwicklung bei. Die Nachfrage nach Rohstoffen wie Soja, Palmöl, Kautschuk, Hartholz oder fossilen Brennstoffen ist hierzulande groß. Allein die vier primatenreichen Länder decken 50 Prozent dieser Exporte nach China, Indien, den USA und Europa.“

Die Wissenschaftler kombinierten Daten aus den Datenbanken der Vereinten Nationen (United Nations) und der World Bank und simulierten so die geschätzte Ausbreitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in den vier Ländern bis zum Ende des Jahrhunderts. Unter Annahme eines Worst-Case-Szenarios konnten die Forscher einen Rückgang der Verbreitungsgebiete der Affenarten vorhersagen. Demnach könnten bis zum Jahr 2100 78 Prozent der Lebensräume in Brasilien, 72 Prozent in Indonesien, 62 Prozent in Madagaskar und 32 Prozent im Kongo verschwunden sein. Gleichzeitig untersuchten die Autoren die Größe und Verbreitung von Schutzgebieten für die Tiere. Ihre Schätzungen ergaben, dass in Brasilien und Madagaskar rund 38 Prozent, in Indonesien 17 Prozent und im Kongo 14 Prozent ihrer Lebensräume in Schutzgebieten liegen. Der Großteil der Verbreitungsgebiete ist also ohne Schutzstatus und die Affen damit gefährdet.



Die Autoren fordern die Ausweitung der Schutzgebiete, die Aufforstung der Wälder und Pflanzung von Korridoren als wichtige Maßnahmen, um Primatenpopulationen zu erhalten. Darüber hinaus muss bei der lokalen Bevölkerung ein Bewusstsein für die prekäre Lage geschaffen werden. Regierungen, Wissenschaftler, Naturschutzorganisationen und die Wirtschaft müssen zusammenarbeiten, um nachhaltige, ökologische Landwirtschaft zu fördern bei gleichzeitigem Erhalt traditioneller Lebensweisen. Zudem sollten Regierungen der betreffenden Länder härter gegen illegale Jagd, Waldzerstörung und Handel mit Primaten vorgehen.

„Primaten sind wie die Kanarienvögel im Bergwerk“, sagt Christian Roos. „Sie sind für die tropische Biodiversität von unschätzbarem Wert, da sie für die Regeneration von Wäldern und stabile Ökosysteme wichtig sind. Wenn sie aussterben, ist das ein Alarmsignal, dass diese Lebensräume auch für Menschen langfristig nicht mehr nutzbar sein werden.“


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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