Kooperation fördert Kommunikation

Neues aus der Forschung

Meldung vom 10.04.2019

Wer gut mit anderen zusammenarbeiten kann, kann auch ohne hochentwickeltes Gehirn gut kommunizieren. Das zeigen zwei neue Studien von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Ornithologie Seewiesen, des MPIs für Anthropologie in Leipzig und der Universität Osnabrück an Graudrosslingen. Sie haben entdeckt, dass sich diese Vögel bewusst und zielgerichtet untereinander austauschen und ihre Aufmerksamkeit koordinieren, also „teilen“ können. Diese Merkmale hochentwickelter Kommunikation waren bislang nur beim Menschen bekannt. Die Forscher vermuten, dass die gemeinsame Aufzucht der Jungtiere die Entwicklung der komplexen Kommunikation dieser Vögel befördert haben könnte.


190412-1640_medium.jpg
 
Graudrosslinge sind kooperativ brütende Vögel, die in Wüstenhabitaten auf der Arabischen Halbinsel heimisch sind.
Ben Mocha Y, Mundry R, Pika S
Intentional presentation of objects in cooperatively breeding Arabian babblers (Turdoides squamiceps)
Front. Ecol. Evol. 7
DOI: 10.3389/fevo.2019.00087


Beim Menschen basieren Kooperation und Kommunikation darauf, die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners bewusst zu lenken. Diese Fähigkeit entwickelt sich schon in den ersten Lebensjahren. „Mein 18 Monate alter Sohn ruft er mich oder winkt mit der Hand, wenn er möchte, dass ich ihm folge. Damit will er meine Aufmerksamkeit erlangen“, sagt Yitzchak Ben Mocha, Erstautor der zwei Studien. „Er bewegt sich in die gewünschte Richtung und dreht sich häufig um, um mein Verhalten zu prüfen. Wenn ich zu faul bin oder unaufmerksam, unterstreicht er seine Bitte und drängt mich erneut mitzukommen.”

Eine solche bewusste und zielgerichtete Koordination der Aufmerksamkeit wurde traditionell als für Menschen einzigartig betrachtet. Einige Wissenschaftler*innen sehen in dieser Fähigkeit sogar „den kleinen Unterschied, der den großen Unterschied ausmacht“ in der Evolution des sozialen Bewusstseins unserer Art. Menschen besitzen zum einen ein außerordentlich komplexes Gehirn. Darüber hinaus helfen sie einander bei der Aufzucht ihres Nachwuchses. Sind dies die Voraussetzungen für die Entwicklung komplexer Kommunikation?

Die Forscher haben diese Frage an Graudrosslingen (Turdoides squamiceps) untersucht, Singvögel aus den Wüstengebieten der Arabischen Halbinsel und des Nahen Ostens. Den Vögeln fehlt das “primatenähnliche“ Gehirn, sie sind aber intensiv auf gegenseitige Hilfe bei der Jungenaufzucht angewiesen. Alle Mitglieder einer Gruppe kooperieren miteinander, um das eigene Überleben und das der Jungtiere zu sichern.

Damit die Forscher ihre Ergebnisse mit Studien an Menschen vergleichen können, hat das multidisziplinäre Team von Ornithologen, Primatologen und Psychologen Methoden angewandt, mit denen der bewusste Austausch und die Aufmerksamkeit von Kindern untersucht wird, die noch nicht sprechen können. “Wir haben in verschiedenen Situationen sowohl eindeutig beabsichtigte als auch zielgerichtete Kommunikation bei den Graudosslingen beobachtet: Erwachsene Vögel rufen Jungtiere und flattern auffällig mit ihren Flügeln, um sie aufzufordern, ihnen zu folgen. Auch zeigen sie Geschlechtspartnern Objekte und bringen sie so dazu, ihnen zu folgen und sich versteckt vor den anderen heimlich zu paaren”, sagt Ben Mocha. Unterwegs drehen sich die Vögel immer wieder um und überprüfen die Reaktionen des Partners. Wenn diese ihnen nicht mehr folgen, fordern sie sie aktiv wieder erneut auf.



“Es ist faszinierend, dass ein Vogel mit seinem relativ kleinen Gehirn ähnlich wie ein Mensch die Aufmerksamkeit teilen und koordinieren kann”, sagt Simone Pika, die beide Studien betreut hat. “Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass die Kooperation untereinander solch hochentwickelte sozialen und kommunikativen Leistungen ermöglicht hat. Um dies sicher sagen zu können, brauchen wir aber noch mehr vergleichende Studien zwischen kooperativ und nicht-kooperativ brütenden Arten.” Möglicherweise hat auch beim Menschen die gemeinsame Fürsorge um die Nachkommen die Entstehung des sozialen Bewusstseins gefördert.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von Informationsdienst Wissenschaft


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 5 Meldungen

Meldung vom 17.04.2019

Acht neue Süßwasserfischarten in der Türkei entdeckt

Eine umfassende Überarbeitung der 30 Arten von Steinbeissern der Gattung Cobitis brachte jetzt acht neue Sü ...

Meldung vom 17.04.2019

Acht neue Süßwasserfischarten in der Türkei entdeckt

Eine umfassende Überarbeitung der 30 Arten von Steinbeissern der Gattung Cobitis brachte jetzt acht neue Sü ...

Meldung vom 17.04.2019

Flexibel gewinnt: Asiatischer Elefant überlebt Stegodon

Senckenberg-Wissenschaftler haben mit chinesischen Kollegen und Kolleginnen die Ernährungsgewohnheiten des As ...

Meldung vom 16.04.2019

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht die Rückkehr der Wölfe positiv

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hält die Rückkehr der Wölfe für eine gute Sache, berichten Sencken ...

Meldung vom 16.04.2019

Wie Dohlen sich merken, was sie wann wo getan haben

Krähenvögel sind zu Gedächtnisleistungen im Stande, die denen von Menschen nahekommen. Wie ihr Gehirn, das ...



06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
12.04.2019
Kenne Deinen Fisch!
12.04.2019
Leben ohne Altern
12.04.2019
Lebensraum Käse
12.04.2019
Domino im Urwald
12.04.2019
Trend-Hobby Imker
12.04.2019
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung