Haeckel: Vom scheuen Gymnasiasten zum selbstbewussten Wissenschaftler

Neues aus der Forschung

Meldung vom 16.02.2019

Zweiter Band der „Ausgewählten Briefwechsel“ Ernst Haeckels erscheint an der Universität Jena


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Roman Göbel, Gerhard Müller, Claudia Taszus (Hg.)
Familienkorrespondenz August 1854 bis März 1857, Band 2 der Reihe: Ernst Haeckel: Ausgewählte Briefwechsel
Stuttgart 2019, 686 Seiten, Preis: 139 Euro, ISBN 978-3-515-11655-8
 
Ernst Haeckel, Fotografie von Georg Jakob Gattineau (Erlangen), 1853.

Seit 2013 veröffentlichen Editoren an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die bis heute erhaltene Korrespondenz Ernst Haeckels. Etwa 46.000 Briefe von und an den berühmten Biologen und Evolutionsforscher gehen dabei durch die Hände der Jenaer Experten. Im Jahr 2037 sollen alle Schriftstücke schließlich frei im Internet zugänglich sein – schon jetzt sind etwa 6.000 von ihnen abrufbar. Neben dieser Online-Edition veröffentlichen die Wissenschaftshistoriker der Universität Jena ausgewählte Briefe in einer kommentierten Druckausgabe. Nun ist Band 2 der Reihe erschienen und heute, anlässlich Haeckels 185. Geburtstag, der Öffentlichkeit in Jena präsentiert worden. Das Buch widmet sich der Familienkorrespondenz zwischen 1854 und 1857.

Medizin als Brotberuf

„In diesem Zeitraum können wir beobachten, wie sich Ernst Haeckel von einem zurückhaltenden jungen Mann zu einem ambitionierten Nachwuchswissenschaftler entwickelt“, sagt Dr. Thomas Bach, der Leiter des Editionsprojektes. „Seit 1852 studiert er im Wechsel zwischen Berlin und Würzburg Medizin – als Aussicht auf einen Brotberuf, zu dem ihm seine Eltern geraten haben.“ Sie sind in dieser Phase, neben engen Freunden, seine wichtigsten postalischen Ansprechpartner. Detailliert berichtet er über seinen Alltag und sein großes Arbeitspensum, scheut sich aber auch nicht davor zurück, sein Innerstes nach außen zu kehren. So schildert er erste weltanschauliche Konflikte, mit denen sich der protestantisch erzogene Preuße in der katholischen Universitätsstadt mit ihrer wissenschaftlich-neutralen Umgebung konfrontiert sieht.


 
Das Cover der neuen Publikation.

Briefe als Tagebuch

„Der Sohn hatte ein sehr enges und erstaunlich vertrauensvolles Verhältnis zu Vater und Mutter und berichtete nahezu lückenlos“, erklärt Bach. „Für ihn waren seine Briefe eine Art Tagebuchersatz.“ Deshalb seien die Briefe an die Familie – Haeckel schrieb in dieser Zeit u. a. auch an seinen Bruder Karl und seine Tante Bertha – so gut erhalten: Der 20-Jährige bat seine Eltern, die Schriftstücke für ihn aufzuheben.

Immer wieder sind es auch seine Eltern, die den scheuen jungen Mann dazu motivieren, hinauszugehen, Gesellschaften zu suchen, sich etwas zu gönnen. So entwickelt sich der einst scheue Gymnasiast in diesen drei Jahren zu einem gestandenen jungen Wissenschaftler, der bei dem angesehenen Pathologen Rudolf Virchow eine erste Anstellung findet. Das anfangs ungeliebte Studienfach der Medizin entpuppt sich als Schlüssel für die dauerhafte wissenschaftliche Leidenschaft für die Zoologie.

Helgoland, Alpen, Nizza

Außerdem übernimmt er in dieser Zeit drei längere Reisen, die ihn als Mensch und Wissenschaftler prägen sollen. 1854 fährt er mit einem Kommilitonen nach Helgoland und trifft dort seinen Lehrer, den Zoologen Johannes Müller. Hier erwacht sein Interesse für die Meeresbiologie, das ihn zeitlebens nicht mehr loslassen wird. Ein Jahr später unternimmt er ausschweifende Wanderungen in den Alpen, legt enorme Strecken zurück, überquert Gletscher und Pässe. Abenteuerliche Schilderungen in den Briefen spiegeln seine Begeisterung wider. Schließlich begibt er sich nach Nizza, wo er erste Forschungen für seine Dissertation betreibt. „Nicht zuletzt anhand dieser Reisen kann man sehr schön beobachten, wie Haeckels Selbstbewusstsein wächst, indem er seine Projekte umsetzt“, sagt Bach.



Schon in diesen frühen Briefen lässt sich möglicherweise erkennen, was das spätere berufliche Leben des angesehenen Wissenschaftlers ausgemacht hat: Er erscheint als zugänglicher Mensch, der sich mitteilen und verstanden werden will. Das prägte sein volksaufklärerisches Wirken. „Haeckel hat als berühmter Wissenschaftler nicht wenige Briefe von Lesern bekommen, die inhaltliche Fragen stellten oder einfach nur Lektüretipps zur Vertiefung wünschten“, berichtet Thomas Bach. „Auch solche Schreiben hat er gewissenhaft beantwortet.“

Ganz persönliche Erfahrungen, wie etwa seine erste Verliebtheit, bringen diese Briefe ebenso ans Tageslicht, wenn auch eher in den Kommentaren als in den Briefen. So schwärmt er nach einem Ball von Luise Passow, verschweigt ihr und seiner Familie aber sein Interesse. Schließlich lernt er 1857 seine Cousine und spätere erste Frau Anna Sethe näher kennen. Ihre – auch postalisch ausgelebte – intensive Verbundenheit und den davon ausgehenden Einfluss auf Haeckels Leben und Arbeiten leuchten die Jenaer Editoren aber erst in einem weiteren Band näher aus, der wahrscheinlich im kommenden Jahr erscheint.

Das Langzeitprojekt „Ernst Haeckel (1839-1919): Briefedition“ ist am Ernst-Haeckel-Haus der Friedrich-Schiller-Universität Jena angesiedelt. Es wird von der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften betreut und von der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften gefördert




Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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