Großes Hasenmaul auf Fischfang

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.09.2013

Tropische Fledermaus macht auch im Wasser Beute


Das Große Hasenmaul, eine neotropische Fledermausart aus der Familie der Hasenmaulfledermäuse (Noctilionidae), kann etwas ganz Besonderes: Beute im Wasser schlagen. Noctilio leporinus jagt nicht nur in der Luft, sondern fängt auch kleinere Fische. Sie behilft sich dabei mit einem Echoortungs"Trick". Echosignale von Fischen, die die Wasseroberfläche berühren, dienen ihr bei der Ortung von Beute im Wasser als Orientierungshilfe. Wissenschaftler vom Institut für Experimentelle Ökologie der Universität Ulm haben das Jagd- und Echoortungsverhalten dieser besonderen Fledermaus über Jahre hinweg in zahlreichen mehrwöchigen Forschungsaufenthalten in den Tropen Panamas untersucht und dokumentiert.

Wenn es Nacht wird in den Tropen der neuen Welt, geht sie auf die Jagd: die Fledermaus Noctilio leporinus. Sie frisst nicht nur Insekten, sondern auch kleine Fische, was für Fledermäuse sehr ungewöhnlich ist. Denn alles, was unter der Wasseroberfläche ist, bleibt dem Echoortungssinn eigentlich verborgen, weil die Ortungssignale nicht unter die Wasseroberfläche vordringen können. Trotzdem jagt das Große Hasenmaul, wie die Fledermausart auf Deutsch heißt, auch kleine Fische. Ihre hochspezialisierte Echoortung erfasst die Ultraschallreflektionen von Wasserspritzern und Kräuselwellen, die Fische bei Kontakt an der Wasseroberfläche hinterlassen, wenn sie kurz aus dem Wasser springen.

Wissenschaftler vom Institut für Experimentelle Ökologie der Universität Ulm haben in zwei mehrwöchigen Forschungsaufenthalten zwischen 2009 und 2010 auf einer Forschungsstation des Smithsonian Tropical Research Institute (STRI) in Panama das hochspezialisierte Echoortungsverhalten dieser fischfressenden Fledermausart untersucht. Die Diplom-Biologin Kirstin Übernickel präsentierte ihre Ergebnisse nun auf der weltweit größten internationalen Fledermauskonferenz, die kürzlich im August in Costa Rica stattfand.

Mit Hilfe eines speziellen experimentellen Aufbaus, konnten die Ökologen mit Hochgeschwindigkeitskameras und Ultraschallaufnahmegeräten das Beutefangverhalten des Großen Hasenmauls beobachten und dabei auch deren Echoortungssignale erfassen und aufzeichnen. „Wir haben dafür einen speziellen Flugkäfig eingerichtet, samt Teich in der Mitte“, erläutert Doktorandin Kirstin Übernickel. Das zwölf Mal fünf Meter große und zwei Meter hohe Konstrukt, das der Fledermaus auch einen abgedunkelten Ruheplatz bot, diente den Fledermäusen für zwei Wochen als vorübergehendes Jagdrevier. Im Mittelpunkt des Forscherinteresses stand dabei die Jagd der Fledermäuse über dem Wasser. Um auf der Wasseroberfläche treibende Insekten zu simulieren, wurden kleine Fischstückchen als Köder so präpariert, dass sie nur wenige Millimeter aus dem Wasser herausragten. „Schwieriger war die Nachahmung der Unterwasserbeute, die gelegentlich an die Oberfläche kommt und dort nur vorübergehende Spuren hinterlässt, die für die Fledermäuse nur kurzfristig per Echoortung zu erfassen sind“, so die 31-jährige Biologin. Hilfestellung leistete den Biologen dabei ein „Kunstfisch“, eine mobile Schlauchpumpen-Konstruktion, die kleine Wasserschwalle erzeugt und im Wasser per Fernsteuerung zu betreiben ist.

Das wissenschaftliche Ergebnis dieser wochenlang durchwachten Forscher-Nächte in den Tropen der neuen Welt: „Die Hasenmaulfledermaus adaptiert ihr Echoortungsverhalten an die jeweilige Jagdsituation. Bei auf der Wasseroberfläche treibender Beute greift der Wasserjäger auf ein stereotypes Ortungsprogramm zurück, das dem der primär luftjagenden Arten sehr ähnlich ist. Dieses Programm umfasst einen Such- und eine Zugriffsmodus. Hat die Fledermaus ihre Beute geortet, stößt sie im gezielten Anflug immer mehr und immer kürzere Rufsignale aus. Dabei stoßen die tropischen Jäger eine Kombination konstant frequenter und frequenzmodulierter Ultraschall-Töne aus.

Diese werden im Kehlkopf von Stimmbändern erzeugt, von der Beute reflektiert und über die trichterförmigen Ohren aufgenommen. Solange die Fledermaus ihren Fang zum Maul führt, setzt der Echolaut aus und wird danach wieder fortgesetzt, wobei das Rufsignal variiert, je nachdem, ob die Jagd erfolgreich war oder nicht.

Sucht die Hasenmaulfledermaus nach Beute, die die Wasseroberfläche nur kurz berührt hat und wieder verschwindet, verändern sich die Ortungsrufe, wobei gerade in der Endphase der Annäherung die Rufe länger und langsamer ausgestoßen werden. Die Fledermäuse können auch Beutetiere jagen, die nicht durch kontinuierliche Signale zu orten sind, sondern in der „Radarerfassung“ nur kurz auftauchen und gleich wieder verschwinden. „Diese Fledermäuse haben wahrscheinlich nicht nur ein außergewöhnliches räumliches Vorstellungsvermögen, sondern sie besitzen auch die Gabe der erfahrungsbasierten Situationsauswertung“, erklärt Übernickel. Anhand der Echosignale, die von Wasserspritzern und Kräuselwellen reflektiert werden, berechnet das Große Hasenmaul die wahrscheinliche Position seiner schwimmenden Beute. Mit ihren bekrallten Zehen tauchen sie ins Wasser und durchkämmen dann dort die Wasseroberfläche. Gelingt der Fang, wird er sofort verzehrt, oder die Große Hasenmaulfledermaus kehrt damit zu ihrem Ruheplatz zurück, um ihre Beute dort zu verspeisen.

„Es war zu vermuten, dass diese besondere Fledermausart mit ihrem breiten Repertoire an Beutefangverhalten die Echoortung in verschiedenen Situationen unterschiedlich einsetzen würde. Mit unseren Untersuchungen ist es nun gelungen, unter kontrollierten semi-natürlichen Bedingungen diese Variabilität im Echoortungsverhalten wissenschaftlich zu dokumentieren“, fasst die Fledermausforscherin die Ergebnisse zusammen.

Die von der – mittlerweile verstorbenen – Ulmer Ökologie-Professorin Elisabeth Kalko angestoßene Forschungsarbeit ist Teil des EU-Projektes ChiRoPing (Chiroptera, Robots, Sonar), das die kognitiven Grundlagen der Sonarwahrnehmung von Fledermäusen untersucht, mit dem langfristigen Ziel, durch die gewonnenen Erkenntnisse technische Sonarsysteme in der Robotik zu optimieren. Durchgeführt wurden die zugrunde liegenden Experimente in Panama auf Barro Colorado Island mit logistischer Unterstützung des Smithsonian Tropical Research Institute (STRI), zu dessen Forschungsgebiet diese artenreiche Urwaldinsel gehört. Der Ulmer Fledermausforscher vom Institut für Experimentelle Ökologie, PD Dr. Marco Tschapka, der die Arbeit mitbetreut hat, ist assoziierter Wissenschaftler am STRI.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung