Eisbär Fritz war mit neuartigem Adenovirus infiziert, starb aber nicht daran

Neues aus der Forschung

Meldung vom 31.07.2018

Bei der Suche nach der Todesursache des kleinen Eisbären Fritz aus dem Tierpark Berlin stießen die Forscher vom Leibniz-Institut für Zoo-und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin auf ein bislang unbekanntes Mastadenovirus in dessen Blut und Gewebe. Todesursächlich war diese Infektion aber nicht. Die Ergebnisse der pathologischen und genetischen Analysen wurden jetzt in der wissenschaftlichen Zeitschrift mSphere publiziert.


180801-0300_medium.jpg
 
Eisbär Fritz
Dayaram A, Tsangaras K, Pavulraj S, Azab W, Groenke N, Wibbelt G, Sicks F, Osterrieder N, Greenwood AD
A novel divergent polar bear associated mastadenovirus recovered from a deceased juvenile polar bear
mSphere
DOI: 10.1128/mSphere.00171-18


Die Trauer war groß nach dem plötzlichen Tod von Eisbär Fritz im April 2017. Es kam in der Vergangenheit schon öfter vor, dass Eisbären in Menschenobhut an opportunistischen Keimen, wie etwa dem equinen Herpesvirus oder dem West-Nil-Virus starben. Deshalb wurde in Betracht gezogen, dass Fritz ebenfalls einer solchen Virusinfektion zum Opfer gefallen sein könnte. Das Forscherteam um Alex Greenwood und Anisha Dayaram vom Leibniz-IZW und ihren Kollegen aus dem Tierpark Berlin und dem Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin fand zu seiner Überraschung jedoch ein bisher unbekanntes und gänzlich artfremdes Adenovirus. Tödlich war die Infektion für den Eisbären aber nicht.

Die Forscher analysierten verschiedene Gewebetypen und das Blut des Eisbären mit Hilfe der sogenannten Shotgun-Sequenzierung, um mögliche Virus-RNA nachzuweisen. „Was uns diesen Fall wirklich schwer gemacht hat war, dass wir in Datenbanken keinerlei Vergleichssequenzen gefunden haben, die 90 Prozent oder mehr Ähnlichkeit mit diesem Virus haben. Wir fanden absolut nichts!“, erzählt Greenwood. Erst als sie auch Viren mit einbezogen, die nur zu 70 Prozent dem unbekannten Virus glichen, wurde das Team fündig. Nun ließ sich auch das komplette Genom des neuen Krankheitserregers rekonstruieren, das sich stark von bei anderen Säugetieren vorkommenden Adenoviren unterscheidet.

Phylogenetische Analysen zeigten, dass das Virus noch am ehesten mit den Adenoviren von Delfinen, Seelöwen und Fledermäusen verwandt ist – jedoch extrem weit entfernt ist von denen der Primaten. „Da Fritz und seine Mutter in einem isolierten Gehege lebten, gehen wir davon aus, dass das Virusreservoir ein kleines Nagetier oder eine Fledermaus gewesen sein muss.“ Andere klassische Infektionswege wie etwa über das Futter oder eine Übertragung durch die Tierpfleger scheiden damit aus.

Die Obduktion des kleinen Eisbären ergab zudem, dass seine Leber stark angegriffen und teilweise nekrotisch war. Die Ursache dafür ist unbekannt: Es lag weder eine Entzündung vor, noch gab es Hinweise auf Viren im Lebergewebe. Auch weitere Untersuchungen von verschiedenen Veterinär-Pathologen, Human-Pathologen und Toxikologen der Rechtsmedizin erbrachten keinen positiven Befund, der die Leberschäden hätte erklären können.



Was letztlich den Tod von Fritz verursacht hat, ist also weiter unklar. „Wir können nicht ausschließen, dass das Virus ihn geschwächt hat und dann etwas anderes hinzu kam“, sagt Greenwood. „Anders herum könnte seine Haupterkrankung (in der Leber) sein Immunsystem auch so geschwächt haben, dass das Virus erst dadurch eine Chance bekam, ihn zu infizieren.“ Die Forscher wollen nun im Gewebe des Eisbären nach spezifischen Antikörpern suchen, um testen zu können, ob auch andere Tierparkbewohner infiziert sind. „Auch wenn das Virus nach Einschätzung aller Experten nicht für den Tod des kleinen Eisbären verantwortlich ist, so zeigt der Befund doch, auf welch hohem, internationalem Niveau die Zoologischen Gärten Berlin und die Berliner Forschungseinrichtungen arbeiten und kooperieren", lobt Zoo- und Tierparkdirektor Dr. Andreas Knieriem die enge Zusammenarbeit zwischen Tierpark Berlin und Leibniz-IZW.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 16 Meldungen

Meldung vom 21.05.2019

Neue Studie zeigt: Tropische Korallen spiegeln die Ozeanversauerung wider

Das Kalkskelett tropischer Korallen weist bereits Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung auf, die au ...

Meldung vom 21.05.2019

Namenlose Fliegen

Unsere heimischen Fliegen und Mücken zählen mit knapp 10.000 bekannten Arten zu einer der vielfältigsten In ...

Meldung vom 20.05.2019

Bonobo Mütter verhelfen ihren Söhnen zu mehr Nachwuchs

Bei vielen sozialen Tierarten teilen sich Individuen die Aufgaben der Kindererziehung, doch neue Forschungserg ...

Meldung vom 20.05.2019

Auf die Größe kommt es an

Ökologe der Universität Jena und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) ent ...

Meldung vom 20.05.2019

3D-Technologie ermöglicht Blick in die Vergangenheit

Studie identifiziert Fischarten anhand vier Millionen Jahre alter Karpfenzähne ‒ Modell zur Evolution der B ...

Meldung vom 20.05.2019

Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die genetische Vielfalt einer Art

Über das Genom des Alpenmurmeltiers.

Meldung vom 17.05.2019

Ernst Haeckel: Vordenker hochmoderner Disziplinen

Wissenschaftshistoriker der Universität Jena erklären Ernst Haeckels Ökologie-Definition.

Meldung vom 17.05.2019

Echoortung von Fledermäusen - Exzellente Navigation mit wenig Information

LMU-Forscher widerlegen bisherige Annahmen über die Echoortung: Fledermäuse haben deutlich weniger räumlich ...

Meldung vom 17.05.2019

Neues Petersilien-Virus von Braunschweiger Forschern entdeckt space

Neues Petersilien-Virus kommt im Raum Braunschweig und anderen Teilen Deutschlands vor.

Meldung vom 16.05.2019

Bettgenosse gesucht: Wer war der erste Wirt der Bettwanzen

Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der kooperativen Leitung des TUD Biologen Prof. Klaus Rein ...

Meldung vom 15.05.2019

Schimpansen graben mit Werkzeugen nach Futter

Forschungsteam filmt im Zoo erstmals, wie die Menschenaffen vorgehen, um an vergrabene Leckereien zu kommen.

Meldung vom 15.05.2019

Übersatte Bakterien machen den Menschen krank

SFB 1182-Forschungsteam schlägt in einer neuen Hypothese vor, dass Entzündungskrankheiten durch ein Nahrungs ...

Meldung vom 15.05.2019

Große Fragen zur Rolle mikroskopischen Lebens für unsere Zukunft

Wie Mikroorganismen die dynamische Entwicklung unserer Erde beeinflussen.

Meldung vom 15.05.2019

Wälder tragen weniger zum Klimaschutz bei als vermutet

Eine Studie mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL könnte ein Dämp ...

Meldung vom 15.05.2019

Ausgezirpt - Drastischer Biomasseverlust bei Zikaden in Deutschland

In der April- Ausgabe der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen Zeitschrift „Natur und Landschaft ...

Meldung vom 14.05.2019

Relaisstation im Gehirn steuert unsere Bewegungen

Die Relaisstation des Gehirns, die Substantia nigra, beherbergt verschiedene Arten von Nervenzellen und ist f ...


03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
01.08.2018
Kenne Deinen Fisch!
01.08.2018
Leben ohne Altern
01.08.2018
Lebensraum Käse
01.08.2018
Domino im Urwald
01.08.2018
Trend-Hobby Imker
01.08.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung