Progesteron

Strukturformel
Strukturformel von Progesteron
Allgemeines
Freiname Progesteron
Andere Namen

Pregn-4-en-3,20-dion

Summenformel C21H30O2
CAS-Nummer 57-83-0
PubChem 5994
ATC-Code

G03DA04

DrugBank APRD00700
Kurzbeschreibung

farblose Kristalle[1]

Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Gestagen

Verschreibungspflichtig: Ja
Eigenschaften
Molare Masse 314,47 g·mol−1
Schmelzpunkt

127-131 °C (α-Form) oder 121 °C (β-Form)[2]

Löslichkeit
  • unlöslich in Wasser[1]
  • löslich in Ethanol, Aceton, 1,4-Dioxan[1]
  • wenig löslich in fetten Ölen [1]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
08 – Gesundheitsgefährdend

Achtung

H- und P-Sätze H: 351
P: 281 [3]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [3]

Xn
Gesundheits-
schädlich
R- und S-Sätze R: 40
S: 36/37
LD50

327 mg·kg−1 (Maus, i.p.) [4]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
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Das Progesteron ist ein C21-Steroidhormon und zugleich der wichtigste Vertreter der Gestagene (Synonym Gelbkörperhormone). Die Verbindung gehört zur Gruppe der Sexualhormone. Es handelt sich um die Basisstruktur der (synthetisch hergestellten) Gestagene, welches bei Frauen hauptsächlich vom Corpus luteum (Gelbkörper) in der zweiten Phase des Menstruationszyklus und, in wesentlich höheren Mengen, während der Schwangerschaft von der Plazenta, bei Männern hauptsächlich in den Gonaden gebildet wird. Geringe Progesteronmengen werden bei Frauen und Männern auch von der Nebennierenrinde synthetisiert. Im humanen Organismus wird Progesteron aus Cholesterin synthetisiert.

Volumenmodell von Progesteron

Entdeckung

Progesteron wurde unabhängig von vier Arbeitsgruppen entdeckt.[5][6][7][8]

Willard Myron Allen entdeckte Progesteron zusammen mit seinem Anatomieprofessor George Washington Corner an der University of Rochester Medical School im Jahr 1933 und bestimmte als erster Schmelzpunkt, Molekülmasse und Partialstruktur. Er gab der Verbindung den Namen Progesteron, abgeleitet von Progestational Steroidal Keton.[9]

Eigenschaften

Progesteron ist ein kristalliner Feststoff. Die Verbindung tritt in drei polymorphen Kristallformen auf, die sich anhand ihres Schmelzpunktes unterscheiden lassen. Die thermodynamisch stabile Form I (α-Form) schmilzt bei 129 °C (ΔfH = 26,17 kJ/mol). Die beiden anderen Formen – Form II oder β-Form (Smp. 122 °C, ΔfH = 21,42 kJ/mol) und Form III (Smp. 104 °C, ΔfH = 16,13 kJ/mol) – sind metastabil und stehen monotrop zur Form I.[10]

Physiologie

Progesteron wird vor allem im Corpus luteum von den Granulosazellen und in der Plazenta synthetisiert und ausgeschüttet, in geringeren Mengen auch von anderen Geweben. Die Synthese geht vom Pregnenolon aus und benötigt das Enzym 3β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase.

Die Ausschüttung des Hormons wird durch LH stimuliert. Die Freisetzung bewirkt eine für die Nidation benötigte Modifikation des proliferierten Endometriums, besonders deren Lamina functionalis, die dadurch drüsenreich und stark durchblutet wird (dann als Dezidua bezeichnet) sowie eine Anpassung der Uterusmuskulatur an den wachsenden Embryo.

In manchen steroidproduzierenden Zellen der Gonaden fungiert das Progesteron als Ausgangsstoff für die Synthese von Androgenen und Estrogenen.

Progesteron wird zu Pregnandiol metabolisiert und nach Glucuronidierung über den Urin ausgeschieden.

Weitere Wirkungen von Progesteron

Über die Funktion als Sexualhormon hinaus können folgende Wirkungen des im Körper produzierten oder bioidentischen Progesterons als wissenschaftlich gesichert gelten[11].

Progesteron

  • schützt vor Zysten und Gewebsveränderungen in der Brust,
  • fördert die Verstoffwechselung von Fetten,
  • fördert die Wasserausscheidung aus dem Gewebe (Diurese),
  • festigt das Bindegewebe,
  • stabilisiert die Venenwände,
  • wirkt stimmungsaufhellend (antidepressiv),
  • verbessert die Verwertung von Schilddrüsenhormonen,
  • normalisiert die Blutgerinnung, verhindert Thrombosen (Blutgerinnsel),
  • wirkt krampflösend,
  • regt die Bildung von Myelinscheiden (Schutzhüllen) um Nerven herum an,
  • verbessert die Regeneration von Hirngewebe,
  • hilft, den Blutzuckerspiegel auszugleichen, indem es die Insulinproduktion normalisiert,
  • reguliert den Zink- und Kupferhaushalt,
  • stärkt die Blasenfunktion,
  • reguliert die Prostata und
  • verbessert die Sauerstoffversorgung der Zellen.

Pathophysiologie

Erhöhte Progesteronwerte ergeben sich neben der Schwangerschaft vor allem bei Eierstocktumoren und beim adrenogenitalen Syndrom (AGS). Bei Zyklusstörungen und beim sogenannten Hypogonadismus, einer Unterentwicklung der Eierstöcke, ist die Progesteronkonzentration verringert.

Wechseljahre der Frau

In den Wechseljahren (Menopause) sinkt nicht, wie oft geglaubt, zuerst das Östrogen ab, sondern das Progesteron[12] Behandelt werden die Symptome der Menopause üblicherweise mit einer Kombination aus hormonähnlich wirkenden Medikamenten (ähnlich der Pille), also östrogenähnlich wirkende Medikamente kombiniert mit verschiedenen progesteronähnlich wirkenden Substanzen (Progestine). Dabei wird meistens die Östrogenwirkung überbetont, während das mindestens ebenso wichtige Progesteron vernachlässigt wird. Die sogenannte "Hormonersatztherapie" (die ja eigentlich gar nicht mit Hormonen arbeitet) hilft den betroffenen Frauen zwar, hat aber auch einige bedeutende Nachteile.

Therapeuten mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung, die stattdessen bioidentische Hormone einsetzen und auf eine Betonung des bei der Frau viel früher zurückgehenden Progesterons achten, beobachten die gleichen positiven Wirkungen wie bei der klassischen Hormonersatztherapie oder sogar noch bessere Erfolge, ohne dass vergleichbare Nebenwirkungen auftreten würden.[12]

Herstellung

Progesteron wird technisch in großen Mengen durch oxidativen Abbau von Stigmasterol (im Sojabohnenöl enthalten), Solanum-Alkaloiden oder aus dem Sapogenin Diosgenin gewonnen, das aus plantagenmäßig angebauten Yamswurzelgewächsen (Dioscorea) isoliert wird.[1]

Medizinisch wird aber nur selten nach obigem Verfahren hergestelltes bioidentisches (chemisch mit der biologischen Substanz identisches) Progesteron eingesetzt. Bei der Therapie des Hormonsystems finden meistens Arzneimittel Anwendung, die zwar eine hormonähnliche Wirkung haben (Progestine), aber eben nicht genau wie echtes Progesteron wirken und verstoffwechselt werden. Für den Körper handelt es sich also um Fremdstoffe, die von ihm nicht auf den üblichen Wegen kontrolliert und ausbalanciert werden können. Diese hormonähnlichen Medikamente haben deshalb auch eine breite Palette an Nebenwirkungen, die bei bioidentischen Hormonen, die in physiologischen Dosen verabreicht werden, unbekannt sind. Begrifflich ist zu beachten, dass es auch sog. "equine konjugierte" Hormone gibt, die aus Pferdeurin gewonnen werden und gerne als "natürliche Hormone" bezeichnet werden. Diese sind zwar natürlichen Ursprungs, aber nicht bioidentisch und für den Körper deshalb ebenfalls Medikamante mit entsprechenden Nebenwirkungen.[13][14].

Werden solche Medikamente am Menschen verwendet, reden oft sogar Fachleute einfach von einer "Hormontherapie", obwohl hier eigentlich Medikamente mit hormonähnlicher Wirkung gemeint sind. Dabei muss angemerkt werden, dass diese Medikamente auch einige Vorteile bieten, wie zum Beispiel eine verlängerte Plasmahalbwertzeit, die eine seltenere Gabe der Substanz ermöglicht.

Progesteronähnliche Medikamente werden auch zur Therapie der Endometriose verwendet.

Siehe auch

  • Progesterontest

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Thieme Chemistry (Hrsg.): Römpp Online. Version 3.1. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2007.
  2. The Merck Index. An Encyclopaedia of Chemicals, Drugs and Biologicals. 14. Auflage, 2006, S. 1337, ISBN 978-0-911910-00-1.
  3. 3,0 3,1 3,2 Datenblatt Progesterone ≥ 99 % bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 22. April 2011.
  4. Progesteron bei ChemIDplus.
  5. Butenandt A, Westphal U: Zur Isolierung und Charakterisierung des Corpusluteum-Hormons. In: Berichte Deutsche chemische Gesellschaft. 67, 1934, S. 1440–1442. doi:10.1002/cber.19340670831.
  6. Hartmann M, Wettstein A: Ein krystallisiertes Hormon aus Corpus luteum. In: Helvetica Chimica Acta. 17, 1934, S. 878–882. doi:10.1002/hlca.193401701111.
  7. Slotta KH, Ruschig H, Fels E: Reindarstellung der Hormone aus dem Corpusluteum. In: Berichte Deutsche chemische Gesellschaft. 67, 1934, S. 1270–1273. doi:10.1002/cber.19340670729.
  8. Allen WM: The isolation of crystalline progestin. In: Science. 82, Nr. 2118, 1935, S. 89–93. doi:10.1126/science.82.2118.89. PMID 17747122.
  9. Allen WM: Progesterone: how did the name originate?. In: South. Med. J.. 63, Nr. 10, 1970, S. 1151–5. PMID 4922128.
  10. B. Legendre, Y. Feutelais, G. Defossemont: "Importance of heat capacity determination in homogeneous nucleation: application to progesterone", in: Thermochim. Acta, 2003, 400, S. 213–219; doi:10.1016/S0040-6031(02)00492-6.
  11. Dr. med. Annelie Scheuernstuhl, HP Anne Hild: "Natürliche Hormontherapie", Aurum in J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 20127, S. 69
  12. 12,0 12,1 Dr. med. Annelie Scheuernstuhl, HP Anne Hild: "Natürliche Hormontherapie", Aurum in J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 20127, S. 65-72
  13. Dr. med. Annelie Scheuernstuhl, HP Anne Hild: "Natürliche Hormontherapie", Aurum in J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 20127, S. 54-57
  14. : Percutaneous estradiol/oral micronized progesterone has less-adverse effects and different gene regulations than oral conjugated equine estrogens/medroxyprogesterone acetate in the breasts of healthy women in vivo.. In: Gynecol. Endocrinol.. 28 Suppl 2, Nr. Epub, Oktober 2012, S. 12-15. PMID 22834417.

Handelsnamen

Monopräparate (bioidentisch)
  • Crinone (D, CH)
  • Progestogel (D, CH)
  • Utrogest (D, CH)
  • Utrogestan (A)
  • Generikum (CH)
Nicht bioidentische Präparate
  • siehe unter Progestin
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