Palmgeier

Palmgeier
Gypohierax angolensis - Carlos Vermeersch Santana.PNG

Palmgeier (Gypohierax angolensis)

Systematik
Ordnung: Greifvögel (Falconiformes)
Familie: Habichtartige (Accipitridae)
Unterfamilie: Gypaetinae
Gattung: Palmgeier
Art: Palmgeier
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Gypohierax
Rüppell, 1836
Wissenschaftlicher Name der Art
Gypohierax angolensis
(Gmelin, 1788)
Immaturer Palmgeier

Der Palmgeier (Gypohierax angolensis) ist ein Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Die Gattung Gypohierax ist monotypisch mit dem Palmgeier als einziger Art. Das geschlossene Verbreitungsgebiet erstreckt sich über weite Teile der zentralen und westlichen Afrotropis, in der östlichen Afrotropis sind die Vorkommen disjunkt und weitgehend auf die Küsten beschränkt. Die Art bewohnt in erster Linie Wald und Waldland oder mit Wald durchsetzte landwirtschaftliche Flächen meist in Wassernähe. In den besiedelten Landschaften gibt es fast immer Vorkommen von Palmen der Gattung Raphia oder Ölpalmen, deren Früchte einen erheblichen Teil der Nahrung des Palmgeiers ausmachen, die Tiere bewohnen daher auch die Randbereiche von Ölpalmenplantagen. Die Art ist recht häufig und der Bestand offenbar stabil, der Palmgeier wird daher von der IUCN als ungefährdet („least concern“) eingestuft.

Beschreibung

Palmgeier sind mittelgroße, recht kräftig gebaute Greifvögel mit breiten, aber relativ kurzen Flügeln, einem sehr kurzen, gerundeten Schwanz, recht kleinem Kopf und kräftigem und langem Schnabel. Das Gesicht ist weitgehend unbefiedert, eine weitere schmale unbefiederte Zone reicht von der Basis des Unterschnabels nach hinten etwa bis unter die Ohrdecken. Weibchen sind nur wenig größer und schwerer als Männchen, die Geschlechter unterscheiden sich ansonsten nicht. Die Körperlänge beträgt 57–65 cm, die Flügelspannweite 135–155 cm und das Gewicht 1,2–1,8 kg.

Adulte Vögel sind sehr markant gefärbt. Die Schulterfedern, die großen Oberflügeldecken, die Armschwingen, die Spitzen der Handschwingen sowie Basen der Steuerfedern sind schwarz, das gesamte übrige Gefieder ist dazu stark kontrastierend einfarbig weiß. Die unbefiederte Haut am Kopf ist rot oder orangerot, die Iris gelb. Der Schnabel ist gelblich, die Wachshaut am Schnabel blaugrau. Die Beine und Zehen sind blass orange bis bräunlich gelb.

Frisch ausgeflogene Jungvögel sehen völlig anders aus. Die Tiere sind insgesamt recht einfarbig beige braun. Das hellste Braun zeigen Kopf, Flügeldecken und die Unterseite des Rumpfes. Oberer Rücken und Schulterfedern sind dunkler braun, Schwingen und Steuerfedern noch dunkler schwärzlich braun. Die unbefiederte Haut am Kopf ist gelblich grau oder bräunlich gelb, die Iris dunkelbraun. Schnabel und Wachshaut sind gelblich grau, Beine und Zehen blass schmutzig weiß bis graubraun. Das vollständige Adultkleid wird im Alter von 4 Jahren (5. Kalenderjahr) erreicht.

Lautäußerungen

Die Tiere sind als vergleichsweise wenig ruffreudig bekannt, beschrieben sind aber eine Art Knurren beim Fressen, ein entenähnliches Quaken an Schlafplätzen und krächzende Rufe, zischende Pfeiftöne sowie bellende und andere kehlige Laute in verschiedenen Kontexten.

Systematik

Für den Palmgeier werden keine Unterarten anerkannt. Die systematische Stellung der Art innerhalb der Habichtartigen war lange unklar. Neuere molekulargenetische Untersuchungen der mitochondrialen DNA und der DNA des Zellkerns stellen den Palmgeier in die ausschließlich altweltliche Unterfamilie Gypaetinae; er steht in einem Schwestertaxonverhältnis zu den drei anderen Arten dieser sehr heterogenen Unterfamilie (Madagaskar-Schlangenhabicht (Eutriorchis astur), Bartgeier (Gypaetus barbatus) und Schmutzgeier (Neophron percnopterus)).[1]

Verbreitung und Lebensraum

Das weitgehend geschlossene Verbreitungsgebiet umfasst weite Teile der zentralen und westlichen Afrotropis zwischen 15° N und 29° S. In West-Ost-Richtung erstreckt sich das geschlossene Areal vom Senegal und Gambia über den Süden Malis und das mittlere Nigeria bis in den Süden des Sudan, von dort nach Süden bis in den Norden Angolas und Sambias. Daran schließen sich nach Osten mehr oder weniger disjunkte, weitgehend auf küstennahe Gebiete beschränkte Vorkommen im äußersten Nordosten von Südafrika, in Mosambik, sowie in Kenia und Tansania an. Das Gesamtverbreitungsgebiet umfasst etwa 11,3 Mio. km².[2]

Die Art bewohnt in erster Linie Wald und Waldland oder mit Wald durchsetzte landwirtschaftliche Flächen meist in Wassernähe. In den besiedelten Landschaften gibt es fast immer Vorkommen von Palmen der Gattung Raphia oder Ölpalmen, die Tiere besiedeln auch die Randbereiche von Ölpalmenplantagen.

Jagdweise und Ernährung

Der Palmgeier ist eine der wenigen Greifvogelarten, deren Nahrung zu einem erheblichen Teil aus Früchten besteht, sie können bei Altvögeln 58 bis 65 % der Nahrung ausmachen, bei Jungvögeln bis zu 92 %. Hauptnahrung sind in weiten Teilen des Verbreitungsgebietes Früchte von Palmen der Gattung Raphia oder Ölpalmen, außerdem zum Beispiel auch Datteln und Upafrüchte. Das Nahrungsspektrum des Palmgeiers ist jedoch sehr breit und umfasst neben Früchten auch Fische und andere kleine Wirbeltiere aller Art, Schnecken, Krabben und andere Wirbellose sowie Aas jeder Größe.

Die Jagd auf Tiere findet vom Ansitz aus, im Suchflug, sowie – in Mangrove, entlang von Ufern oder neben Buschfeuern – auch zu Fuß statt. Fische werden im Überflug von der Wasseroberfläche gegriffen. Zum Fressen von Früchten klettern Palmgeier recht geschickt in Bäumen umher, die Früchte werden je nach Art komplett verschluckt oder erst entschalt und dann stückweise verzehrt.

Fortpflanzung

Gypohierax angolensis

Die Art brütet in einzelnen Paaren. Die Balz besteht aus gemeinsamem oder einzelnem Kreisen, gelegentlich zeigen die Tiere Sturzflüge oder werfen sich im Flug auf den Rücken. Die Brutzeit variiert je nach geografischer Verbreitung, sie fällt in West- und Zentralafrika auf den Zeitraum Oktober/November bis April/Mai, in Angola auf Mai bis November/Dezember, in Ostafrika auf Juni bis Dezember/Januar und in Zululand auf August bis Januar. Das 60 bis 90 cm breite und 30 bis 60 cm hohe Nest wird in 6–60 m Höhe in der Krone von Palmen, Affenbrotbäumen, Bombax sp. und anderen großen Bäumen errichtet. Es besteht aus Ästen und wird vor allem mit Blättern, Sisalfasern, Blütenständen von Palmen und Kot ausgepolstert. Das Gelege umfasst nur ein Ei, das etwa 35–50 Tage lang bebrütet wird. Der Jungvogel verlässt das Nest im Alter von 85 bis über 90 Tagen.

Bestand und Gefährdung

Für Anfang der 1990er Jahre wurde der Weltbestand auf etwa 240.000 Individuen geschätzt[3], aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Die Art ist zumindest in Teilen ihres Verbreitungsgebietes recht häufig, in vielen Waldbereichen der Niederungen West- und Zentralafrikas ist der Palmgeier der häufigste größere Greifvogel. Der Bestand ist offenbar stabil, der Palmgeier wird daher von der IUCN als ungefährdet („least concern“) eingestuft.

Quellen

Einzelnachweise

  1. H. R. L. Lerner und D. P. Mindell: Phylogeny of eagles, Old World vultures and other Accipitridae based on nuclear and mitochondrial DNA. Molecular Phylogenetics and Evolution 37; 2005: S. 327-346
  2. BirdLife International (2010) Species factsheet: Gypohierax angolensis. (Online, abgerufen am 10. August 2010)
  3. J. Ferguson-Lees, D. A. Christie: Raptors of the World. Christopher Helm, London 2001, ISBN 0-7136-8026-1: S. 413

Literatur

  • J. Ferguson-Lees, D. A. Christie: Raptors of the World. Christopher Helm, London 2001, ISBN 0-7136-8026-1: S. 110–111 und 411–413.

Weblinks

  • Gypohierax angolensis in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2008. Eingestellt von: BirdLife International, 2008. Abgerufen am 31. Januar 2009

Sonstige Weblinks

 Commons: Palmgeier – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Die News der letzten Tage

22.06.2022
Bionik, Biotechnologie, Biophysik | Insektenkunde
Forschung mit Biss
Wie stark können Insekten zubeißen?
21.06.2022
Klimawandel | Meeresbiologie
Algenmatten im Mittelmeer als Zufluchtsort für viele Tiere
Marine Ökosysteme verändern sich durch den Klimawandel, auch im Mittelmeer.
21.06.2022
Taxonomie | Meeresbiologie
Korallengärten auf der „Mauretanischen Mauer“ entdeckt
Wissenschaftler*innen haben eine neue Korallenart entdeckt: Die Oktokoralle Swiftia phaeton wurde auf der weltweit größten Tiefwasserkorallenhügelkette gefunden.
20.06.2022
Genetik | Insektenkunde
Was ein Teebeutel über das Insektensterben erzählen kann
Man kennt die Szenerie aus TV-Krimis: Nach einem Verbrechen sucht die Spurensicherung der Kripo bis in den letzten Winkel eines Tatorts nach DNA des Täters.
20.06.2022
Mikrobiologie | Physiologie | Primatologie
Darmflora freilebender Assammakaken wird im Alter einzigartiger
Der Prozess ist vermutlich Teil des natürlichen Alterns und nicht auf eine veränderte Lebensweise zurückzuführen.
20.06.2022
Botanik | Evolution
Das Ergrünen des Landes
Ein Forschungsteam hat den aktuellen Forschungsstand zum Landgang der Pflanzen, der vor rund 500 Millionen Jahren stattfand, untersucht.
17.06.2022
Anatomie | Entwicklungsbiologie
Das Navi im Spermienschwanz
Nur etwa ein Dutzend der Millionen von Spermien schaffen den langen Weg durch den Eileiter bis zur Eizelle.
15.06.2022
Botanik | Klimawandel
Trotz Klimawandel: Keine Verschiebung der Baumgrenze
Die Lebensbedingungen für Wälder in Höhenlagen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten infolge des Klimawandels signifikant verändert.