Halluzination

Klassifikation nach ICD-10
R44 Sonstige Symptome, die die Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmungsvermögen betreffen
R44.0 Akustische Halluzinationen
R44.1 Optische Halluzinationen
R44.2 Sonstige Halluzinationen
R44.3 Halluzinationen, nicht näher bezeichnet
R44.8 Sonstige und nicht näher bezeichnete Symptome, die die Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmungsvermögen betreffen
ICD-10 online (WHO-Version 2011)
Die Versuchung des Hl. Antonius, Detail, Isenheimer Altar, Mathias Grünewald, 1515, Darstellung möglicherweise beeinflusst durch Beschreibung von Halluzinationen, ausgelöst durch Mutterkorn

Unter Halluzination versteht man eine Wahrnehmung eines Sinnesgebietes, ohne dass eine nachweisbare Reizgrundlage vorliegt. Das bedeutet zum Beispiel, dass physikalisch nicht nachweisbare Objekte gesehen werden oder Stimmen gehört, ohne dass jemand spricht. Halluzinationen können alle Sinnesgebiete betreffen. Bei einer Illusion hingegen wird ein real vorhandener Sachverhalt verändert wahrgenommen: Ein tatsächlich vorhandener feststehender Gegenstand scheint sich zu bewegen oder in irregulären Mustern werden scheinbar Gesichter erkennbar.

Eine Halluzination hat per definitionem für den Halluzinierenden Realitätscharakter bzw. kann nicht von der Realität unterschieden werden. Im Gegensatz dazu merkt die Person bei einer Pseudohalluzination, dass es sich nicht um eine reale Wahrnehmung handelt.

Von der Halluzination zu unterscheiden ist die Wahnwahrnehmung. Dabei wird einer realen, also auch von anderen nachzuvollziehenden Wahrnehmung eine wahnhafte Bedeutung zugemessen. Ein Beispiel hierfür wäre, wenn jemand fest davon überzeugt ist, dass das zufällige Läuten einer Kirchenglocke ein Signal an seine Verfolger darstellt, ihn jetzt zu ergreifen.

Ursachen von Halluzinationen können sein:

  • psychische Störungen wie Psychosen, beispielsweise durch
    • Entzug von Rauschmitteln, wie z. B. das durch Alkoholkonsum hervorgerufene Delirium tremens
    • andere krankhafte Veränderungen des Gehirns
  • chemische Verbindungen (Halluzinogene wie etwa Diphenhydramin)
  • Fehlen eines Teils der Reizgrundlage (der dann durch das Gehirn ergänzt wird), beispielsweise durch
    • plötzlichen Wegfall eines Teils der Reizgrundlage
    • nur teilweises Eintreten der Reizgrundlage.
  • Schlafentzug

Ursachen von Pseudohalluzinationen können sein:

Arten von Halluzinationen

Bei optischen Halluzinationen kommt es zur Wahrnehmung nicht vorhandener Objekte. Am häufigsten sind kleine und bewegliche Objekte, deren Wahrnehmung dann meist sehr angstvoll erlebt wird. Dies kommt beispielsweise im Rahmen eines Deliriums vor. Teilweise werden auch ganze Szenen erlebt.

Bei akustischen Halluzinationen, die beispielsweise bei an Schizophrenie Erkrankten häufig sind, hören die Betroffenen oft Stimmen, die die Person beschimpfen, das Tun kommentieren oder Befehle geben (imperative Stimmen).

Olfaktorische (den Geruch betreffend: Phantosmie) und gustatorische Halluzinationen (den Geschmack betreffend) werden häufig von Patienten mit wahnhaften Vergiftungsängsten etwa im Rahmen einer schizophrenen Psychose diagnostiziert.

Zönästhesien sind Sinnestäuschungen aus dem Bereich der Körperwahrnehmung, haben anders als Leibgefühlsstörungen nicht den Charakter des von Außen Gemachten.

Unter hypnagogen Halluzinationen versteht man optische und akustische Sinnestäuschungen im Halbschlaf, beim Einschlafen oder Aufwachen. Sie kommen auch bei psychisch Gesunden vor, wie überhaupt Halluzinationen in Situationen wie Meditationen als normal anzusehen sind. Die Hypnoseforschung versteht Nacht- und Tagträume einschließlich der beim Lesen von Büchern induzierten inneren Bilder als alltägliche Formen von Halluzinationen. Im Bereich der Hypnose wird von negativen Halluzinationen gesprochen, wenn ein äußerer Reiz in Trance nicht mehr gesehen, gehört oder gespürt wird. „Negativ“ beschreibt hier wertungsneutral den Umstand, dass etwas nicht mehr wahrgenommen wird.

Halluzinogene rufen trotz ihrer Bezeichnung meist eher Pseudohalluzinationen (siehe auch Modellpsychose) oder Illusionen hervor als echte Halluzinationen.

Halluzinationen bei Epilepsie

Im Zusammenhang mit Epilepsie kann es zu Halluzinationen kommen. Je nach Art der Halluzination und Erfahrung der Halluzinierenden werden diese als solche erkannt, oder nicht. Halluzinationen von Musik oder Stimmen können beispielsweise mit etwas Erfahrung als solche anhand der Reinheit des Klangs bzw. anhand des Fehlens von Störgeräuschen erkannt werden. Eine Sonderform ist die musikalische Halluzinose[1].

Bei derartigen Halluzinationen handelt es sich gewöhnlich um besonders prägnante Erinnerungen an Wahrnehmungen, die vormals auf einer Reizgrundlage basierten. Diese Erinnerungen können auch aus Reizen bestehen, denen man tagtäglich häufig ausgesetzt ist. Man hört z. B. sein Kind durch den Flur schreiten, obschon es bereits fest in seinem Bett schläft, oder man hört seine Katze fressen oder die Krallen wetzen, die ebenfalls gerade schläft. Solche Halluzinationen können auch in ganz anderem Umfeld vorkommen, wo sie vernünftigerweise gar nicht vorkommen dürften, etwa auf dem Arbeitsplatz. Das Gehirn ergänzt hierbei einen Teil der Realität, wenn gewisse Schlüsselreize vorhanden sind, die gewöhnlich mit dem fehlenden Reiz zusammen auftreten.

In psychiatrischen Umfeldern besteht die Gefahr, durch Schilderungen von Halluzinationen – besonders wenn sie Freude bereitet haben und entsprechend positiv dargestellt werden – als schizophren bezeichnet zu werden.

Neben Halluzinationen, die auf Erinnerungen beruhen, gibt es Halluzinationen von Handlungen oder Vorgängen, zu denen es durch einen kurzfristigen Ausfall der Reizgrundlage kommen kann. Diese Halluzinationen extrapolieren Realität nach Ausfall der Reizgrundlage, indem sie die Realität für einige Sekunden ohne Reizgrundlage in ihrem mutmaßlichen Verlauf „errechnen“. Sie verschwinden, sobald die Reizgrundlage wieder hergestellt ist. Auf diese Weise verhelfen die Halluzinationen den betreffenden Menschen dazu, eine gerade ausgeführte Tätigkeit – zum Beispiel Gehen auf einem Gehweg – ohne Unterbrechung fortzuführen. Dass eine Halluzination vorlag, lässt sich nachträglich im Allgemeinen nur negativ feststellen – wenn beispielsweise inzwischen auf dem Gehweg ein Hindernis auftauchte, das vor dem Ausfall der Reizgrundlage nicht wahrgenommen wurde oder zwar wahrgenommen, aber als Störgröße gedeutet und aus der Realitätsextrapolation „herausgerechnet“ wurde.

Siehe auch

Literatur

  • Hans-Jürgen Möller, Gerd Laux und Arno Deister: Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme Verlag, 2005, ISBN 978-3-13-128543-0
  • Stephan Matthiesen, Rainer Rosenzweig (Hrsg.): Von Sinnen. Traum und Trance, Rausch und Rage aus Sicht der Hirnforschung. mentis Verlag 2007, ISBN 978-3-89785-572-4.
  • Erich Kasten: Die irreale Welt in unserem Kopf. Halluzinationen, Visionen, Träume. Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 2008, ISBN 978-3-497-01982-3.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Engmann, Birk; Reuter, Mike: Spontaneous perception of melodies – hallucination or epilepsy? Nervenheilkunde 2009 Apr 28: 217-221. ISSN 0722-1541
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