Schutz in der Brutzeit reicht nicht: Kornweihen im Wattenmeer vor dem Aus?

Neues aus der Forschung

Meldung vom 01.03.2019

DBU: Internationale Zusammenarbeit beim Kornweihenschutz dringend notwendig. Trotz optimaler Brut- und Nahrungsbedingungen droht der Brutbestand der Kornweihe, einer seltenen Greifvogelart, auf den niedersächsischen Wattenmeerinseln zu erlöschen. Dies könnte zur Folge haben, dass in naher Zukunft deutschlandweit keine Kornweihen mehr brüten, da die Art in Deutschland auf den Wattenmeerinseln – noch – ihren Verbreitungsschwerpunkt hat.


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Die scharfsichtigen Mäusejäger könnten trotz bester Brutbedingungen auf den Wattenmeerinseln bald nicht mehr dort vorkommen.
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
DBU: Internationale Zusammenarbeit beim Kornweihenschutz dringend notwendig


Der Rückgang des Kornweihenbestands betrifft nicht nur das niedersächsische Wattenmeer, sondern auch die Westfriesischen Inseln der Niederlande. Zu diesem Ergebnis kommt eine zum Internationalen Tag des Artenschutzes am 3. März veröffentlichte Langzeitstudie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die in Kooperation mit der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer (Wilhelmshaven) durchgeführt wurde. Die Ursachen des Rückgangs wurden nicht untersucht. Da Kornweihen zu den Zugvögeln zählen, müsse international – also auch entlang der Zugrouten und den Rast- und Überwinterungsgebieten – nach den Gründen geforscht werden.


 
Kornweihen (im Bild ein Weibchen) sind ein gutes Beispiel dafür, dass Artenschutz eng mit dem Schutz der Lebensräume zusammenhängt.

Scharfsichtigen Mäusejägern fehlt es im Nationalpark an nichts

„Natur- und Artenschutz kann nicht an Ländergrenzen haltmachen. International erarbeitete Lösungskonzepte sind bei selten gewordenen Zugvogelarten dringend notwendig“, sagt Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die das Projekt seit 2013 fachlich und finanziell unterstützte. Die Studie leistet einen Beitrag für die internationale Kooperation beim Kornweihenschutz.

„Seit Anfang der 2000er Jahre ist der Brutbestand von Kornweihen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer massiv eingebrochen und steht jetzt vor dem Erlöschen“, sagt Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung



Das sei alarmierend, weil die Greifvogelart in Deutschland und den Niederlanden fast nur noch in den weitläufigen, weitgehend ungestörten Dünenlandschaften der Wattenmeer-Inseln regelmäßig brüte. Mit dem Erlöschen würde der Nationalpark eine Brutvogelart verlieren, für die er eine hohe Verantwortung besitzt. Positiv sei, dass anhand der Langzeitstudie habe nachgewiesen werden können, dass es den scharfsichtigen Mäusejägern im Nationalpark für eine erfolgreiche Brut an nichts fehle. „Das Angebot an Wühlmäusen – ihrer Hauptbeute für die Aufzucht der Jungen – hat sich nicht wesentlich verändert“, erläutert Nadine Knipping von der Universität Oldenburg.

Außerdem seien die Greifvögel, bei denen das Männchen Weibchen und Jungvögel während der Brut versorge, recht flexibel und würden auch andere kleine Säugetiere und Vögel erbeuten. Knipping: „Mit ein bis zwei flüggen Jungvögeln pro Brut erreicht die Greifvogelart im Nationalpark einen vergleichsweise hohen Fortpflanzungserfolg, der seit 2009 stabil ist.“ Dieser könne den festzustellenden Rückgang aber nicht ausgleichen.

Artenschutz ist Lebensraumschutz zum Nutzen vieler anderer Tier- und Pflanzenarten

Knipping verweist auf ein zweites Ergebnis der Studie: „Das bestehende Schutzkonzept im Nationalpark sowie kurzfristige Maßnahmen wie Wegesperrungen zum Schutz von Nistplätzen sichern die Brut- und Nahrungslebensräume der Kornweihen in hohem Maße.“ Dass Artenschutz eng mit dem Schutz der Lebensräume zusammenhänge, sei zwar keine neue Erkenntnis, könne aber an diesem Beispiel sehr deutlich gemacht werden. „Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Kornweihen vor allem in Norddeutschland ein verbreiteter, wenn auch nicht häufiger Brutvogel der ausgedehnten Moor- und Heidelandschaften“, so Knipping. Doch diese Lebensräume seien weitgehend zerstört. Die Gebiete wurden in Ackerland umgewandelt. Zudem habe sich die landwirtschaftliche Nutzung seither deutlich gewandelt. Die schlanken Greife würden heute nur noch unter strengsten Nationalpark-Bedingungen gute Fortpflanzungsmöglichkeiten finden. Auch andere gefährdete Tier- und Pflanzenarten würden von den Schutzbemühungen rund um die Kornweihen sehr stark profitieren.

Auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen ergreifen

„Umso bedauerlicher ist es, wenn im Frühjahr immer weniger zu uns zurückkommen“, so Nationalparkleiter Südbeck. „Entscheidend für das Vorkommen der Kornweihen im Wattenmeer ist ihr Überleben außerhalb der Brutzeit.“ Seit Ende der 90-er Jahre sei die jährliche Überlebensrate der Wattenmeer-Kornweihen deutlich gesunken. Derzeit gebe es zu den Ursachen nur Vermutungen. Anzunehmen sei etwa, dass im Verbreitungsgebiet der Kornweihe der Lebensraumverlust weiter anhalte. Kornweihen seien auf störungsarme, extensiv genutzte und nahrungsreiche Flächen angewiesen. Diese würden zugunsten von Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie einer intensivierten Landnutzung immer weniger werden. Knipping: „Letztlich gilt es, die Ursachen des Bestandsrückgangs schnell zu ermitteln, um auf internationaler Ebene Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.“ Bei einem Kornweihen-Experten-Gesprächskreis im März wolle sie sich mit den Studienergebnissen für den gesamteuropäischen Kornweihenschutz einsetzen.

Umfangreiches Forschungsprojekt von 2009 bis 2019

Vor dem Hintergrund der nationalen Verantwortung für den Schutz und Erhalt der Kornweihen wurde ab 2009 das umfangreiche Forschungsprojekt in der Arbeitsgruppe Landschaftsökologie der Universität Oldenburg initiiert und in Kooperation mit dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und niederländischen Forscherkollegen durchgeführt. Neben der DBU förderten die Niedersächsische Ornithologische Vereinigung und die Niedersächsische Wattenmeerstiftung das Vorhaben. Der Abschlussbericht steht zum Download zur Verfügung: https://www.dbu.de/projekt_30347/01_db_2848.html.




Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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