Schnecken-Shuttle-Service – Milben werden gefressen, überleben, und breiten sich so schneller aus

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.07.2018

Auf der Speisekarte von Nacktschnecken stehen nicht nur Moose, Flechten und Gartengemüse, sondern auch winzig kleine Hornmilben, die sie unweigerlich mit ihrer Nahrung aufnehmen. Erstaunlicherweise überstehen die meisten der kleinen Spinnentiere die Reise durch den Schneckendarm unbeschadet und werden an einem anderen Ort im Ökosystem wieder lebend ausgeschieden. Wissenschaftler um Dr. Manfred Türke vom Forschungszentrum iDiv und der Uni Leipzig haben erstmalig bei Milben diese Ausbreitungsstrategie entdeckt, die in der Fachwelt als Endozoochorie vor allem bei Pflanzen bekannt ist. Ihre Forschungsergebnisse haben die Forscher in der Fachzeitschrift Oecologia veröffentlicht.


180710-1823_medium.jpg
 
Hornmilbe der Familie Euphthiracaridae. Diese Milben reisen lebend im Darm von Schnecken.
Türke, M., Lange, M. & Eisenhauer, N.
Gut shuttle service: endozoochory of dispersal-limited soil fauna by gastropods
Oecologia (2018) 186: 655
DOI: 10.1007/s00442-018-4058-x


Auf der Speisekarte von Nacktschnecken stehen nicht nur Moose, Flechten und Gartengemüse, sondern auch winzig kleine Hornmilben, die sie unweigerlich mit ihrer Nahrung aufnehmen. Erstaunlicherweise überstehen die meisten der kleinen Spinnentiere die Reise durch den Schneckendarm unbeschadet und werden an einem anderen Ort im Ökosystem wieder lebend ausgeschieden. Wissenschaftler um Dr. Manfred Türke vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig haben erstmalig bei Milben diese Ausbreitungsstrategie entdeckt, die in der Fachwelt als Endozoochorie („Verdauungsausbreitung“) vor allem bei Pflanzen bekannt ist. Ihre Forschungsergebnisse haben die Forscher in der Fachzeitschrift Oecologia veröffentlicht.

Tiere und Pflanzen haben im Laufe der Evolution zahlreiche Strategien entwickelt, um neue Lebensräume zu besiedeln. Kirschen beispielsweise werden im Sommer gern von Amseln gefressen. Den Kern scheiden die Vögel unverdaut an einem anderen Ort aus, wo die Pflanze keimen kann. Wenig bekannt ist bisher über die Ausbreitungsstrategien von Bodenlebewesen wie Milben, Fadenwürmern oder anderen wirbellosen Tieren. Diese sind winzig klein und dementsprechend langsam, leben aber in fast allen Böden. Und sie sind von entscheidender Bedeutung für das Funktionieren des Ökosystems, weil sie organische Abfälle zersetzen und die Nährstoffkreisläufe im Boden aufrechterhalten.


 
Die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris) transportiert Milben in ihrem Darm.

Umso wichtiger sind die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler um Manfred Türke. Türke sammelte über Monate im Leipziger Auwald Spanische Wegschnecken (Arion vulgaris), eine Nacktschneckenart, um ihre Exkremente unter dem Mikroskop zu untersuchen. Dabei machte der Wissenschaftler eine erstaunliche Entdeckung: Im Kot der Schnecken fand er 36 weit verbreitete Arten von winzigen Hornmilben (Oribatida). Diese Spinnentiere bewohnen den Boden und die Blattstreu der Wälder und sind nicht einmal einen Millimeter lang. Erstaunlicherweise hatten 70 Prozent der gefressenen Milben die Passage durch den Schneckendarm überlebt. Im Labor beobachtete Manfred Türke, dass die Milben durch den Transport im Schneckendarm lebend an einen neuen Ort gelangen können. Diese Ausbreitungsstrategie wird in der Fachwelt Endozoochorie („Verdauungsausbreitung“) genannt und ist bisher sehr selten bei Tieren beobachtet worden.

Für die Milben, die selbst nicht nur winzig sind, sondern äußerst schwerfällig und behäbig, sind die Schnecken also ein Transport- und Ausbreitungsmittel. Denn selbst die schnellste Hornmilbe kann am Tag maximal zwei Zentimeter Strecke zurücklegen, während eine große Nacktschnecke bis zu 15 Meter Wegstrecke pro Tag problemlos meistert. „Das bedeutet eine etwa tausendfache Geschwindigkeit. Wenn eine Schnecke vorbeikriecht, ist es für eine Milbe so als würde ein ICE vorbeidonnern“, sagt Manfred Türke. Ein Zug, auf den viele Milben aufspringen.



Der Biologe vermutet sogar, dass sich eine Milbe vorsätzlich fressen lassen könnte: „Es wäre möglich, dass sie mitbekommt, wenn eine Schnecke in der Nähe ist und dann höher in die Vegetation kriecht, um gefressen zu werden. Denn in der Schnecke ist sie auch vor Feinden geschützt.“

Neben Hornmilben fanden die Wissenschaftler im Kot der gesammelten Nacktschnecken auch Pflanzensamen, Moose und vor allem andere lebende Bodentiere. Es ist also wahrscheinlich, dass sich ganze Mikroökosysteme mithilfe von Schnecken ausbreiten. Der Ausbreitungsmechanismus könnte erklären, warum winzig kleine Bodenbewohner, die selbst nur wenige Zentimeter am Tag zurücklegen, neue Habitate in einem Ökosystem erstaunlich schnell besiedeln. Ein einziger Quadratmeter Boden kann hunderttausende wirbellose Tiere beherbergen – hunderte bis tausende von verschiedenen Arten. Das bessere Verständnis dieser komplexen Lebensgemeinschaften ist von entscheidender Bedeutung für den Erhalt wichtiger Funktionen des Bodens wie Kohlenstoffspeicherung, Trinkwasserreinigung oder Bodenfruchtbarkeit. Irena Walinda


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung