„Alien“ im Bernstein

Neues aus der Forschung

Meldung vom 23.05.2016

Biologen der Universität Jena entdecken Bindeglied zwischen Gottesanbeterinnen und Schaben


160523-1926_medium.jpg
 
Auf den Monitoren von Dr. Benjamin Wipfler von der Uni Jena ist die neue Insektenordnung aus einem ca. 100 Millionen Jahre alten burmesischen Bernstein zu sehen.
Foto: Jan-Peter Kasper/FSU
Bai, M., et al. 2016. †Alienoptera — A new insect order in the roach–mantodean twilight zone. Gondwana Research
DOI: 10.1016/j.gr.2016.02.002

Ein bisschen Heuschrecke, ein bisschen Käfer, etwas Ohrwurm, und einiges von der Gottesanbeterin: Zuerst dachte Dr. Benjamin Wipfler, dass er es bei dem kleinen Fossil mit einem winzigen Wolpertinger zu tun hat – jenem legendären Mischwesen, das aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt ist. Nach genauerer Untersuchung steht jedoch nun fest: Biologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben gemeinsam mit chinesischen Kollegen eine neue Insektenordnung entdeckt, und mit ihr das lang gesuchte Verbindungsstück zwischen Schaben und Gottesanbeterinnen. „Wir wissen schon lange, dass beide Ordnungen miteinander verwandt sind, aber bisher hat das sogenannte Connecting Link, also das verbindende Element, gefehlt“, erklärt Wipfler, Evolutionsbiologe an der Universität Jena, die Sensation.

Aufgetaucht ist es nun in einem Bernstein aus Burma. Ein chinesischer Sammler hatte das 100 Millionen Jahre alte Kleinod – eingearbeitet in einem Ring – auf einem Bernsteinmarkt in China erworben und sich an die Akademie der Wissenschaften des Landes gewandt. Mit dem Institut für Zoologie der Akademie pflegen die Jenaer Biologen seit Jahren eine rege Zusammenarbeit. Diese führte auch hier zum Erfolg: „Unser chinesischer Kollege Prof. Dr. Ming Bai und sein Team fotografierten das Fossil und untersuchten es mittels Mikrocomputertomografie“, berichtet der Jenaer Insektenexperte Prof. Dr. Rolf Beutel. „Wir haben dann daraus 3-D-Modelle gemacht und die Daten ausgewertet.“ Hilfreich war dabei der besonders gute Erhaltungszustand des 1,4-Zentimeter-langen Tieres, dessen neue Ordnung aufgrund seiner augenscheinlichen Andersartigkeit den Namen „Alienoptera“ (lat. alienus „fremd“) trägt. So konnten die Forscher etwa den Flügel am Computer visuell entfernen und den vollständigen Geschlechtsapparat des Männchens genauer untersuchen.

Für die Einordnung des Tieres ist aber eines fast noch wichtiger: die Beine. „An den Extremitäten und an dem sehr beweglichen Kopf erkennen wir, dass die Vertreter der neuen Spezies – genauso wie die Gottesanbeterin – auf die Jagd gingen“, sagt Benjamin Wipfler. Nur unterschied sich die Vorgehensweise aufgrund eines anatomischen Merkmals dabei erheblich. „Die Gottesanbeterinnen sind mit dornenbesetzten Fangbeinen ausgestattet, die ähnlich einem Taschenmesser zusammenklappen und dabei die Beute, vor allem größere Insekten, fixieren“, erklärt der Jenaer Biologe. „Die Alienoptera setzen beim Nahrungserwerb zwar auch die Vorderbeine ein, allerdings befinden sich darauf dichte Reihen von feinen Borsten, was sich eher dazu eignete, kleine Beuteobjekte wie etwa Blattläuse oder Milben aufzusammeln.“ Aufgrund dieses Beuteerwerbsmechanismus gehen die Jenaer Wissenschaftler davon aus, dass die Tiere auf Bäumen und Sträuchern gelebt haben. Dafür sprechen auch die spezialisierten Haftstrukturen an den Füßen. Diese kennt man bisher nur von den Gladiatoren – einer auf Sträuchern lebenden Insektengruppe, die erst vor 13 Jahren in Südafrika entdeckt wurde.

Die Alienoptera waren gute Flieger, wie die Biologen der Uni Jena am Computer feststellten. Denn dank der 3-D-Technik konnten sie den Flügel am Bildschirm aufklappen und genauer unter die Lupe nehmen. Dabei fielen auch die schalenartigen Vorderflügel auf, die weder bei Schaben noch bei Gottesanbeterinnen vorkommen, sondern eher bei Käfern und Ohrwürmern. Das sattelförmige Rückenteil der Vorderbrust erinnert dagegen an Heuschrecken. Mit dieser ungewöhnlichen Merkmalskombination und den nur geringfügig spezialisierten Vorderbeinen waren die Alienoptera offensichtlich der Konkurrenz der hocheffizienten Räuber aus der Gruppe der Gottesanbeterinnen nicht gewachsen. Sie sind nach geologisch betrachtet kurzer Zeit wieder von der Bühne der Evolution verschwunden.

Rund 100 Millionen Jahre später sorgte die ungewöhnliche Merkmalskombination des Insektenfossils für einen verwirrenden ersten Eindruck, der die Jenaer Experten vor eine spannende Herausforderung stellte: „Das war Detektivarbeit“, sagt Rolf Beutel rückblickend. „Da fängt Wissenschaft an, richtig Spaß zu machen.“


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019 13:47

Mieser Fraß: Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren ...

Meldung vom 17.01.2019 13:41

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

Kalkbildung in Korallen: Ein doppelter Blick und dreifache Messungen erlauben neue Einblicke in das Wachstum e ...

Meldung vom 17.01.2019 13:31

Plötzlich gealtert

Coralline Rotalgen gibt es seit 130 Millionen Jahren, also seit der Kreidezeit, dem Zeitalter der Dinosaurier. ...

Meldung vom 17.01.2019 13:19

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müsse ...

Meldung vom 17.01.2019 13:14

Ernst Haeckel als Erzieher

Biologiedidaktiker der Uni Jena geben Reprint der Dodel-Schrift „Ernst Haeckel als Erzieher“ mit heraus.

Meldung vom 17.01.2019 13:10

Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken d ...

Meldung vom 17.01.2019 13:04

Menschliche Darmflora durch Nanopartikel in der Nahrung beeinflussbar

Neue Studie der Universitätsmedizin Mainz über die (patho)biologischen Auswirkungen von Nanopartikeln auf da ...

Meldung vom 10.01.2019 19:47

Erster direkter Nachweis eines Wal jagt Wal - Szenarios in früheren Ozeanen

In einer im open-access Journal PLOS ONE publizierten Studie, liefern Manja Voss, Paläontologin am Museum fü ...

Meldung vom 10.01.2019 19:33

Zahnwechsel sorgt bei Elefanten für Jojo-Effekt

Das Gewicht von Zoo-Elefanten schwankt im Laufe ihres erwachsenen Lebens in einem Zyklus von etwa hundert Mona ...

Meldung vom 10.01.2019 19:24

Intensives Licht macht schläfrig

Insekten und Säugetiere besitzen spezielle Sensoren für unterschiedliche Lichtintensitäten. Diese nehmen ge ...

Meldung vom 10.01.2019 19:11

Alpenwanderung mit Folgen: Forscher verifizieren fast 70 Jahre alte genetische Hypothese

An einer Orchideen-Population in Südtirol belegen Forscher der Universitäten Hohenheim, Zürich und Wien die ...

Meldung vom 08.01.2019 17:54

Clevere Tiere upgraden ihr Genom

Puzzlestein in der Evolution der Tintenfische entschlüsselt - Kopffüßer wie Tintenfisch, Oktopus oder Nauti ...

Meldung vom 08.01.2019 17:45

Gekommen, um zu bleiben: Drachenwels aus Ostasien in der bayerischen Donau

Die bayerische Donau ist inzwischen Heimat für viele Fisch- und andere Tierarten, die ursprünglich nie dort ...

Meldung vom 08.01.2019 17:37

Entwicklung eines grösseren Gehirns

Ein Gen, das nur der Mensch besitzt und das in der Großhirnrinde aktiv ist, kann das Gehirn eines Frettchens ...

Meldung vom 07.01.2019 16:31

Bei Blaumeisen beeinflusst das Alter der Weibchen und die Legefolge die Qualität der Eier

Brütende Blaumeisen-Weibchen stimmen die Zusammensetzung ihrer Eier auf die Bedürfnisse der aus ihnen schlü ...

Meldung vom 07.01.2019 16:03

Phytolith- und Wassergehalt von Futterpflanzen beeinflussen Zahnschmelzabrieb von Wirbeltieren

Verschiedene Futterpflanzen reiben den Zahnschmelz von Wirbeltieren unterschiedlich stark ab, was unter andere ...



26.12.2018:
Baum der Schrecken
24.11.2018:
Wenn das Meer blüht
24.11.2018:
Durchsichtige Fliegen
15.11.2018:
Plastik im Fisch
03.10.2018:
Gestresste Pflanzen

13.08.2018:
Wie Vögel lernen
20.07.2018:
Magie im Reagenzglas

18.06.2018:
Primaten in Gefahr
28.05.2018:
Störche im Aufwind
07.05.2018:
Misteln atmen anders

27.03.2018:
Kenne Deinen Fisch!
01.09.2016:
Elefanten im Sinkflug
13.12.2015:
Leben ohne Altern
22.05.2014:
Lebensraum Käse
22.05.2014:
Domino im Urwald
04.04.2014:
Nationalpark Asinara
13.03.2014:
Trend-Hobby Imker
04.09.2013:
Harmloser Terrorvogel
07.02.2013:
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung