Seescheiden

Seescheiden
Rote Seescheide (Halocynthia papillosa)

Rote Seescheide (Halocynthia papillosa)

Systematik
Abteilung: Gewebetiere (Eumetazoa)
Unterabteilung: Bilateria
Überstamm: Neumünder (Deuterostomia)
Stamm: Chordatiere (Chordata)
Unterstamm: Manteltiere (Urochordata)
Klasse: Seescheiden
Wissenschaftlicher Name
Ascidiae
Nielsen, 1995

Seescheiden (Ascidiae oder Ascidiacea) sind sessile Manteltiere, die weltweit die Meere vom Schelf bis zur Tiefsee besiedeln. Mit rund 2000 Spezies sind sie die artenreichste Gruppe der Manteltiere. Aufgrund ihrer Fähigkeit einen Mantel zu bilden und da sie als innere Mikrofiltrierer die Produktivität des freien Wasserkörpers ausschöpfen können, sind die Seescheiden eine der erfolgreichsten Tiergruppen[1].

Merkmale

Nach der Wuchsform werden, nicht taxonomisch, folgende drei Typen unterschieden[1]

  • Solitärascidien, die immer ein Oozooid repräsentieren
  • Soziale Ascidien, meist mit Stolonen verbunden
  • Synascidien, koloniale Formen mit gemeinsamen Mantel, Gefäßsystem, oft zu Gruppen zusammengefassten Ausstromsiphonen in einem Kloakalraum des Mantels und mit vielfältigster Anordnung der meist sehr kleinen Einzeltiere

Ihre äußere Erscheinung ist aufgrund der besiedelten Lebensräume sehr vielgestaltig. Arten des Sandlückensystems (Mesopsammon) erreichen nur Millimeter-Größe (etwa Psammostyela delamarei, Diplosoma migrans). Die subantarktische Solitärascidie Molgula gigantea erreicht Größen von bis zu 30 cm. Bei der 80 cm lange gestielten Tieefseeascidie Culeolus murrayi misst der eigentliche Körper nur etwa 8 cm. Die Synascidie Aplidium conicum bildet bis zu 50 cm hohe, massige Kolonien. Schließlich existieren auch dünne bandförmige Kolonien von 4-43 m Länge[1].

Lebensweise

Adulte Seescheiden sind sessil, die Larven jedoch frei schwimmend.

Entwicklung

Aufbau einer Seescheidenlarve: 1 Ingestionsöffnung, 2 Haftpapillen, 3 Kiemendarm, 4 Magen, 5 After, 6 Chorda dorsalis, 7 Neuralrohr, 8 Peribranchialraum ; 9 Egestionsöffnung

Seescheiden gehören – wie der Mensch – zu den Chordatieren, das heißt, sie haben in bestimmten Entwicklungsstadien gleiche Organe, eine stabförmige Stütze im Rücken, aus der sich bei Wirbeltieren eine Wirbelsäule entwickelt. Die Chordatenmerkmale sind bei den Seescheiden nur im Larvenstadium zu erkennen. Im Larvenstadium stimmt die Seescheide fast komplett mit der Larve der Wirbeltiere überein.

Die Gehirnanlage, die im Larvenstadium vorhanden ist, ist beim erwachsenen Tier komplett verschwunden, durch eine Rückbildung ist nur noch ein Ganglion (Nervenknäuel) vorhanden. Allerdings scheint sich das Gehirn, ähnlich wie der Schwanz einer Eidechse, nachbilden zu können.

Fortpflanzung

Sie sind simultane Hermaphroditen. Aber auch die ungeschlechtliche Vermehrung durch Knospenbildung ist weit verbreitet.

Ernährung

Fast alle Seescheiden sind Nahrungsstrudler. Über eine Einströmöffnung wird das Wasser in den Kiemendarm geleitet, von dort durch Kiemenspalten in den Peribranchialraum, eine spezielle Bildung, in der die Nahrung herausgefiltert wird. Danach wird das filtrierte Wasser durch die Ausströmöffnung wieder abgegeben.

Im Januar 2009 wurde in der australischen Tiefsee südöstlich der Insel Tasmanien in einer Meerestiefe von 4000 Metern eine Art entdeckt, welche sich von kleineren Fischen ernährt, die ähnlich wie bei der Venusfliegenfalle im Inneren der Seescheide gefangen werden.[2][3]

Ökologie

Die Möglichkeit, über eine sensorisch gut ausgestattete Schwimmlarve selektiv zu siedeln, sich bei günstigen Verhältnissen vegetativ sehr rasch auszubreiten und außerdem sexuell zu reproduzieren, macht die Seescheiden erfolgreich gegenüber anderen sessilen Lebewesen. So sind Massenentwicklungen von Cionia intestinalis bekannt, die Individuendichten von 1500 bis 5000 pro m² erreichen. Auf den Corallinaceenböden des Mittelmeers stellen Seescheiden mehr als die Hälfte aller sessilen Arten. Sehr häufig sind hier vor allem die Vertreter der Gattung Microcosmus[1].

Systematik

Es gibt zwei Ordnungen, drei Unterordnungen, 15 Familien und etwa 2000 Arten.

Didemnum sp. überwächst Grünalgen
Die koloniale Seescheide Botrylloides magnicoecum
  • Ordnung Enterogona. Die unpaaren Gonaden liegen in oder hinter der Darmschleife, die Kloakenhöhle entwickelt sich aus einer paarigen dorsalen Einstülpung.
    • Unterordnung Aplousobranchia Lahille, 1887
      • Familie Clavelinidae Forbes & Hanley, 1848
      • Familie Didemnidae Giard, 1872
      • Familie Polycitoridae Michaelsen, 1904
      • Familie Polyclinidae Milne-Edwards, 1841
    • Unterordnung Phlebobranchia Lahille, 1887
      • Familie Agnesiidae Michaelsen, 1898
      • Familie Ascidiidae Herdman, 1882
      • Familie Cionidae Lahille, 1887
      • Familie Corellidae
      • Familie Diazonidae Garstand, 1891
      • Familie Hypobythiidae Sluiter, 1895
      • Familie Perophoridae Giard, 1872
  • Ordnung Pleurogona. Die unpaaren Gonaden liegen links und rechts an der Körperwand, die Kloakenhöhle entwickelt sich aus einer unpaaren dorsalen Einstülpung.
    • Unterordnung Stolidobranchia Lahille, 1887
      • Familie Molgulidae Lacaze-Duthiers, 1877
      • Familie Pyuridae Hartmeyer, 1908
      • Familie Styelidae Sluiter, 1895

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Alfred Goldschmid: Chordata, Chordatiere. in: Westheide, Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Gustav Fischer, Stuttgart/Jena 1997, 2004; ISBN 3-8274-1482-2
  2. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,601919,00.html Spiegel Online: Tiefsee vor Australien - Forscher entdecken völlig neue Tierwelt
  3. Scientists discover new marine life off Tasmania - International Herald Tribune (Englisch)

Literatur

  • K. Deckert, G. Deckert, G. E. Freytag, G. Peters, G. Sterba: Urania Tierreich, Fische, Lurche, Kriechtiere, Urania-Verlag, 1991, ISBN 3-332-00376-3
  • S. A. Fosså, & A. J. Nilsen: Korallenriff-Aquarium, Band 6, Birgit Schmettkamp Verlag, Bornheim, ISBN 3-928819-18-6

Weblinks

 Commons: Ascidiacea – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorlage:Commonscat/WikiData/Difference

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