Mittelalter

Romanische St.-Michaeliskirche in Hildesheim
Gotische Gewölbearchitektur in der Kathedrale von Winchester

Der Begriff Mittelalter bezeichnet in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit (ca. 6. bis 15. Jahrhundert). Sowohl der Beginn als auch das Ende des Mittelalters sind Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion und werden recht unterschiedlich angesetzt.

Im Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter zerbrach die politische und kulturelle Einheit des griechisch-römisch geprägten Mittelmeerraums. Während das Byzantinische Reich im Osten intakt blieb, ging das Westreich 476 unter. Es entstanden neue christliche Staaten, bewohnt von romanischen, germanischen, slawischen und keltischen Völkern. Während der antike Kernraum bereits christlich geprägt war, wurde durch die Christianisierung paganer (heidnischer) Gebiete das Christentum zur bestimmenden Religion in fast ganz Europa. Mit dem Islam entstand im 7. Jahrhundert eine neue Religion, die sich infolge der arabischen Eroberungen im Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika und in Teilen Südeuropas ausbreitete. Während sich im Frühmittelalter die politische Grundordnung der späteren Zeit im Wesentlichen ausbildete, war das Hochmittelalter von einem verstärkten Aufschwung im wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereich geprägt. Das Spätmittelalter, in der älteren Forschung oft eher als Krisenzeit betrachtet, markiert den langsamen Übergang in die Frühe Neuzeit.

Die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform des Mittelalters war der Feudalismus. Grundzüge dieser Zeit waren eine nach Ständen geordnete Gesellschaft, ein durch das Christentum bestimmtes Weltbild, eine durch diese Religion geprägte Literatur, Architektur, Kunst und Wissenschaft sowie Latein als gemeinsame übergreifende Kultur- und Bildungssprache. Nach dem Großen Schisma 1054 strebten sowohl die katholischen Kirche als auch die orthodoxe Kirche nach Einheit des Christentums unter ihrem Dach, was aber nicht mehr gelang.

Von großer Bedeutung für das christliche Europa waren die Juden. Auf Grund des Zinsverbots der katholischen Kirche waren den Christen Geldgeschäfte verboten, nicht aber den andersgläubigen Juden. Sie waren Schutzbefohlene der Landesherren und wurden als Minderheit nur widerwillig geduldet. Aufgrund des Antijudaismus im Mittelalter waren sie Opfer von Judenpogromen und Vertreibungen.

Begriffsgeschichte

Mittelalterlicher Eigenbegriff

Das christliche Mittelalter sah sich selbst noch nicht als ein „Mittelalter“, sondern verstand sich heilsgeschichtlich als eine im Glauben allen anderen Zeitaltern überlegene aetas christiana („christliches Zeitalter“), die mit der Geburt Christi begann und erst mit dem Jüngsten Tag enden sollte. Während die vorausgegangenen Weltalter der Heilsgeschichte gemäß der Lehre von den drei, vier oder sechs Weltaltern (aetates mundi) noch weiter unterteilt wurden, gab es für die interne Periodisierung der aetas christiana kein fest etabliertes Epochenschema, sondern lediglich Ansätze, wie die Lehre von den sieben Perioden der Kirche (abgeleitet aus der Johannesapokalypse) oder die von Joachim von Fiore begründete Einteilung in eine Zeit des „Sohnes“ (von der Geburt Christi bis etwa 1260) und eine darauf folgende Zeit des „Geistes“.

Die Vorstellung, dass auch innerhalb der aetas christiana geschichtliche Entwicklung im Sinne von Fortschritt oder Verfall stattfinden könnte, war dem christlichen Mittelalter dabei keineswegs fremd. Sie war jedoch aus der Sicht der römischen Kirche prekär, weil diese einerseits eine Weiterentwicklung oder Überbietung der christlichen Lehre seit der Zeit des Evangeliums und der Kirchenväter nicht zulassen oder zugeben und andererseits auch die eigene Entwicklung nicht unter dem Gesichtspunkt des Verfalls betrachten lassen wollte. Soweit sich entsprechende Geschichtsvorstellungen mit kirchenkritischen Reformkonzepten und eschatologischen Berechnungen der Endzeit verbanden, wurden sie deshalb, wie die Lehre Joachims und seiner Nachfolger, von der römischen Kirche bekämpft.

Karl der Große mit den Päpsten Gelasius I. und Gregor I. Darstellung aus dem 9. Jahrhundert

In der politischen, dabei gleichfalls heilsgeschichtlich ausgerichteten Geschichtsbetrachtung traten Periodisierungsvorstellungen besonders in Form der Lehre von der Translatio imperii auf, wonach die römische Kaiserwürde zunächst auf die oströmischen Kaiser von Byzanz, dann in der renovatio imperii Karls des Großen auf die Franken und schließlich mit der Kaiserkrönung Ottos des Großen auf die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches übertragen wurde. Die Translatio-Lehre war mit der christlichen Weltalterlehre im Ansatz vereinbar, da sie die Vorzugsstellung und dogmatische Einheit der aetas christiana nicht in Frage stellte und ihr Konfliktpotential stattdessen in der Beziehung zwischen Papst und Kaisertum lag. Ein Periodensystem für die Geschichtsschreibung zur christlichen Epoche ergab sich jedoch aus dieser Vorstellung nicht.

Geschichte des Begriffs „Mittelalter“

Der Begriff Mittelalter wurde in der Form medium aevum („mittleres Zeitalter“) erstmals im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten eingeführt, die damit dann in den beiden folgenden Jahrhunderten zugleich auch das Verständnis der eigenen Epoche als Epoche der Wiedergeburt (Renaissance) begründeten. In der humanistischen Geschichtsbetrachtung wurde der christliche Glaube nicht in seiner allgemeinen Verbindlichkeit, sondern in seiner Gültigkeit als Maßstab für die Bewertung der weltgeschichtlichen Entwicklung entthronisiert und durch ein profangeschichtliches, nicht mehr primär von Theologen, sondern von Dichtern und Philologen konstruiertes Ideal der griechisch-römischen Antike ersetzt. Aus humanistischer Sicht war das Mittelalter ein „dunkles Zeitalter“ (aetas obscura), eine Epoche des Zerfalls und des Niedergangs, in der der sprachliche, literarische, technologische und zivilisatorische Entwicklungsstand der griechisch-römischen Antike bedingt durch den Einfall germanischer Völker und das dadurch herbeigeführte Ende des Weströmischen Reiches verloren ging, um erst in der eigenen Zeit durch die Wiederentdeckung antiker Quellen und die Wiederbelebung antiker Stilnormen zum Gegenstand der Nachahmung (imitatio) oder sogar Überbietung (aemulatio) zu werden.

Der Begriff des Mittelalters etablierte sich in der Folgezeit dann als Epochenbegriff mit tendenziell abwertender Bedeutung, wobei die Epochengrenzen meist einerseits mit dem Ende des Weströmischen Kaisertums im Jahr 476 und andererseits mit dem Ende des Oströmischen Reiches durch die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 angesetzt wurden, letzteres speziell im Hinblick darauf, dass byzantinische Gelehrte bei ihrer Flucht in den Westen wichtige griechische Handschriften mitbrachten, die dem lateinischen Mittelalter unbekannt geblieben oder nur durch arabische Übersetzungen bekannt geworden waren.

Eine dezidiert positive Neubewertung, zum Teil verbunden mit nostalgischer Verklärung und mit dem Bedürfnis nach Bestimmung der eigenen christlichen oder nationalen Wurzeln und Identität, kam erst in der Zeit der ausgehenden Aufklärung und besonders in der Romantik auf und war seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts ein wesentlicher Antrieb für die verstärkte philologische und historische Beschäftigung mit dem Mittelalter. In der modernen Forschung werden die originären Leistungen des Mittelalters und dessen eigene Kontinuation antiker Überlieferung nicht mehr wertend an der humanistischen Elle antiker „Größe“ gemessen, sofern Fortschritt, Verfall oder Wiedergeburt überhaupt noch als geeignete Kategorien wissenschaftlicher Geschichtsforschung angesehen werden, und an die Stelle nationalistischer tritt häufig eine europäisch ausgerichtete Rückbesinnung, die die „Geburt Europas im Mittelalter“ (Jacques Le Goff) betont.

Mit dem humanistischen Begriff der aetas obscura verwandt, aber in der Bedeutung abweichend ist der besonders in der englischsprachigen Geschichts- und Frühgeschichtsforschung etablierte Begriff der Dunklen Jahrhunderte (Dark Ages), worunter allgemein Perioden fehlender oder in der Forschung noch nicht aufgearbeiteter schriftlicher bzw. archäologischer Überlieferung, meist als Zwischenphasen gegenüber vorausgegangenen, vergleichsweise besser dokumentierten Perioden verstanden werden. In der Geschichte Englands zum Beispiel bezeichnet man so speziell den Zeitraum nach dem Ende der römischen Besatzung bis etwa zur Zeit König Alfreds von Wessex, also die Zeit der Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten.

Außerhalb der Fachsprache werden heute Denk- oder Verhaltensweisen oder ganze Kulturen überspitzt als „mittelalterlich“ bezeichnet, um ihnen besondere Rückständigkeit und einen Mangel an Aufklärung und Humanität zuzuschreiben.

Zeitliche Einordnung

Mittelalterliche Burg in Deutschland

Die Bezeichnung „Mittelalter“ bezieht sich in erster Linie auf die Geschichte des christlichen Abendlands vor der Reformation, denn der Begriff wird kaum im Zusammenhang mit außereuropäischen Kulturen verwendet. Es bezieht sich also in erster Linie auf den europäischen Kontinent und die Britischen Inseln. Im Groben ordnet man das Mittelalter in die Zeit von 500 bzw. 600 n. Chr. bis etwa 1500 ein. Wesentlich konkreter sind folgende Bezugsdaten:

Das europäische Mittelalter erstreckt sich ungefähr vom Ausklang der Völkerwanderungszeit, deren Ende in der Forschung in das Jahr 568 datiert wird, bis zum Zeitalter der Renaissance seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bzw. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Bezüglich der Problematik der Datierung des Beginns des Mittelalters und der folgenden Entwicklung siehe auch Ende der Antike, Spätantike und Frühmittelalter.

Die Datierungsansätze sind nicht immer einheitlich, denn es kommt entscheidend darauf an, welche Aspekte der Entwicklung betont werden und welche Region man jeweils betrachtet.[1] Stellt man zum Beispiel den Einfluss des Islam und die Eroberung weiter Teile des einstmals römischen Gebietes durch die Araber in den Vordergrund und blickt eher auf den östlichen Mittelmeerraum als auf Westeuropa, so kann man Mohammeds Hidschra (622) oder den Beginn der arabischen Expansion ab 632 als Ende der Spätantike und Beginn des Mittelalters sehen. Desgleichen gibt es unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten für das Ende des Mittelalters, beispielsweise die Erfindung des Buchdrucks (um 1450), die Eroberung von Konstantinopel 1453, die Entdeckung Amerikas 1492, der Beginn der Reformation (1517) oder auch der große Bauernkrieg von 1525. Andere Ansätze weiten das Ende des Mittelalters noch darüber hinaus aus (sogenanntes „langes Mittelalter“ bis ins 19. Jahrhundert, wofür z. B. Jacques Le Goff eintritt),[2] doch sind dies Minderheitsmeinungen.

Fokussiert man einzelne Länder, so kann man auch zu verschiedenen Eckdaten kommen. So endete die Antike am Rhein oder in Britannien aufgrund der dortigen Entwicklungen während der Völkerwanderung deutlich früher als etwa in Italien, Kleinasien oder Syrien. Auf der anderen Seite war zum Beispiel zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Italien bereits das Zeitalter der Renaissance angebrochen, während man zur gleichen Zeit in England noch vom Mittelalter spricht. Im Norden Europas folgt der Völkerwanderungszeit die "germanische Eisenzeit", die in Schweden durch die Vendelzeit (650-800) abgelöst wird. In Skandinavien beginnt um 800 die Wikingerzeit, die 1050 endet und dann in das "nordische Mittelalter" übergeht.

Untergliederung des Mittelalters

Ottos Sieg über Berengar II. (Illustration einer Mailänder Handschrift, um 1200). Otto I. („Theotonicorum rex“) empfängt als Zeichen der Unterwerfung ein Schwert vom links knienden König, der mit „Beringarius“ bezeichnet wird. Der Gefolgsmann Ottos rechts trägt ein Schwert mit der Spitze nach oben als Zeichen der Richtgewalt.

Im deutschsprachigen Raum hat seit dem 19. Jahrhundert die von der Nationalidee beeinflusste, an der fränkischen und deutschen Herrschergeschichte orientierte Geschichtsschreibung das europäische Mittelalter vornehmlich in drei Hauptphasen gegliedert:

  • Frühmittelalter (6. Jahrhundert bis Anfang/Mitte des 11. Jahrhunderts), die Epoche der Merowinger, Karolinger und Ottonen
  • Hochmittelalter (Anfang/Mitte des 11. Jahrhunderts bis ca. 1250), die Zeit der Salier und Staufer
  • Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500), der „Herbst des Mittelalters“, nach dem Scheitern der klassischen Kaiseridee (Habsburger und Luxemburger)

Diese Trinität war an der Vorstellung von Aufstieg, Blüte und Verfall ausgerichtet, wird in der neueren Forschung aber differenzierter betrachtet.

Durch veränderte Fragestellungen, insbesondere auch den Einfluss wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlicher Fragestellungen, ging man allmählich von dem an der Herrschergeschichte ausgerichteten Ordnungsmodell ab und betonte die Veränderungen des 11./12. Jahrhundert als entscheidende Zäsur des als Mittelalter bezeichneten Jahrtausends. Oft führt das dazu, dass man nur noch das frühere vom späteren Mittelalter unterscheidet.

Von einzelnen Autoren vorgenommene abweichende Ein- und Zuordnungen sind naturgemäß von unterschiedlichen Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen beeinflusst. Neben rein sachlichen Kriterien haben sie allerdings bisweilen auch Profilierungsgründe zur Ursache.

Frühmittelalter

Die Völkerwanderung wird von der Forschung als Bindeglied zwischen Spätantike und frühen Mittelalter angesehen. Mit dem Ende der Völkerwanderung, das traditionell mit dem Einfall der Langobarden in Italien (568) verbunden wird, begann zumindest in West- und Mitteleuropa endgültig das Frühmittelalter. Der Übergang ist somit im 6. Jahrhundert fließend. In Ostrom hingegen hielten sich antike Strukturen noch einige Jahrzehnte länger.

Frühmittelalterliche Bewaffnung: Spatha, Sax, Franziska, Spangenhelm, Lanzenspitze und Schildbuckel, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Im Frühmittelalter fanden viele einschneidende Entwicklungen statt, die Auswirkungen bis in die Moderne haben. Es vollzog sich eine Umformung des antiken römischen Erbes, doch trotz zahlreicher Brüche sind ebenso viele Kontinuitätslinien zu erkennen. In der neueren Forschung wird die Entwicklung im Frühmittelalter wesentlich differenzierter betrachtet als in der älteren. In den noch nicht christlichen Gebieten (wie den Gebiete östlich des Rheins und später in Skandinavien) die Christianisierung, unter anderem durch die Tätigkeit irischer Missionare. Etwa um 500 begann unter König Chlodwig I., der mit seinem Adel geschlossen zum katholischen Christentum übergetreten war (dem Glaubensbekenntnis der gallischen Mehrheitsbevölkerung), der Aufstieg des Frankenreichs, das schließlich auf der Grundlage der Überreste des Weströmischen Reiches und der Reiche mehrerer germanischer Völker (so der Burgunder und den Gebieten der Westgoten in Gallien) seine Vorherrschaft in West- und Mitteleuropa begründet. Dabei blieb das (476 im Westen de facto zusammengebrochene) Römische Reich während des gesamten Mittelalters ein wesentlicher Referenzpunkt politischen Denkens. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellte die Krönung Karls des Großen zum „römischen Kaiser“ (Translatio imperii) durch den Papst an Weihnachten des Jahres 800 dar. Nach seinem Tod 814 zerfiel das Frankenreich allmählich. Aus seiner westlichen Hälfte entstand das spätere Frankreich, während sich aus der Osthälfte das Ostfrankenreich und daraus später (erst im Hochmittelalter) das „Heilige Römische Reich“ entwickelte. Unter den Ottonen nahm das Ostfrankenreich eine quasi-hegemoniale Stellung im lateinischen Europa ein. Nach 962 kamen als Träger der erneuerten „römischen“ Kaiserwürde faktisch nur noch die ostfränkischen/römisch-deutschen Könige in Frage. Daneben erhielt der Papst durch die sogenannte Pippinische Schenkung 754 neben seiner geistlichen nun auch weltliche Macht. Dies sollte später (vor allem ab dem 11. Jahrhundert) häufiger zu Spannungen zwischen den Königen und dem Papst führen, wobei die entscheidende Frage war, ob der gekrönte Kaiser dem Papst untergeordnet sei oder nicht.

Zwischen 800 und 1100 bzw. 900 und 950 fallen die Einfälle der Wikinger sowie der Magyaren. Zusammen mit der Eroberung Nordafrikas und eines Großteils der Iberischen Halbinsel von ca. 640 bis 720 durch die Muslime (Islamische Expansion) bewirken sie die Auslöschung der letzten spätantiken Strukturen und setzten eine Entwicklung in Gang, die viele Bauern im Frankenreich ihrer Freiheit beraubte und die staatliche Autorität zersplitterte, da die Verteidigung der einzelnen Gebiete den dortigen Grundherren auferlegt wurde. Dies führte letztendlich zum Entstehen des feudalistischen Wirtschaftssystems; allerdings sind in der neueren Forschung die Details dazu wieder umstritten. Die britischen Inseln und Nordfrankreich hatten am meisten unter den Angriffen der Wikinger zu leiden, wobei die Wikinger auch eigene Herrschaftsgebiete errichteten. Im 10. und 11. Jahrhundert kam es zu einer staatlichen Konsolidierung in den karolingischen Nachfolgereichen, aber auch in Spanien (wo die christlichen Reiche im Norden im Rahmen der Reconquista vordrangen) und im angelsächsischen England.

Wirtschaftlich stellte im Frühmittelalter im lateinischen Westen zwar die Naturalwirtschaft eine Rolle, wobei besonders das System der Grundherrschaft herauszustellen ist. Dennoch ist durch neuere Forschungen erwiesen, dass die Geldwirtschaft weiterhin ein wichtiger Faktor war und auch der Fernhandel nicht völlig zum erliegen kam. Es kam auch wieder zu einem gewissen wirtschaftlichen Aufschwung.

Wesentliche Kulturträger waren das Byzantinische Reich, die Klöster, insbesondere die des Benediktinerordens, sowie die Gelehrten des arabisch-islamischen Kulturkreises, durch die zumindest ein Teil der antiken Literatur und Wissenschaften bewahrt werden konnte.

Hochmittelalter

Ritterdarstellung im Codex Manesse, 14. Jahrhundert
Original-Doppelseite aus dem Reiner Musterbuch, Anfang 13. Jh. (seit 16. Jh. in der Österreichischen Nationalbibliothek)

Das Hochmittelalter war die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen Kaiserreichs, des Lehnswesens und des Minnesangs. Man kann diese Ära auch als Zeitalter der Wiedererstarkung Europas bezeichnen, wobei die Machtstellung mehrerer europäischer Reiche zunahm. Die Bevölkerung begann zu wachsen, Handwerk und Handel wurden gefördert und auch die Bildung war nun nicht länger ausschließlich ein Privileg des Klerus. Allerdings verlief die Entwicklung in den einzelnen Reichen recht unterschiedlich.

In diese Epoche fallen die Kreuzzüge, in denen sich der massive Einfluss der seit 1054 gespaltenen Kirche zeigt (siehe hierzu auch Morgenländisches Schisma). Während der Kreuzzüge ziehen immer wieder Heere aus West- und Mitteleuropa in den Nahen Osten, um die dortigen christlichen „heiligen Stätten“ von den Moslems zu „befreien“, doch gelang es den (West-)Europäern nicht, sich dauerhaft dort festzusetzen. Später traten die einstmals religiösen Ziele der Kreuzzüge oftmals zugunsten von Machtgelüsten oder Profitgier in den Hintergrund.

Im Laufe der Kreuzzüge entwickelte sich auch ein Fernhandel mit der Levante, von dem insbesondere die italienischen Stadtstaaten, v.a. die Republik Venedig, profitieren konnten. Mit dem Handel gewann die Geldwirtschaft an Bedeutung. Ebenso gelangten neue bzw. wiederentdeckte Ideen nach Europa; so wurde zum Beispiel Aristoteles zur wichtigsten nicht-christlichen Autorität innerhalb der Scholastik. In Italien und später in Frankreich entstanden die ersten Universitäten. Vor allem in Mitteleuropa entstand das Zunftwesen, das die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge in den Städten stark prägte.

Das Hochmittelalter war auch eine Epoche der Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Investiturstreit, welcher die Einsetzung mehrerer Gegenpäpste zur Folge hatte. Die wichtigsten Orden des Hochmittelalters waren neben den Zisterziensern die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner. Daneben entstanden neue christliche Laienbewegungen, die von der katholischen Kirche als häretisch bezeichnet wurden, darunter die Glaubensbewegungen der Katharer oder Waldenser. Im Hochmittelalter wurde auch deshalb die Inquisition ins Leben gerufen, um gegen diese sogenannten Ketzer vorzugehen.

In Nord- und Osteuropa bildeten sich im Zuge der fortschreitenden Christianisierung neue Königreiche wie England, Norwegen, Dänemark, Polen, Ungarn und Böhmen. Ebenso entstanden noch weiter im Osten unter dem Einfluss der Wikinger und orthodoxer Missionare aus dem byzantinischen Reich, das um 1000 seinen Höhepunkt erreichte, weitere Reiche wie das Kiewer Reich. Während Byzanz durch den vierten Kreuzzug im Jahre 1204 eine entscheidende Schwächung seiner Macht erfuhr, wurde das Reich der Kiewer Rus im Zuge des Mongolensturms 1223 zerstört; weitere osteuropäische Reiche (vor allem Polen und Ungarn) entgingen nur knapp dem Untergang. Daneben begannen ab 1000 die nach der islamischen Eroberung verbliebenen christlichen Reiche der Iberischen Halbinsel mit der sogenannten Reconquista, also der Rückeroberung des späteren Staatsgebietes von Spanien und Portugal von den Mauren.

Spätmittelalter

Burghof einer spätmittelalterlichen Burg in Deutschland
Städtisches Wohnhaus, Halberstadt

Das Spätmittelalter war die Zeit des aufsteigenden Bürgertums der Städte und der Geldwirtschaft. Während das Byzantinische Reich nach der Eroberung Konstantinopels 1204 während des Vierten Kreuzzuges langsam aber sicher seinem Untergang entgegenging, gewannen die christlichen Staaten auf der iberischen Halbinsel nach dem Sieg bei Las Navas de Tolosa im Jahre 1212 immer weiter an Boden.

Dennoch erlebte Europa ab etwa 1300 auch eine gewisse Krisenzeit, wenngleich die neuere Forschung wesentlich differenzierter als die ältere urteilt. Im Jahre 1291 fiel Akkon, die letzte Festung der Kreuzfahrer im Nahen Osten, die Autorität des Papstes schwand im Zuge des sogenannten Abendländischen Schismas. Die schlimmste Katastrophe in der sogenannten Krise des 14. Jahrhunderts stellte jedoch die Pest dar, der „Schwarze Tod“, die ab 1347 von der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer kommend die Länder Europas verheerte und zwischen einem Drittel und der Hälfte der europäischen Bevölkerung, v.a. in den Städten, das Leben kostete. Die Entvölkerung führte zu Aufständen und einem Wandel der Sozialstrukturen, die das Rittertum zugunsten des Bürgertums schwächten und in der katholischen Kirche einige Reformbewegungen auslösten.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Entvölkerung begann aufgrund von Erbstreitigkeiten um die französische Krone der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England. Von 1340 bis etwa 1420 behielten die Engländer die Oberhand, bis Jeanne d'Arc, heute als die Jungfrau von Orleans bekannt, den Franzosen wieder Hoffnung gab und ihnen bei Orleans zum Sieg verhalf. Obwohl sie schon 1431 von den Engländern zum Tode verurteilt wurde, konnte Frankreich den Krieg 1453 siegreich beenden, in demselben Jahr, in dem Konstantinopel an die osmanischen Türken fiel und in Deutschland der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden wurde.

Kunst und Wissenschaften befanden sich im Spätmittelalter im Aufbruch. Die bereits im Hochmittelalter erfolgte Gründung der ersten Universitäten, vor allem in Italien (Bologna) und Frankreich (Paris), verhalf den Wissenschaften und der Philosophie zu einem neuen Aufschwung, denn sie verbreiten die Lehren antiker Gelehrter und ebneten so den Boden für die Epoche der Renaissance. Den Künstlern eröffneten sich neue Möglichkeiten dank Auftragsarbeiten für das selbstbewusste Bürgertum: Die bisher auf kirchliche Motive beschränkte Malerei wurde nun auf andere Bereiche ausgeweitet, auch die Dreidimensionalität wurde von den Malern entdeckt. Die Architektur lehnte sich infolge der Renaissancebewegung wieder an alte römische und griechische Vorbilder an.

Auch die Wirtschaft erlebte trotz der Pest eine Blüte. Hier sind vor allem wieder die italienischen Stadtstaaten hervorzuheben, aber auch der in der Nord- und Ostsee entstandene Städtebund der Hanse. Die Hanse bewirkte durch den schwunghaften Handel eine weitere Besiedelung Nord- und vor allem Osteuropas durch hauptsächlich deutsche Kolonisten (siehe hierzu den Artikel Ostkolonisation). Durch die Handelskontakte entstanden daneben in Russland eine Reihe neuer Fürstentümer, die nach und nach das mongolische Joch abschüttelten. Aus dem mächtigsten von ihnen, dem Fürstentum Moskau, sollte sich später das russische Zarenreich entwickeln.

Ende des Mittelalters

Der Fall Konstantinopels in einer Darstellung aus dem 15. Jahrhundert

Als wesentlich für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit betrachtet man im Allgemeinen die Zeit der Renaissance (je nach Land spätes 14. Jahrhundert bis 16. Jahrhundert), die Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern um 1450 und die damit beschleunigte Verschriftlichung des Wissens, die Entdeckung insbesondere der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus 1492, oder auch den Verlust des Einflusses der institutionalisierten katholischen Kirche und den Beginn der Reformation. Diese Ereignisse sind alle zwischen der Mitte des 15. und der Schwelle zum 16. Jahrhundert anzusiedeln. Im selben Zeitraum kann man das Ende des Mittelalters in Deutschland auch mit der Reichsreform als dem verfassungsrechtlichen Ende des klassischen Feudalismus lokalisieren.

Angeführt wird ferner die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453), da mit dem Untergang des Byzantinischen Reiches das letzte lebendige Staatsgebilde der Antike unterging. Der dadurch ausgelöste Strom byzantinischer Flüchtlinge und Gelehrter nach Italien wird für den Beginn der Renaissance als mitverantwortlich gesehen. Darüber hinaus wurden die Handelsrouten nach Asien durch die Ausbreitung des Osmanischen Reiches blockiert, sodass westeuropäische Seefahrer neue Handelswege erkundeten. Die Suche nach einem Seeweg nach Indien führte unter anderem zur Entdeckung Amerikas 1492.

Juden im mittelalterlichen Europa

Die Juden waren im Mittelalter in Europa eine Minderheit mit eigenen Traditionen, eigener Kultur, Sprache und Religion. Im Ostfrankenreich bzw. im späteren Heiligen Römischen Reich unterstanden sie in besonderer Weise dem König. Juden waren dort seit dem 13. Jahrhundert zuallererst Kammerknechte des Kaisers, aber auch Schutzbefohlene anderer Herren. In Mitteleuropa interagierten sie mit einer ihnen feindlichen durch das Christentum geprägten Gesellschaft, auf der Iberischen Halbinsel bis zur Reconquista mit einer durch den Islam geprägten, die ihre Fähigkeiten zu nutzen wusste. Die im Mittelalter auf der Iberischen Halbinsel ansässigen Juden werden als Sefardim, die im übrigen Europa ansässigen als Aschkenasim bezeichnet.[3]

Den Christen war es bis zum 15. Jahrhundert nach dem kanonischen Recht verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Nicht so den Juden. Da ihnen das Ausüben eines zunftgemäßen Gewerbes und die Beschäftigung mit dem Ackerbau verboten waren, verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt im Handel, als Pfandleiher oder im Zins– und Wechselgeschäft.[4] Im Spätmittelalter wurden die in den Städten ansässigen Juden gezwungen, in Ghettos zu leben.

Im Frühmittelalter kam es kaum zu gewaltsamen Übergriffen gegen Juden, die bereits im Frankenreich eine durchaus privilegierte Sonderstellung genossen, wenngleich sie rechtlich eingeschränkt waren. Bis zum Beginn des ersten Kreuzzugs lebten die Juden im mittelalterlichen Europa relativ sicher. In dessen Verlauf wurden viele dann jedoch vor die Wahl „Taufe oder Tod“ gestellt. Die Kreuzfahrer wollten sich zunächst der „Ungläubigen“ im eigenen Land entledigen. Tausende Juden, die nicht zum Christentum konvertieren wollten, wurden von den Kreuzfahrern erschlagen.[3]

Mit der Pest begann 1349 eine neue Periode des Antijudaismus im Mittelalter. Die Juden wurden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben, um alle Christen auszurotten.[3] Es kam zu Judenpogromen, bei denen viele Juden ermordet wurden. Die Überlebenden ließen sich in Osteuropa nieder.[3]

Das Spätmittelalter bis hinein in die frühe Neuzeit war geprägt durch zunehmende Judenfeindlichkeit. Dies war nicht allein auf das Heilige Römische Reich beschränkt; so kam es unter anderem in England und Frankreich zu Ausweisungen und Ausschreitungen. Die Juden verloren nach Lockerung des Zinsverbots der katholischen Kirche und damit verbunden dem Auftreten christlicher Kaufleute – z. B. der Fugger in Süddeutschland  – an wirtschaftlicher Bedeutung. Folge waren die Judenvertreibungen und Pogrome des Spätmittelalters.

Populäre Mythen und Missverständnisse

Bereits in der Renaissance wurde die Epoche zwischen der Antike und der damaligen Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, wo das Wissen und die Werte der antiken Kulturen in Vergessenheit gerieten, woraus sich ihre kulturelle und geistige Unterlegenheit ableiten ließ. Diese Einstellung wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäß der Aufklärung, der Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und Vernunftsorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters, die im Großen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf historischen Quellen basiert.

Durch das Loch in der Decke wurde im Mittelalter zur Abwehr des Feindes heißer Teer gekippt. Bild: ♦ Burg Schönfels
Mittelalterliche Produktion von Manuskripten[5]

Im Laufe der Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter herausgebildet, die keine historische Grundlage besitzen und sich dennoch einer breiten Bekanntheit erfreuen.[6]

  • Die Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach (siehe auch Flache Erde#Ansichten über die Scheibenform der Erde in der Moderne). Diese Meinung ist entgegen landläufiger Ansicht eine moderne und wird durch historische Quellen nicht gestützt. Die bekannteste Abbildung, welche oft als symbolischer „Beweis“ herangezogen wird, ist der Holzstich von Flammarion, der jedoch aus dem Jahr 1888 stammt und deshalb diesbezüglich keinerlei Aussagekraft besitzt. Die Behauptung, Menschen des Mittelalters glaubten, dass die Erde flach sei, taucht zum ersten Mal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und ist somit für das Mittelalter nicht als historisch zu betrachten.[7] Vor allem Washington Irving trug wesentlich zur Festigung des o.g. Mythos bei durch seine Columbus-Biografie von 1828, wo er aus literarischen Gründen den Matrosen unterstellte, sie hätten Angst, vom Rand der „Erdenscheibe“ herunterzufallen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die im Mittelalter bekannten Ideen des Aristoteles sowie das Ptolemäische Weltbild die Erde als eine Art Sphäroid lehren, war die Vorstellung einer „Erdenscheibe“ für die Gelehrten des Hochmittelalters an sich untragbar.[8]
  • Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch. Diese Vorstellung trifft nur bedingt zu (schichtenabhängig). Werke bedeutender Autoren entstanden im Mittelalter, etwa jene von Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Roger Bacon, Albertus Magnus u. v. a. Die Gründung von Universitäten, der Ausbau der Städte, technologische Fortschritte (z. B. die Erfindung der Brille) sowie umfangreiche zeitgenössische Überlieferungen widersprechen der Annahme eines „barbarischen“ Mittelalters.[9].
  • Die islamische Welt brachte die Wissenschaft nach Europa. Zwar gab es um die Jahrtausendwende intensive Kontakte und kulturellen Austausch zwischen dem Nahen Osten und dem Abendland, die Vorstellung eines komplett ignoranten Europas ist jedoch nicht haltbar (siehe Hauptartikel Philosophie des Mittelalters). Nach dem Zusammenbruch des einheitlichen Römischen Reiches gingen viele Werke der antiken Wissenschaftler und Philosophen verloren, Werke, die unter anderem Mathematik, Astronomie und Medizin behandelten (siehe Bücherverluste in der Spätantike). Viele davon fanden Eingang in die arabisch-muslimische Welt und lagen in arabischer Übersetzung vor, so dass viele Werke z. B. des Aristoteles und Euklid (die in Europa de facto zumindest teilweise verloren gegangen sind) im Zuge der Reconquista und der Kreuzzüge quasi eine Rückführung nach Europa erfuhren. Dabei profitierte der Westen ebenfalls von den eigenen Werken arabischer Philosophen und Denker, die noch jahrhundertelang die westliche Wissenschaft mitgeprägt haben. Dass es in Europa bereits im 8. Jahrhundert weitreichende Bildung und regelrechte Bildungszentren gab, ist historisch belegt, vor allem ist die sog. karolingische Renaissance diesbezüglich sehr aufschlussreich, und widerlegt die populäre Vorstellung der kompletten Übernahme der westlichen Wissenschaft aus dem Orient. Ebenfalls weit verbreitet ist die Vorstellung, dass wichtige Erfindungen wie Buchdruck, Schwarzpulver, Kompass, Armbrust, Fernrohr und Papier allesamt aus China oder Persien übernommen wurden, was die Rückständigkeit des mittelalterlichen Europas unterstreichen soll. Zwar gibt es Hinweise, dass Schwarzpulver als solches durch die Expansion des Mongolischen Reiches nach Europa gelangt ist und das Papier nachgewiesenermaßen entlang der Seidenstraße seinen Weg nach Europa fand,[10] existieren jedoch für die meisten anderen Erfindungen europäische Gegenstücke[11][12], welche oft bis in die römisch-griechische Antike reichen und keinen chinesischen oder persischen Einfluss erkennen lassen. Man geht heute davon aus, mangels gültiger Beweise eines direkten chinesischen Einflusses, dass die meisten dieser Erfindungen keine Kopien oder Übernahmen, sondern eigene Parallelentwicklungen darstellten.
  • Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig, die Lebenserwartung war gering. Obwohl es in Europa zwischen 500 und 1500 zahlreiche Kriege gab, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese mit größerer Brutalität oder Rücksichtslosigkeit als in der Neuzeit geführt wurden.[13] Außerdem ist in der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert ein deutliches Bevölkerungswachstum sowie eine Ausbreitung des Siedlungsgebietes feststellbar, was auf die günstigeren Klimabedingungen zurückzuführen ist. Die kleine Körpergröße der Menschen im Mittelalter ist eine weitverbreitete, heute jedoch weitgehend widerlegte Annahme. Untersuchungen an Skeletten in den letzten Jahrzehnten haben ergeben, dass die durchschnittliche Körpergröße des mittelalterlichen Menschen vergleichbar ist mit der durchschnittlichen Größe der Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.[14] Europa erlebte im Hochmittelalter eine ausgeprägte Wärmeperiode, im Süden Englands wurde Wein angebaut. Erst im 14., 15. Jahrhundert verschlechterte sich das Klima zur sogenannten „Kleinen Eiszeit“; die damit verbundene Nahrungsumstellung und teilweise Mangelernährung wirkte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten auf die durchschnittliche Körpergröße aus.
  • Die Pest als dominierende Seuche des Mittelalters. Die Betrachtung der Pest als typisch mittelalterliche Erscheinung ist eine Vorstellung der Moderne: Zwischen der Justinianischen Pest und der spätmittelalterlichen Pandemie lagen vom 8. bis zum 14. Jahrhundert mehr als 500 „pestilenzfreie“ Jahre. Laut den neuesten Erkenntnissen der Genetik[15] ist der Erreger, der für die spätmittelalterliche Pandemie 1347–1353 verantwortlich ist, ein zu dieser Zeit kürzlich entstandener Stamm der Yersinia pestis gewesen. Da die modernen für Tier und Mensch gefährlichen Yersinia-Varianten laut genetischen Befunden von diesem Urtyp (und evtl. seinen Variationen) abstammen und sich untereinander nur wenig unterscheiden, geht man zurzeit davon aus, dass die extreme Virulenz des mittelalterlichen Yersinia-Typus auf mangelhafte Immunität der Bevölkerung (was gewöhnlich bei neuen und aggressiven Erregern oft der Fall ist) und die ungünstigen gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen ist.[16] Postulierte „mangelnde Hygiene“ und „völlige Abwesenheit medizinischer Kenntnisse“ als einzig und alleinige Ursachen für die Pandemie sind demzufolge nicht zutreffend – die nachfolgenden Epidemien verliefen bei weitem nicht so dramatisch, was durch die immunologische Anpassung der Bevölkerung (Selektionsdruck durch Yersinia pestis) und medizinische Erkenntnisse möglich wurde. Gerade weil es sich um eine bis dahin unbekannte Seuche handelte, waren die Gelehrten ratlos und überfordert; diese Defizite konnten nur im Verlauf der Zeit ausgeglichen werden. Die genetischen Erkenntnisse stellen außerdem die Zugehörigkeit dieses Yersinia-Erregers der Justinianischen Pest in Frage, denn laut oben genannten Befunden ist jene mittelalterliche Yersinia-Variante im 13. bis 14. Jahrhundert vermutlich in China entstanden und kann hiermit nicht für Epidemien der Spätantike und des Frühmittelalters verantwortlich sein. Als „typisch mittelalterliche Seuche“ im Zeitraum vom 6. bis 16. Jahrhundert kann jene spätmittelalterlich-neuzeitliche Yersinia-pestis-Variante, welche für die Pandemie 1347-1353 verantwortlich war, mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen werden.[17]
  • Bauern und die niederen Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden. Das Bild vom geschundenen Bauern in zerlumpter Kleidung erfuhr seine größte Popularität in der filmischen Darstellung des Mittelalters. Historisch gesehen war das Leben der niederen Stände jedoch deutlich vielseitiger und weniger entbehrungsreich, als heute oft angenommen wird.[18] (siehe dazu: Esskultur des Mittelalters). Der durchschnittliche Fleischverbrauch pro Kopf war im mittelalterlichen Mitteleuropa ca. siebenmal so hoch wie im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts und immer noch höher als der Fleischkonsum in Mitteleuropa zu Beginn des 21. Jahrhunderts.[19][20] Während der mittelalterlichen Warmzeit waren Missernten viel seltener als später, was den sozialen und technologischen Ausbau sowie die Expansion der Siedlungsräume ermöglichte. Außerdem ist zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ein rasanter Bevölkerungszuwachs nachweisbar[21] der rein physiologisch nur mit einer entsprechenden Ernährung stattfinden konnte. Klimatisch und jahreszeitlich bedingte Schwankungen in der Erntemenge und Nahrungsverfügbarkeit waren zu allen Zeiten gegeben (Hunger im späten Winter), eine oft zitierte „vom Hunger beherrschte dunkle Zeit“ lässt sich im historischen Hochmittelalter nicht nachweisen.
  • Abwesenheit der Körperhygiene. Zahlreiche Badehäuser sind in mittelalterlichen Städten archäologisch belegt[22], genauso wie zeitgenössische Schriften, in denen eindeutig zu ausgedehnter Körperpflege und Hygiene gemahnt wird (z. B.: Passionibus Mulierum Curandorum von Trotula sowie Regimen Sanitatis Salernitanum aus dem Umfeld von Schola Medica Salernitana und Compendium Medicinae von Gilbertus Anglicus). Anderweitige historische Überlieferungen zeugen außerdem von ausgeprägter Badelust der gehobenen Schichten.[23] Wie auch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern war Hygiene eine persönliche Angelegenheit, die mit Sicherheit auch von der gesellschaftlichen Schicht abhängig, unterschiedlich extensiv praktiziert wurde.[24] Besonders im nördlichen Europa finden sich seit dem Frühmittelalter hölzerne Badehäuser und Dampfbäder, welche bis heute in Skandinavien und Osteuropa verwendet werden.
  • Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung. Entgegen der weitläufigen Meinung ist im 16. Jahrhundert der eigentliche Höhepunkt der Hexenverfolgung anzubringen. Bereits der Sachsenspiegel, ein bedeutender hochmittelalterlicher Rechtscodex, offenbart wohlstrukturierte Rechtsverhältnisse, welche große Teile des Lebens regeln. Eine besondere Rechtlosigkeit des Bürgers und des Bauern ist angesichts der feudalen Strukturen sowie der damals sehr wohl bestehenden Rechtsordnung nicht zutreffend.

Japanisches Mittelalter

In der japanischen Geschichte wird die Zeit von ca. 1200 bis ca. 1600 als Japanisches Mittelalter bezeichnet. Diese Epoche zeichnete sich durch eine starke Dominanz des Buddhismus und des Feudalismus aus.

Siehe auch

 Portal:Mittelalter – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Mittelalter

  • Münzen des Mittelalters

Literatur

Wichtige Quellen sind im großen Umfang gesammelt in den Monumenta Germaniae Historica. Siehe auch die dt.-latein. Ausgaben der Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe (FSGA). Wichtige Quellen stellen u. a. neben der Geschichtsschreibung auch Konstitutionen und andere Aktenquellen sowie Regesten dar.

Eine hervorragende Bibliographie findet sich hier (erstellt vom Historischen Seminar der Uni. Bonn) sowie hier (Uni. Tübingen; umfangreiche Liste mit Quellen- und Literaturangaben). Ansonsten sei auf die Angaben im Lexikon des Mittelalters, den einschlägigen Bänden der Reihe Oldenbourg Grundriss der Geschichte (Bd. 4–9) sowie der Enzyklopädie deutscher Geschichte oder den Bibliographien der unten aufgeführten Werke verwiesen.

Nachschlagewerke und Handbücher

  •  The New Cambridge Medieval History. Cambridge 1995–2005 (Hervorragende und aktuelle Gesamtdarstellung; jeder Band bietet eine umfassende Bibliographie).
  •  Lexikon des Mittelalters. 9 Bände, dtv-Verlag, München 2002 (in Hardcover München-Zürich 1980–1998, grundlegendes Werk).
  • The Oxford Dictionary of the Middle Ages. Hrsg. von Robert E. Bjork. 4 Bde. Oxford 2010.

Sekundärliteratur

  •  Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. 8. Auflage. C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-36677-2 (Eine gute strukturelle Einführung ins Mittelalter).
  •  Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Frankfurt am Main/Berlin 1988, ISBN 3-548-34004-0.
  •  Arno Borst: Barbaren, Ketzer und Artisten: Welten des Mittelalters. München 1988, ISBN 3-492-03152-8.
  •  Arnold Esch: Wahre Geschichte aus dem Mittelalter. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60133-0.
  •  Fischer Weltgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit. 4 Bände, ISBN 3-596-50732-4.
  •  Horst Fuhrmann: Einladung ins Mittelalter. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32052-X.
  •  Horst Fuhrmann: Überall ist Mittelalter: von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40518-5.
  •  Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. C.H. Beck, München 2008, ISBN 3406578292.
  • Johannes Fried, Olaf B. Rader (Hrsg.): Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. C.H. Beck, München 2011.
  •  Friedrich Heer: Mittelalter. Von 1100 bis 1350. In: Kindlers Kulturgeschichte. Parkland-Verlag, Köln 2004, ISBN 3-89340-060-5.
  •  Karl Helmer: Bildungswelten des Mittelalters. Denken, Gedanken, Vorstellungen und Einstellungen. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler 1997, ISBN 978-3-87116-762-1.
  • Heinz-Dieter Heimann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. 2. Auflage, UTB, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8252-1957-4
  • Peter Hilsch: Das Mittelalter – die Epoche. 2. Auflage. UTB, Stuttgart 2008.
  •  Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter. C.H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51762-5.
  • Tom Holland: Millennium. Die Geburt Europas aus dem Mittelalter (aus dem Englischen von Susanne Held, Original: Millennium. The End of the World and the Forging of Christendom), Klett Cotta, München 2009, ISBN 978-3-608-94379-5.
  • Gerhard Lubich: Das Mittelalter. Schöningh, Paderborn u.a. 2010, ISBN 978-3-8252-3106-4.
  •  Michael Matheus, Massimo Miglio (Hrsg.): Stato della ricerca e prospettive della medievistica tedesca. Atti della Giornata sulle storiografie (Roma 19-20 febbraio 2004). Istituto storico italiano per il medio evo, Roma 2007, ISBN 88-89190-24-8.
  • Harald Müller: Mittelalter. Akademie-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004366-1.
  •  Ferdinand Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte. Siedler, Berlin 1987, ISBN 3-88680-279-5.
  •  Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter – Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, ISBN 3-534-15999-3.
  •  Elisabeth Vavra (Hrsg.): Bild und Abbild vom Menschen im Mittelalter. Wieser Verlag, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-269-3 (Schriftenreihe der Akademie Friesach, Band 6).
  •  Wilhelm Volkert: Adel bis Zunft – Ein Lexikon des Mittelalters. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35499-8.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Mittelalter – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Mittelalter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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 Wikiquote: Mittelalter – Zitate

Einzelnachweise

  1. Knapper Überblick unter anderem bei Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren. Konstanz 2004, S. 42ff.
  2. Vgl. Jacques Le Goff: Pour un long Moyen Age. In: Europe 61 (1983), S. 19–24.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Hamburg 1998, ISBN 3499606186, S. 66.
  4. Erich Fromm: Das jüdische Gesetz. Zur Soziologie des Diaspora–Judentums, Dissertation von 1922. Die Lage der Juden vor der Emanzipation, 1999, ISBN 345309896X, S. 99 f.
  5. Eltjo Buringh; Jan Luiten van Zanden: „Charting the “Rise of the West”: Manuscripts and Printed Books in Europe, A Long-Term Perspective from the Sixth through Eighteenth Centuries“, in: The Journal of Economic History, Bd. 69, Nr. 2 (2009), S. 409–445 (416, Tafel 1)
  6. Regine Pernoud: Those Terrible Middle Ages: Debunking the Myths. Ignatius Press © 2000
  7. Philip Wolff: Wie die Erde zur Scheibe wurde
  8. Dazu ausführlich: Rudolf Simek: Erde und Kosmos im Mittelalter: Das Weltbild vor Kolumbus, München 1992, Kapitel 3: Die Form der Erde (S. 37 – 54).
  9. Karin Schneider-Ferber: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009.
  10. Geschichte der europäisch - chinesischen Beziehungen
  11. Griechisches Feuer und Schwarzpulver in: Math & Science Footnotes for Khan Amore’s Hypatia Section 10
  12. Petra G. Schmidl: Frühe arabische Quellen über den Kompass, in: Journal of Arabic and Islamic Studies 1 (1997–98)
  13. Ewart Oakeshott: A Knight in Battle. Dufour Editions, 1998
  14. Medieval ancestors measured up to our height standards in: British Archaeology No 84: 51 September 19, 2005
  15. Genom des Schwarzen Todes vollständig rekonstruiert. www.uni-tuebingen.de/aktuel
  16. Erreger des Schwarzen Todes von 1348 entschlüsselt. Johannes Krause im Gespräch mit Uli Blumenthal
  17. Das Genom des Pest-Erregers ist entschlüsselt; saw/Eurekalert/dpa/dapd ; "Schwarzer Tod entschlüsselt", von Peter-Philipp Schmitt
  18. Norman F. Cantor: The Civilization of the Middle Ages: A Completely Revised and Expanded Edition of Medieval History. Harper Perennial 1994; Werner Rösener: Bauern im Mittelalter. 4., unveränd. Aufl., C.H.Beck, München 1993.
  19. Massimo Livi Bacci, Europa und seine Menschen: eine Bevölkerungsgeschichte, C.H.Beck Verlag, 1999, ISBN 3406447007, S. 69
  20. Hans Jürgen Teuteberg, Günter Wiegelmann, Nahrungsgewohnheiten in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, LIT Verlag Münster, 1995, ISBN 3825822737, S. 99
  21. Werner Rösener: Bauern im Mittelalter. 4., unveränd. Aufl., C.H.Beck, München 1993, S. 39.
  22. Michael Matheus (Hrsg.): Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit (Mainzer Vorträge 5). Franz Steiner, Stuttgart 2001
  23. Städtische Badekultur im Mittelalter
  24. Frances Gies: Life in a Medieval Village. Harper Perennial. New York 1991

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