Miesmuscheln

Miesmuscheln

Miesmuschel von der Seite, von unten und aufgeklappt mit durchtrenntem Schließmuskel

Systematik
Unterklasse: Autolamellibranchiata
Teilklasse: Flügelförmige (Pteriomorphia)
Ordnung: Miesmuschelartige (Mytiloida)
Familie: Mytilidae
Unterfamilie: Mytilinae
Gattung: Miesmuscheln
Wissenschaftlicher Name
Mytilus
Linnaeus, 1758
Arten
  • M. edulis (Gemeine Miesmuschel)
  • M. galloprovincialis (Mittelmeer-Miesmuschel)[1]
  • M. trossulus (Pazifische Miesmuschel)[2]
Flug um ein 3D-Rendering eines µCT-Scans einer jungen Miesmuschel, die stark mit Seepocken besetzt ist. Auflösung des Scan liegt bei zirka 29µm/Voxel.

Miesmuscheln (Mytilus), von mittelhochdeutsch mies für ‚Moos‘, auch Pfahlmuscheln genannt, sind eine weltweit verbreitete Gattung der Muscheln (Bivalvia). Nachdem die Larven sich etwa vier Wochen freischwebend als Plankton entwickelt haben, befestigen sie sich mit Byssusfäden an Steinen, Pfählen, Schill und Festsand. Hierbei bevorzugen sie das Brackwasser von Flussmündungen und Wattgebieten in den Küstenregionen. Miesmuscheln haben eine graue bis blau-violette, etwa 5 bis 10 Zentimeter lange Schale von länglich ovaler Form.

Körperbau

Miesmuscheln werden 5 bis 10 cm lang und folgen dem allgemeinen Bauplan der Muscheln. Sie bestehen aus einer rechten und linken Schalenhälfte, die mit einem elastischen Schlossband (Ligament) zusammengehalten werden. Die Schale setzt sich aus 3 Schichten zusammen: der obersten Hüllschicht aus organischem Material (Periostracum), der mittleren dicken Kalkschicht (Ostracum) und der innersten wertvollen, silberweiß glänzenden Perlmuttschicht (Hypostracum). In der Mantelhöhle der Miesmuschel sind zwei stark durchblutete Kiemen mit Kiemenblättern. Zwischen den Kiemen befindet sich ein muskulöser Fuß mit der Byssusdrüse. Diese Drüse stellt mit Hilfe von in der Miesmuschel enthaltenem Eiweiß und aus dem Meer gefiltertem Eisen die Byssusfäden her, mit denen sie sich überall festhalten kann. Miesmuscheln haben außerdem einen Schließmuskel, der sich im Weichteil der Muschel befindet, sowie weitere Organe (Herz, Magen, Darm, Niere). Mit Hilfe des Schließmuskels kann sich die Miesmuschel bei Gefahr oder Trockenheit schließen.

Ernährung

Die Miesmuschel ist ein Filtrierer. Sie besitzt zwei Öffnungen. Das Wasser gelangt durch die Einströmöffnung in die Mantelhöhle, in der durch die Wimperhärchen ein permanenter Wasserstrom erzeugt wird. So bleiben die winzigen Nahrungspartikel an der Schleimschicht der Kiemen hängen, und die Kiemen filtern gleichzeitig den im Wasser enthaltenen Sauerstoff. Das Kohlenstoffdioxid wird wieder in das Wasser abgegeben. Danach fördern die Wimperhärchen den Schleim der Kiemen mit den Nahrungspartikeln zum Mund der Miesmuschel und von dort weiter in Magen und Darm, wo die Nahrung letztlich verdaut wird. Die unverdaulichen Reste werden aus der Ausströmöffnung mit dem Atemwasser wieder ausgestoßen.

Fortpflanzung

Jedes Frühjahr und jeden Sommer legen die Weibchen fünf bis zehn Millionen Eier ab, die dann von den Männchen befruchtet werden. Aus den befruchteten Eizellen werden Trochophoralarven, die im Laufe ihrer vierwöchigen Entwicklung zur Jungmuschel zu 99,9 Prozent gefressen werden. Dennoch bleiben nach dieser „Auslese“ noch immer ca. 10.000 Jungmuscheln übrig. Diese sind ca. drei Millimeter groß und treiben oft noch mehrere hundert Kilometer im Meer umher, bevor sie sich mit einer Größe von ungefähr fünf Zentimetern in Küstenregion mit ihren Byssusfäden festsetzen. Der Grund, warum Miesmuscheln in so großen Kolonien (auch Bänke genannt) leben, ist, dass die Chance für die Männchen, Eier zu befruchten, dadurch viel größer ist.

Feinde

Zu den natürlichen Feinden gehören Seesterne, Walrosse, Fische, wie Flunder und Scholle, Heringsmöwen, Austernfischer und Enten. Von Menschen dürfen sie nur nach strengen Vorgaben und aus eigens dafür vorgesehen Aquakulturen gefischt werden. Miesmuscheln werden nicht nur zum Verzehr gefischt, sie dienen auch als Dünger, Köder zum Angeln, Futter für Aquarienfische und hin und wieder auch zur Befestigung von kiesigen Küsten, wie in der englischen Grafschaft Lancashire. Die größte Bedrohung für die Miesmuschel ist aber die Wellhornschnecke. Diese wartet darauf, bis sich die Miesmuschel öffnet, um sich dann zwischen die beiden Schalen zu spreizen. Wurde dies geschafft, frisst sie die Miesmuschel nach und nach auf.

Eigenschutz

Die Schale der Miesmuschel dient zum Schutz, sie kann bei Gefahr ruckartig mit dem Schließmuskel geschlossen werden. So kann die Miesmuschel über Wochen verharren. Die adriatische Miesmuschel Mytilus galloprovincialis produziert als Abwehrstoff toxische Oxazinine.[3]

Miesmuscheln als Speise

Einige Miesmuschelarten sind vor den Austern die wichtigsten essbaren Muscheln. Dazu gehören vor allem die in Atlantik, Nord- und Ostsee vorkommende Mytilus edulis und die Mytilus galloprovincialis des Atlantiks und Mittelmeers (siehe Miesmuscheln aus Galicien). Seit dem 13. Jahrhundert werden sie in Frankreich in Kulturen an Holzpflöcken gezüchtet, in Galicien sind Miesmuscheln seit der Besiedelung durch die Kelten bekannt. Heute werden sie auch an der holländischen, deutschen und italienischen Küste kultiviert. Jährlich kommen etwa 550.000 Tonnen Miesmuscheln in Europa in den Handel, rund 250.000 Tonnen gehören zur Gattung Mytilus galloprovincialis und stammen aus den Aquakulturen Galiciens.

Eine verbreitete Zubereitungsvariante sind Muscheln nach rheinischer Art. In Belgien und Nordfrankreich werden die Muscheln oft mit Pommes frites als Moules-frites serviert.

Miesmuscheln können bei mangelnden Sanitätskontrollen in seltenen Fällen zu einer Muschelvergiftung führen, wenn sie für Menschen giftiges Plankton verzehrt haben; einige wenige Menschen sind auch allergisch gegen ihr Eiweiß und reagieren daher ebenfalls mit Vergiftungserscheinungen. Vor der Zubereitung müssen die Muscheln noch leben, also ihr Gehäuse geschlossen halten oder es schließen, wenn darauf geklopft wird. Bleiben sie offen, sollten sie weggeworfen werden. Miesmuscheln, die nach dem Kochen geschlossen bleiben, gelten ebenfalls als ungenießbar[4], wobei diese Aussage jedoch angezweifelt wird.[5][6]

2011 teilte die Schutzstation Wattenmeer mit, im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gebe es offenbar immer weniger Miesmuscheln. Selbst die geschützten Bestände auf den Wattflächen seien im Laufe von 20 Jahren um 79 Prozent zurückgegangen.[7]

Milde Winter erschweren die Situation, da dann die Fressfeinde der Jungmuscheln - wie Seesterne, Schnecken oder Vögel - fast immer präsent sind.[8]

Bilder

Belege und Weblinks

Literatur

  • Elizabeth Gosling: The Mussel Mytilus. Ecology, Physiology, Genetics, and Culture (= Developments in Aquaculture and Fisheries Science. Vol. 25). Elsevier, Amsterdam u. a. 1992, ISBN 0-444-88752-0.

Einzelnachweise

  1. Mittelmeer-Miesmuschel bei: eolspecies.lifedesks.org
  2. Pazifische Miesmuschel bei: io-warnemuende.de S. 23
  3. Patrizia Ciminiello, Caramela Dell'Aversano, Ernesto Fattorusso, Martino Forino, Silvana Magno: Toxins from Adriatic blue mussels. A decade of studies. In: Pure and Applied Chemistry. Vol. 75, Nr. 2/3, 2003, ISSN 0033-4545, S. 325–336, doi:10.1351/pac200375020325.
  4. Vladimir Rydl: Miesmuscheln, Planet Wissen vom 22. März 2007
  5. Christoph Drösser: Maritimer Schließmuskel (warum man Muscheln, die nach dem Kochen geschlossen bleiben, bedenkenlos essen könne), zeit.de vom 20. November 2008
  6. Blue Mussels: An Open and Shut Case. (PDF) Fish 6/2007
  7. [1]
  8. landvolk-pressedienst: [2]

Weblinks

Commons: Mytilus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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