Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom

Klassifikation nach ICD-10
G73* Krankheiten im Bereich der neuromuskulären Synapse und des Muskels bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
G73.1* Eaton-Lambert-Syndrom
C80+ Bösartige Neubildung ohne Angabe der Lokalisation
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Das Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom ist eine seltene neurologische Erkrankung, deren charakteristisches Kennzeichen eine proximal betonte Muskelschwäche ist. Bei Willkürbewegungen wird erst nach einigen Sekunden eine maximale Kraftentwicklung erreicht, welche dann bei fortgeschrittener Kraftanstrengung in eine Ermüdung der betreffenden Muskulatur mündet.

Die kausale Basis der Erkrankung ist die gestörte Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel mit einem präsynaptischen Defekt. Es zählt zu den Autoimmunkrankheiten, bei der Antikörper gegen diese präsynaptischen Calciumkanäle gebildet werden. Dadurch wird die Neurotransmitter-Ausschüttung behindert, was die Überleitung von Nervensignalen auf die Muskelzellen stört.

Benannt wurde das Syndrom nach Lealdes (Lee) McKendree Eaton, Edward Howard Lambert und E. D. Rooke. Sie waren die Ersten, die nach Diagnostik und elektrophysiologischen Untersuchungen von dieser Krankheit umfassend berichteten.[1]

Es wird auch als LES, LEMS und engl. Lambert-Eaton (Myasthenic) Syndrome bezeichnet. Gemeinsam mit der Myasthenia gravis und dem kongenitalem myasthenem Syndrom zählt es zu den myasthenen Syndromen.[2]

Entstehung

Bei etwa 60 % der Menschen mit LES zeigt sich ein Tumor, häufig ein kleinzelliges Bronchialkarzinom (SCLC). Zwar ist der molekulare Mechanismus an der neuromuskulären Synapse exakt aufgeklärt, hingegen ist der Auslöser von LES bis heute nicht bekannt. Das LES gehört zu den paraneoplastischen Syndromen und kann schon auftreten, bevor der Tumor bekannt ist. Damit kann das Lambert-Eaton-Syndrom einen ersten Hinweis auf das Bestehen eines Lungentumors geben und die betroffenen Menschen müssen entsprechend untersucht werden.

Die B-Lymphozyten des betroffenen Menschen bilden Antikörper gegen die präsynaptischen Calciumkanäle an den neuromuskulären Endplatten, der Schaltstelle zwischen Nerv und Muskel. Dadurch wird die Ausschüttung von Acetylcholin behindert und Nervreize lediglich geschwächt vom Nerv auf die Muskelzelle übertragen; der Muskel reagiert träge. Hält der Nervreiz längere Zeit an, sammelt sich Acetylcholin im synaptischen Spalt an und die Muskelkraft nimmt bis zum gewohnten Maß zu (Lambert-Zeichen).

Inzidenz

Die Inzidenz des Lambert-Eaton-Syndromes beträgt 1:100.000, Männer sind zwei- bis fünfmal so häufig betroffen wie Frauen. Da gegenwärtig Frauen zunehmend häufiger an Lungenkrebs erkranken, steigt auch der Frauenanteil beim Lambert-Eaton Syndrom.

Symptome

Typisch ist eine beinbetonte Muskelschwäche, insbesondere der Oberschenkel, welche sich vor allem beim Treppensteigen äußert, sich aber bessert, je mehr Treppenstufen erstiegen werden.

Weitere Symptome

  • Mundtrockenheit
  • Obstipation[3]
  • Impotenz[4]
  • Schluck- und Sprechschwierigkeiten
  • Akkommodationsstörungen (verschwommenes Sehen)
  • Blasenentleerungsstörungen
  • Ptosis (herabhängende Augenlider)
  • Hypohidrosis (vermindertes Schwitzen)
  • Hyporeflexie (abgeschwächte Muskeleigenreflexe)
  • Blutdruckveränderungen

Beim Prüfen der Muskelkraft nimmt diese bei Kraftanwendung über längere Zeit zu (Lambert-Zeichen)

Diagnose

Besteht durch die beschriebene Symptomatik der Verdacht auf ein LES, wird ein Elektromyogramm durchgeführt. Zeigt dieses das für ein Lambert-Eaton Syndrom charakteristische Muster (Zunahme der Aktivität über die Zeit), erhärtet sich der Verdacht auf ein LES.

Ebenfalls kann ein Tensilontest durchgeführt werden. Dieser kann positiv sein, sprich die Maximalkraft ist nach Tensilongabe höher als vorher, wie dies auch bei der Myasthenia gravis der Fall ist.

Zudem können Labortests den Verdacht auf ein Lambert-Eaton-Syndrom erhärten: Bei rund 85 % der Betroffenen können die verursachenden Antikörper gegen spannungsabhängige Calciumkanäle (VGCC = voltage gated calcium channel) vom P/Q-Typ nachgewiesen werden.

Therapie

Hat ein Mensch das Lambert-Eaton-Syndrom im Sinne eines paraneoplastischen Syndroms, wird primär die zugrunde liegende Krebserkrankung therapiert. Dadurch können sich auch die Symptome des LES bessern.

Bei idiopathischen Formen kann eine Immunsuppression mittels Glukokortikoiden, Azathioprin oder Immunglobulinen die Produktion von Autoantikörpern verringern, was zu einer Besserung der Symptomatik führt. Liegt eine Tumorerkrankung vor, wird meist auf eine Immunsuppression verzichtet, da man auf eine positive Wirkung der Antikörper gegen den Tumor hofft.

Eine symptomatische Therapie kann mit dem Kalium-Kanalblocker Amifampridin angegangen werden. Diese Substanz steigert durch Blockade des Kaliumausstroms (iK+) den Calciumeinstrom (iCa++) und kontert auf diese Weise den Effekt der Antikörper; es resultiert ein erhöhter Acetylcholinausstrom, die Erregungsleitung und somit die Muskelkraft wird verbessert.

Zusätzlich kann auch eine Plasmapherese die Antikörperkonzentration verringern und so die Symptome bessern.

Einzelnachweise

  1. E. H. Lambert, L. M. Eaton, E. D. Rooke: Defect of neuromuscular conduction associated with malignant neoplasms. American Journal of Physiology, Bethesda, Maryland, 1956, 187, S. 612-613
  2. Andrew Engel: Myasthenia Gravis and Myasthenic Disorders. Oxford University Press, New York, 2012, ISBN 978-0-19-973867-0, S. 156-173
  3. in psychoneuro 2003; 29: 113-117, doi:10.1055/s-2003-38713 Erkrankungen mit Störung der neuromuskulären Übertragung - Katharina Eger (Klinik und Poliklinik für Neurologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle/Saale)
  4. Paraneoplastische neuromuskuläre Erkrankungen - Bundeseinheitliche Konsensuspapiere der Muskelzentren im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM) Federführender Autor: Dr. F. Blaes Neurologische Klinik Justus-Liebig-Universität Am Steg 14 35392 Giessen

Weblinks

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