Geschichte der Domestikation von Katzen

Geschichte der Domestikation von Katzen

Neolithikum

Löwenmensch von der Schwäbischen Alb

Vor über 30.000 Jahren, zu Beginn der Jüngeren Altsteinzeit, durchstreifte Homo sapiens in kleinen Gruppen die von der Eiszeit geprägten Täler auf den Spuren der Tiere wie Mammut, Rentier und Wildpferd. Zeugnisse seines Aufenthalts blieben in den Höhlen erhalten, Reste von Feuerstellen, Werkzeuge und Schmuck aus Stein, Knochen, Geweih und Elfenbein. In der fantastischen Gestalt eines Löwenmenschen äußern sich geistig-religiöse Vorstellungen der Menschen der letzten Eiszeit. Bereits zu dieser Zeit befasste sich der Mensch mit dem Wesen der Katzen, das Interesse an ihnen ging weit über die Jagd hinaus.

Bild links: Der Löwenmensch wurde am 25. August 1939 bei den Ausgrabungen von Otto Völzing (1910-2001) und Robert Wetzel (1898-1962) in der Stadel-Höhle am Hohlenstein auf der Mittleren Schwäbischen Alb entdeckt, in seiner Bedeutung aber erst 30 Jahre später erkannt.

In Syrien, der Türkei und in Israel fand man 10.000 Jahre alte Stein- und Lehmfigürchen von Katzen. Diese Skulpturen deuten darauf hin, dass Katzen für diese nacheiszeitliche Kultur mehr bedeutet haben mussten, als lediglich eine Nahrungsquelle. So gab es möglicherweise schon sehr früh Katzen, die in Gemeinschaft mit Menschen lebten. Bei prähistorischen Ausgrabungen finden sich neben menschlichen Artefakten relativ häufig Überreste von Katzen in Form von Knochen oder Zähnen. Es ist jedoch kaum nachzuweisen, ob die Katzen Begleiter des Menschen oder Beute (Fell, Fleisch) waren. Der Prozeß der Domestizierung könnte also schon vor 10.000 Jahren begonnen haben.

Palästina

Überreste von Katzen aus dem Neolithikum (auch Jungsteinzeit genannt, vor 11.500 Jahren bis 5.500 Jahren) fand man z.B. auch bei Jericho in Palästina. Dabei ist aber auch hier nicht sicher, ob es sich dabei um Jagdbeute handelt oder ob die Katzen bestenfalls als Abfallverwerter in einer der ältesten menschlichen Ansiedlungen toleriert wurden. Vieles spricht für die Tolerierung, da Katzen ausgezeichnete Mäuse- und Rattenfänger sind. Beim übergang zur Vorratswirtschaft dürften die Kornspeicher der Menschen recht häufig von den lästigen Nagern befallen worden sein. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, in welcher Gefahr die menschlichen Lagerbestände dadurch schwebten.

Zypern

Auf Zypern wurden Überreste von afrikanischen Wildkatzen gefunden, die auf 5.000 v. Chr. datiert wurden und neuere Entdeckungen sind sogar noch älter. Dieser Umstand ist deshalb so interessant, weil diese Katzen von Menschen auf die Insel gebracht worden sein müssen, denn auf Zypern hat es urprünglich nie Wildkatzen gegeben. Die Knochen der Katzen wurden zusammen mit Mäuseknochen und menschlichen Überresten gefunden. Alle drei Spezies, Katze, Mensch und Maus erschienen erstmals zu jener Zeit auf Zypern. Ein mögliches Szenario wäre, dass Menschen ungewollt Mäuse auf die Insel einschleppten und im Zuge einer Mäuseplage dann die Katzen auf die Insel nachholten. Sollte sich dies so oder so ähnlich abgespielt haben, so hat der Mensch den Wert einer Katze als Mäusefänger schon zu dieser Zeit gekannt.

Einen Beweis für den Beginn der Domestizierung der Katzen bereits vor 9.500 Jahren sehen die Archäologen um Jean-Denis Vigne vom Muséum National d`Histoire Naturelle und vom Collège de France in Paris (Vigne, 2004) in der Entdeckung eines kompletten Katzenskeletts bei Shillourokambos auf Zypern, die neben einem Menschen aus der Jungsteinzeit beerdigt wurde. Die Körper von Mensch und Katze waren symmetrisch in Position gebracht und mit den Köpfen nach Westen zeigend (in Richtung zur untergehenden Sonne) bestattet worden. Da der Erhaltungszustand beider Skelette identisch war, wurden sie offensichtlich auch zum gleichen Zeitpunkt in die Erde gelegt. Die Katze im Grab könnte „prä-domestiziert“ gewesen sein, also halb wild und halb zahm. Die Person war zum Zeitpunkt ihres Ablebens ungefähr 30 Jahre alt und einige Grabbeigaben, wie Steinwerkzeuge und Muscheln, deuten auf einen hohen, gesellschaftlichen Status hin. Er oder Sie könnte ein besonderes Verhältnis zu Katzen gehabt haben oder Katzen könnten z.B. eine religiöse Bedeutung gehabt haben. So könnte es sich bei dem beerdigten Tier um eine Art Totemtier gehandelt haben.

Während des Neolithikums breitete sich die Landwirtschaft vom nahen Osten kommend über die Welt aus und die Kornspeicher des Menschen haben vermutlich große Mäusepopulationen angezogen. Die Katzen, die sich daraufhin in die Nähe von Dörfern wagten, um diese Mäuse zu jagen, waren vermutlich höchst willkommen. Diese Vorläufer der domestizierten Katze gehörten vermutlich zur Art Felis silvestris lybica, der afrikanischen Wildkatze, eine Art deren Nachkommen leicht zu halten sind, wenn sie als Jungtiere in menschliche Obhut genommen werden. Ebenso ist es möglich, dass verlassene oder besonders niedliche Kätzchen als Haustiere gehalten wurden, ähnlich der Haltung exotischer Haustiere als Statussymbol heute.

Möglicherweise war die beerdigte Katze bereits ein domestiziertes Haustier, trotzdem wurde sie im Alter von 8 Monaten getötet, um mit ihrem „Besitzer“ begraben zu werden. Das Skelett zeigte keinerlei Anzeichen von Gewalteinwirkung und war bis zum Zeitpunkt des Todes völlig unversehrt. Auch dies macht es wahrscheinlich, dass das Tier als Individuum und Begleiter des Toten behandelt und nicht geschlachtet wurde. Aber andere, verbrannte Katzenknochen aus einer anderen Periode am Ausgrabungsort zeigen auch, dass Katzen durchaus einen Teil der neolithischen Nahrung in der Region darstellten.

Ägypten

Als Naturforscher im 19. Jahrhundert Nordafrika bereisten, berichteten sie von Menschen, die afrikanische Wildkatzen einfingen und zähmten, um sie in ihren Hütten und Einfriedungen als Haustiere zu halten.

„Gezähmte” Wildkatzen

Ähnliche Fälle sind bis in moderne Zeiten auch aus Arabien bekannt. Afrikanische Wildkatzen leben in nächster Nähe mit dem Azande Stamm aus dem Südsudan, obwohl sie nicht domestiziert sind. Die Katzen scheinen bei den Menschen Schutz vor größeren Raubtieren zu suchen und profitieren von einem erhöhten Nahrungsangebot, das sie rund um die Stammessiedlungen finden. Sie zeigen keine oder nur wenig Scheu vor den Menschen. Ein ähnliches Verhalten kennt man von einigen „Stadtfüchsen“ in europäischen Großstädten - sie leben in nächster Nähe mit Menschen, ohne dabei zahm zu sein.

Die relative Sanftheit der afrikanischen Wildkatze und ihre Fähigkeit, nahe bei den Menschen zu leben ohne jedoch in dessen Gefangeschaft zu sein, legt nahe, dass die Katzen selbst es waren, die sich den Menschen anschlossen um dessen Schutz und Nahrungsangebot in den Behausungen und außerhalb davon zu nutzen.


Sphinx
Die weltberühmte Sphinx vor den Pyramiden von Gizeh stellt den Kopf eines Pharao dar, der auf dem Körper einer Katze sitzt.

Für viele Historiker scheint es außer Frage, dass die heutigen Hauskatzen zwischen 3.000 v.Chr. und 2.000 v.Chr. in Ägypten ihren Ursprung haben (Baldwin, 1975). Der früheste altägyptische Hinweis auf das Vorhandensein von Katzen stammt aus der Zeit um 2.500 v.Chr. und vieles spricht für eine halb-domestizierte Lebensweise der ägyptischen Katzen ab ca. 2.000 v.Chr, gleichwohl haben die alten Ägypter auch viele wilde Katzenarten in Bildern verewigt. Es gibt einige wenige Hinweise in Form von Darstellungen, dass Katzen bereits bis zum neuen Königreich der 18. Dynastie (ca. 1.600 v.Chr.) vollkommen domestiziert waren.

Katzenmumie mit Maske, ausgestellt im Louvre
Katzenmumie mit Maske, ausgestellt im Louvre

In einigen ägyptischen Gräbern fand man Schädel der Rohrkatze (Felis chaus). Aber es gibt keine Überreste von Katzen mit gemeinsamen Merkmalen der afrikanischen Wildkatze und der Rohrkatze, die belegen könnten, dass Letztere ebenfalls zu den Vorfahren der Hauskatze gehört. Einige ägyptische Wandmalereien stellen Katzen in einer Sumpflandschaft dar, bei denen es sich um Rohrkatzen handeln könnte.

Die bedeutende Rolle der Katzen in der alt-ägyptischen Mythologie ist sehr gut dokumentiert. Katzen wurden in den Tempeln geduldet oder gehalten und lebten in nächster Nähe mit Menschen. Sicherlich wurden sie auch gefüttert, was zu einer raschen Domestizierung beigetragen hat. Die zutraulichsten Katzen hätten sich demnach rascher vermehrt und die scheuen Populationen aus der Gesellschaft des Menschen verdrängt. In ägyptischen Gräbern sind zahlreiche mumifizierte Katzen entdeckt worden. Viele scheinen Opfertiere gewesen zu sein und manche Forscher glauben, dass dies der einzige Grund war, warum junge Katzen in den Tempeln aufgezogen wurden. Doch wegen ihrer ausgezeichneten Fähikeiten als Nagetierjäger dürften sie wahrscheinlich auch in normalen ägyptische Haushalten gelebt haben.

Manche frühe ägyptische Malereien scheinen Katzen darzustellen, die bei der Entenjagd eingesetzt werden. Möglicherweise haben solche Darstellungen aber eine andere Bedeutung, da sich Katzen im Allgemeinen nicht besonders gut als Apportierhunde eignen. Auf späteren Malereien sind Katzen als Symbole für Fruchtbarkeit oder häusliche Harmonie dargestellt.

Die landwirtschaftlich geprägte altägyptische Kultur maß der Katze eine hohe Bedeutung zu, die sich schon früh zu einer kultischen Verehrung der Tiere entwickelte. Ausdruck hierfür ist die Katzengöttin Bastet, der man Einfluss auf Fröhlichkeit und Liebe, Schönheit, Weiblichkeit, Anmut und Fruchtbarkeit zusprach. Sie wurde oft als kleine Katze mit Löwenkopf oder weibliche Gestalt mit Katzenkopf dargestellt. In der Spätzeit nahm der Katzenkult die größten Ausmaße an; in Bubastis (zeitweise Hauptstadt des Reiches) strömten viele Pilger in das Kultzentrum, und opferten tausende mumifizierte Katzen (bei Herodot nachzulesen). Außerdem war es gebräuchlich, dass der Besitzer sich beim Tod einer Katze zum Zeichen der Trauer die Augenbrauen abrasierte und den Körper des Tieres nach Bubastis trug, um ihn einbalsamieren und auf einem speziellen Katzenfriedhof bestatten zu lassen. Alternativ konnte die Katze auch zusammen mit ihrem Besitzer beerdigt werden. Die Tötung einer Katze wurde als Todsünde betrachtet.

Indus-Tal

Im Indus-Tal in Pakistan gibt es Fundstellen, die auf ca. 6000 v.Chr. datiert wurden. Etwa zeitgleich mit den altägyptischen Königreichen hatte sich an den Ufern des Indus eine florierende Kultur ? mit mehreren großen Städten entwickelt, in denen teilweise bis zu 40 oder 50 000 Menschen lebten. Hier wurden Katzen möglicherweise auf ähnliche Weise wie im alten Ägypten domestiziert, wo man sie offensichtlich in Tempeln hielt.

An einigen Ausgrabungsorten, z.B. Harrapa ? und Mohenja-daro ?, kamen Reste von Getreidespeichern zu Tage, was auf eine fortgeschrittene Vorratswirtschaft der Menschen deutet. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf verschiedene domestizierte Tierarten wie Hunde, Ziegen, Schafe, möglicherweise Elefanten und auch Katzen (Jarrig & Meadow, 1980).

Auf dem Höhepunkt ihrer Zivilisation erstreckten sich die Siedlungen über die pakistanische Provinz Sindh, Beluchistan, Pandschab, nördliches Rajasthan, Kathiawar und Gujarat. Die Städte waren weit fortschrittlicher als vergleichbare prähistorische Kulturen in Westasien, wie Ägypten oder Mesopotamien. Wie bei den meisten anderen zeitgenössischen Zivilisationen war Landwirtschaft das ökonomische Rückgrat der Indus-Kultur, davon zeugen die alten Getreidespeicher. Vermutlich hatten die Menschen schon damals mit lästigen Nagetieren zu kämpfen, und da kommen die Katzen ins Spiel.

Deuten schon die Knochenfunde auf eine gewisse Nähe der Katzen zum Menschen hin, so gibt es eindeutige Hinweise die auf Domestizierung der Katze in Form von Pfotenabdrücken auf Backsteinen, die man mit Stroh vermischt in der Sonne zum Trocknen ausgelegte. Wie auf frischem Zement hat sich dort eine darüberspazierende kleine Katze der Gattung Felis verewigt. Darüber, ob die Knochen der Katzen genauso alt wie der Rest der archäologischen Ausgrabungen (ca. 6.000 v.Chr.) sind, ist nicht berichtet worden.

Historische und archäologische Daten, sowie genetische Untersuchungen deuten auf einen westasiatischen Ursprung der frühen pakistanischen Hauskatzen hin. Zeitlich käme hier die Harrapa-Zivilisation in Frage. Die Tatsache, dass die frühen Kulturen des Indus-Tales dem alten Ägypten in nichts nachstanden, macht es wahrscheinlich, dass auch in Pakistan ein unabhängiges Zentrum der frühen Domestizierung entstand (M. Ahmad, B. Blumberg, M. F. Chudary, 1980).

Die Städte am Indus pflegten Handelsverbindungen mit Afghanistan, Persien, Ägypten, Mesopotamien und Samarien. Katzen könnten um 2.000 v.Chr. mit phönizischen Handelskarawanen zwischen dem alten Ägypten und dem Indus-Tal mitgezogen sein, was es den beiden Populationen ermöglichte sich zu vermischen. Nach 2.000 v.Chr. sind die Mohenjo-daro- und die Harappa-Kultur aus unbekanten Gründen untergegangen.

Ausgrabungen an anderen Orten in Asien, die auf die Domestizierung verschiedener Tiere hindeuten, stammen aus der Zeit um 5.000 v. Chr. Archäologische Reste von Siedlungen an den Küsten der Bucht von Bengalen enthielten ebenfalls überreste von möglicherweise domestizierten Katzen.


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