Wissenschaftler weisen erstmals tödliche Vogelgrippe-Infektion beim Seeadler nach

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.10.2018

Bleivergiftungen oder eine Kollision mit einem Zug waren bisher die wahrscheinlichsten unnatürlichen Todesursachen bei Seeadlern. Im Winter 2016/2017 gab es jedoch zahlreiche Todesfälle in Norddeutschland, bei denen beides ausgeschlossen werden konnte. Stattdessen waren 17 Seeadler in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg mit dem hochansteckenden Vogelgrippevirus H5N8 infiziert. Die tödlichen Infektionen mit dem Virusstamm H5N8 2.3.4.4b sind die ersten Fälle der Vogelgrippe bei Seeadlern und stellen den Schutz der bedrohten Greifvögel vor neue Herausforderungen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Viruses“ erschienen.


181012-1324_medium.jpg
 
Ein Seeadler im Landeanflug
Krone, O.; Globig, A.; Ulrich, R.; Harder, T.; Schinköthe, J.; Herrmann, C.; Gerst, S.; Conraths, F.J.; Beer, M.
White-Tailed Sea Eagle (Haliaeetus albicilla) die-off due to infection with highly pathogenic avian influenza virus, subtype H5N8, in Germany
Viruses 10: 478 (2018)
DOI: 10.3390/v10090478


Die Vogelgrippe bedroht seit mehreren Jahrzehnten Wildvögel und Hausgeflügel. Insbesondere Hühner, Gänse und Enten sowie weitere Wasservögel sind von den Infektionen mit unterschiedlichen Stämmen des Influenza-A-Virus betroffen. Immer wieder kommt es zu Epidemien, beispielsweise 1992 in Mexiko, 2006 in Mitteleuropa, 2015 in den USA und 2016/2017 erneut in Europa. Seeadler (Haliaeetus albicilla) schienen bislang von Ansteckungen verschont zu bleiben, obwohl für einzelne Greifvogelarten wie dem Wanderfalken oder dem Mäusebussard bereits Infektionen nachgewiesen wurden. Die Untersuchungen der 17 in Norddeutschland gefundenen Seeadler – 14 davon waren bereits tot und drei weitere zeigten starke Symptome wie Übererregbarkeit und Koordinationsschwierigkeiten – erbrachten nun den Nachweis, dass sich auch Seeadler infizieren können. Analysen des Erbguts der Viren zeigten, dass es sich nicht um den weit verbreiteten Influenzatyp H5N1 handelte, sondern um den Typ H5N8. Ferner identifizierten die Wissenschaftler durch eine vollständige Aufklärung des viralen Erbguts den Virusstamm 2.3.4.4b, der als hochaggressiv für Vögel gilt. Das Virus kann in den Tieren eine Gehirnentzündung (Polioencephalitis) auslösen. Messungen der Blei-Konzentration in Niere und Leber der Seeadler schlossen vorher Bleivergiftungen als Todesursache aus.

Die norddeutsche Tiefebene und die deutsche Ostseeküste sind der zentrale Lebensraum von Seeadlern in Deutschland. Dessen Verbreitungsgebiet erstreckt sich bis nach Grönland im Westen und Japan im Osten. In Deutschland gibt es derzeit 750 Brutpaare. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er durch menschliche Verfolgung und die Folgen des Insektizids DDT fast ausgerottet. Seit den 1980er Jahren erholen sich die Bestände wieder, nachdem die Verfolgung eingestellt und die Anwendung von DDT verboten wurde. Neue Bedrohungen entstanden, wie die Vergiftung durch bleihaltige Munition. Auch für Infektionskrankheiten sind die Tiere empfänglich: „Seeadler ernähren sich vor allem im Winter von Aas und, wenn verfügbar, auch von Wasservögeln“, sagt Oliver Krone vom Leibniz-IZW. „Natürlich sind kranke und schwache Tiere eine leichte Beute für den Seeadler. Das führt dazu, dass sich diese Greifvögel immer wieder Viren und anderen Krankheitserregern aussetzen.“

Für das Wissenschaftsteam bleiben noch einige Fragen unbeantwortet, die nun Gegenstand weiterer Untersuchungen sind. So ist beispielsweise noch unklar, warum bei der H5N1-Epidemie im Jahr 2006 offensichtlich keine Infektionen bei Seeadlern nachgewiesen wurden und warum sie im Winter 2016/2017 so stark davon betroffen waren. „Die Empfänglichkeit für unterschiedliche Virenstämme könnte artspezifisch sein“, so Franz Conraths und Martin Beer vom FLI. „Es könnte aber auch sein, dass die Unterschiede zwischen den Virenstämmen entscheidend sind. Der Virenstamm 2.3.4.4b scheint deutlich aggressiver für viele Vogelarten zu sein als früher aufgetretene Stämme, weshalb es jetzt möglicherweise auch die großen Seeadler getroffen hat.“

Bisher ist noch unklar, ob Infektionen für Seeadler unweigerlich tödlich verlaufen oder ob die Tiere die Infektion überstehen können – möglicherweise wenn die Stämme nicht so aggressiv sind – und anschließend immun sind. „Die Beobachtung, dass von den 17 Tieren der überwiegende Teil Jungtiere sind, könnte auch auf eine Immunisierung hindeuten“, ergänzt Krone. „Entweder sind Jungtiere, wie in anderen Arten auch, besonders anfällig für Infektionen. Oder sie gehören zur Altersklasse, die zum ersten Mal mit einem Grippevirus infiziert wird. Wenn diese Tiere die Infektion überstehen, sind sie möglicherweise für weitere Infektionen ‚gerüstet‘. Ältere Tiere könnten also ‚immunologisch erfahren‘ sein und schon die eine oder andere Influenzaerkrankung durchgemacht haben, was sie widerstandsfähiger auch gegenüber neu aufkommenden Stämmen machen könnte.“



Für den Menschen scheint der Influenzatyp H5N8 weniger gefährlich zu sein als der Typ H5N1, durch den nach den Epidemien bei Vögeln mehrere hundert Menschen infiziert wurden. „Bisher ist für H5N8 keine Übertragung vom Tier auf den Menschen bekanntgeworden“, so die Wissenschaftler des FLI.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 14 Meldungen

Meldung vom 26.06.2019

Kein Platz für Wölfe

Wölfe lösen beim Menschen gleichermaßen Angst und Faszination aus. Das Raubtier wird bei Nutztierhaltern, J ...

Meldung vom 25.06.2019

Studie: Spinat-Extrakt führt zu Leistungssteigerungen im Sport

Ein Extrakt aus Spinat kann einer internationalen Studie unter Beteiligung der Freien Universität Berlin zufo ...

Meldung vom 25.06.2019

Forscher der Humboldt-Universität entschlüsseln, wie Blütenpflanzen ihren Stoffwechsel drosseln

Artikel im Wissenschaftsjournal eLife erschienen.

Meldung vom 25.06.2019

Upcycling in Symbiose: Von „minderwertigen“ Substanzen zu Biomasse

Forschende entdecken den ersten bekannten schwefeloxidierenden Symbionten, der rein heterotroph lebt.

Meldung vom 25.06.2019

Nicht nur der Wind zeigt den Weg

Wenn der südafrikanische Dungkäfer seine Dungkugel vor sich her rollt, muss er den Weg möglichst präzise k ...

Meldung vom 25.06.2019

Rätsel um Ursprung der europäischen Kartoffel gelöst

Woher stammt die europäische Kartoffel? Pflanzen, die im 19. Jahrhundert auf einer Expedition des britischen ...

Meldung vom 24.06.2019

Molekulare Schere stabilisiert das Zell-Zytoskelett

Forschende des Paul Scherrer Instituts PSI in Villigen haben erstmals die Struktur wichtiger Enzyme in menschl ...

Meldung vom 24.06.2019

Solarium für Hühner - Wie sich der Vitamin-D-Gehalt von Eiern erhöhen lässt

Viele Menschen leiden unter einem Vitamin-D-Mangel. Das kann brüchige Knochen und ein erhöhtes Risiko für A ...

Meldung vom 21.06.2019

Genom der Weisstanne entschlüsselt: Baumart für den Wald der Zukunft

Die Weisstanne ist eine wichtige Baumart im Hinblick auf den Klimawandel. Um sie besser erforschen zu können, ...

Meldung vom 21.06.2019

Künstliche Intelligenz lernt Nervenzellen am Aussehen zu erkennen

st es möglich, das Gehirn zu verstehen? Noch ist die Wissenschaft weit von einer Antwort auf diese Frage entf ...

Meldung vom 21.06.2019

Pilz produziert hochwirksames Tensid

Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena entdeckt im Bodenpilz Mortierella alpina eine bisher u ...

Meldung vom 20.06.2019

Zufall oder Masterplan

Gemeinsame Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Max-Planck-Instituts für Ev ...

Meldung vom 20.06.2019

Systeme stabil halten

Sowohl die Natur als auch die Technik sind auf integrierende Feedback-Mechanismen angewiesen. Sie sorgen dafü ...

Meldung vom 19.06.2019

Wie sich Bakterien gegen Plasmabehandlung schützen

Angesichts von immer mehr Bakterien, die gegen Antibiotika resistent werden, setzt die Medizin unter anderem a ...


21.05.2019
Namenlose Fliegen
03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
12.10.2018
Kenne Deinen Fisch!
12.10.2018
Leben ohne Altern
12.10.2018
Lebensraum Käse
12.10.2018
Domino im Urwald
12.10.2018
Trend-Hobby Imker
12.10.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung