Kleines Tier, großer Fund

Neues aus der Forschung

Meldung vom 04.03.2019

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Institut für Tierökologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) entdeckten im Mittelmeer an der Grenze zwischen Italien und Frankreich eine neue Tierart: Polyplacotoma mediterranea.


190305-1601_medium.jpg
 
Polyplacotoma mediterranea
Hans-Jürgen Osigus, Sarah Rolfes, Rebecca Herzog, Kai Kamm, Bernd Schierwater
Polyplacotoma mediterranea is a new ramified placozoan species
Current Biology
DOI: 10.1016/j.cub.2019.01.068


Die Tiere besitzen einen vielverzweigten Körper und können etwa einen Zentimeter lang werden. Sie gehören zum Stamm der Plattentiere. Das sind strukturell sehr einfach aufgebaute vielzellige Tiere, von denen bislang nur zwei Gattungen mit je einer Art bekannt waren. Forscherinnen und Forscher aus dem Team von Professor Dr. Bernd Schierwater, der das Institut für Tierökologie der TiHo leitet, untersuchten die neue Tierart. Sie stellten fest, dass sich Polyplacotoma mediterranea in seiner Gestalt und seinem Erbgut deutlich von den beiden bekannten Plattentierarten unterscheidet und ordneten das Tier daher der neuen Gattung Polyplacotoma zu. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie heute im Fachmagazin Current Biology.

Plattentiere sind vielzellige Tiere, die weder einen Kopf noch einen Rumpf oder einen Schwanz besitzen. Symmetrisch aufgebaut sind sie ebenfalls nicht. Ihr Lebensraum erstreckt sich von der Südküste Australiens bis hinauf zur Atlantikküste Frankreichs. Plattentiere sind nur wenige Millimeter groß und ernähren sich von Biofilmen, die sie von harten Unterlagen wie Muschelschalen, Steinen oder Korallen ablösen. Da sie keine Organe, keine Muskelzellen und kein Nervensystem ausbilden, obwohl sie entsprechende Erbanlagen besitzen, sind sie interessante Forschungsobjekte für verschiedene biologische Fragestellungen.

Tier, Pflanze oder Pilz?

Erste Hinweise, zu welcher Gruppe von Lebewesen Polyplacotoma mediterranea gehört, erkannten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter dem Lichtmikroskop. „Die einzelnen Verästelungen erinnern an ein Pilzgeflecht, bewegen sich jedoch wie bei einem Tier“, berichtet Schierwater. Um festzustellen, wo das Lebewesen systematisch einzuordnen ist, analysierte das Forscher-Team seine mitochondriale DNA. Mitochondrien sind die energieproduzierenden Strukturen einer Zelle und besitzen ihr eigenes Erbgut. Anhand dieses Erbgutes lässt sich die Abstammung eines Lebewesens gut untersuchen. Das Ergebnis: Polyplacotoma mediterranea ist ein Plattentier (Placozoon).

Vielgestaltig statt rund

Trichoplax adhaerens und Hoilungia hongkongensis – so heißen die beiden anderen Plattentierarten – besitzen eine klare Polarität. „Das heißt, ihr kompakter scheibenförmiger Körper kann in ein Oben und ein Unten eingeteilt werden“, erklärt Schierwater. Die neue Art besitzt hingegen keine kompakte Scheibenform und ist stark verzweigt. „Wir sammelten das Lebewesen in einer Zone mit ungewöhnlich starker Brandung. Es scheint sich an diese Umgebung angepasst zu haben, indem es seinen Körper in lange Verzweigungen auszieht. Diese verankern sich in kleinen Hohlräumen und Ritzen des Gesteins und geben dem Tier Halt“, vermutet Schierwater.



Verwandtschaftsbeziehungen

Auch genetisch unterscheidet sich Polyplacotoma mediterranea von den bekannten Plattentierarten. „Wir konnten unter anderem feststellen, dass das Erbgut in den Mitochondrien seiner Zellen nur halb so groß ist wie das anderer Plattentiere“, berichtet Hans-Jürgen Osigus, Doktorand in Schierwaters Arbeitsgruppe und Erstautor der Studie. „Zudem zeigt es Merkmale eines sehr ursprünglichen Erbgutes.“ Aufgrund dieser Unterschiede schufen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die neue Tierart die neue Gattung Polyplacotoma. Darüber hinaus sehen Schierwater und Osigus die Chance, mithilfe der neuen Tierart mehr über die frühe Evolution der Vielzeller zu erfahren.

Neue Rätsel

Die Entdeckung der TiHo-Forscher wirft wichtige neue Fragen auf. „Wir wissen beispielsweise noch nichts über den Lebenszyklus des Tieres oder wie es sich ernährt“, erläutert Osigus. Normalerweise nehmen Plattentiere Nahrung auf, indem sie eine große temporäre Verdauungshöhle zwischen Körperscheibe und Untergrund ausbilden. Aufgrund seiner verzweigten Körperform ist dies für Polyplacotoma mediterranea nicht ohne Weiteres möglich. Darüber hinaus ist es schwierig, das Tier im Labor zu untersuchen: „Es ist sehr fragil, nimmt die übliche Nahrung nicht auf und vermehrt sich bei uns nur sehr langsam – selbst, wenn wir versuchen, die Kulturbedingungen so natürlich wie möglich zu gestalten“, berichtet Osigus.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 7 Tage

13 Meldungen

Meldung vom 19.03.2019

Expertenservice zum Welttag des Wassers

Am 22. März 2019 ist Weltwassertag. Zu diesem Anlass nennen Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerö ...

Meldung vom 19.03.2019

Ausgeflattert: Zwei Drittel weniger Tagfalter

Senckenberg-Wissenschaftler Thomas Schmitt hat in einem deutsch-polnischen Team die Auswirkungen verschiedener ...

Meldung vom 18.03.2019

Mikroben können auf Stickstoffmonoxid (NO) wachsen

Stickstoffmonoxid (NO) ist ein zentrales Molekül im Kreislauf des Elements Stickstoff auf der Erde. Eine Fors ...

Meldung vom 18.03.2019

Eine neue Schlangenart in Bayern - die Alpen-Barrenringelnatter

Forscher der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM) haben in der Alpenregion Bayerns eine bisher übe ...

Meldung vom 15.03.2019

Oszillation im Muskelgewebe

Wenn ein Muskel wächst oder eine Verletzung in ihm ausheilt, verwandelt sich ein Teil seiner Stammzellen in n ...

Meldung vom 14.03.2019

Lecker oder faulig- Ein abstoßender Geruch hemmt die Wahrnehmung eines angenehmen Duftes

In der Natur sind Essigfliegen unterschiedlichsten Duftgemischen ausgesetzt, die sowohl anziehende als auch ab ...

Meldung vom 14.03.2019

Menschenaffen reagieren auf Kamerafallen

Ein internationales Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat Vid ...

Meldung vom 14.03.2019

Artenvielfalt über- und unterirdisch nicht immer gleich - Daten zur Biodiversität ausgewertet

Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Leipzig und des Forschungszentrums iDiv hat in ...

Meldung vom 14.03.2019

Der innere Kampf der Nachtkerze - Chloroplasten veranstalten ein evolutionäres Wettrüsten

Bereits Gregor Mendel war klar, jeweils die Hälfte des Erbguts stammt von Mutter und Vater. Dies trifft aber ...

Meldung vom 14.03.2019

Wölfe führen, Hunde folgen – und beide kooperieren mit dem Menschen

Eine Aussage, die aufhorchen lässt, erfährt der Wolf doch in den letzten Jahren immer wieder Aufmerksamkeit, ...

Meldung vom 13.03.2019

Meta-Analyse der Ertragsstabilität: biologische und konventionelle Landwirtschaft im Vergleich

Für die Landwirtschaft zählt nicht nur die Höhe des Ertrages, auch die Stabilität der Erträge über mehre ...

Meldung vom 12.03.2019

Besser sehen oder riechen- Eine Kosten-Nutzen-Rechnung bei Essigfliegenarten

Ein Team von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie hat Augen und Antennen und die ...

Meldung vom 12.03.2019

Bayreuther Mikrobiologen entdecken Schlüsselprotein für die Zellteilung magnetischer Bakterien

Magnetotaktische Bakterien haben die faszinierende Fähigkeit, sich bei ihren Bewegungen am Erdmagnetfeld zu o ...


06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind

27.03.2018
Kenne Deinen Fisch!
13.12.2015
Leben ohne Altern
22.05.2014
Lebensraum Käse
22.05.2014
Domino im Urwald
13.03.2014
Trend-Hobby Imker
07.02.2013
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung