Da ist noch Luft nach oben – der offene Luftraum als unterschätztes Habitat

Neues aus der Forschung

Meldung vom 17.05.2018

Zahlreiche Fledermausarten jagen und ziehen in großer Höhe. Bisher hatten jedoch weder Forscher noch Umweltschützer „auf dem Schirm“, dass der (nach oben) offene Luftraum auch Lebensraum für viele Tierarten ist. In ihrer aktuellen Studie tragen Wissenschaftler um Christian Voigt vom Leibniz-IZW Berlin den Wissensstand über die Gefahren in luftiger Höhe zusammen und zeigen mögliche Schutzmaßnahmen auf.


180523-0132_medium.jpg
 
Fledermäuse fliegen von einer Höhle in Thailand auf
Voigt CC, Currie SE, Fritze M, Roeleke M, Lindecke O
Conservation strategies for bats flying at high altitudes
BioScience, biy040
DOI: 10.1093/biosci/biy040


Bei ihren nächtlichen Jagdausflügen steigen Fledermäuse erstaunlich hoch auf. Jenseits der Baumwipfel nutzen sie einen breiten Bereich der unteren Troposphäre: Hierzulande gibt es GPS-Aufnahmen von Fledermäusen aus 500 Metern, in Thailand aus bis zu 800 Meter Höhe über dem Boden. Ein Blick in die Literatur zeigt jedoch, dass da buchstäblich noch viel Luft nach oben ist. Denn den Rekord hält die Mexikanische Bulldoggfledermaus Tadarida brasiliensis mit über 3.000 Metern über dem Boden! Selbst der hierzulande ansässige Große Abendsegler Nyctalus noctula schwingt sich manchmal über 1.000 Meter in die Höhe. Der offene Luftraum ist demnach ein wichtiger und unterschätzter Lebensraum von Fledermäusen, der beim Artenschutz bislang nahezu vollständig vernachlässigt wurde. Konzepte für Luftschutzgebiete im Sinne des Habitatschutzes gibt es in Europa bisher keine. Und das, obwohl 21 der 53 auf dem Kontinent beheimateten Fledermausarten im offenen Luftraum nach Insekten jagen.

„Bei einem Habitat, also einem für Tiere geeigneten Lebensraum, denken wir meist an Landschaften, wie Wiesen, Wälder oder Gewässer. Also an erdnahe Flächen“, sagt Christian Voigt. „Den unteren Bereich der Troposphäre nahmen wir bisher als für Tiere relevantes Habitat gar nicht wahr.“ Dabei ist hier einiges los: Neben Zugvögeln migrieren viele Insektenarten in großen Höhen. „Insekten nutzen die Winde in diesen Bereichen, um Strecken zurückzulegen, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen könnten.“ Kein Wunder also, dass auch Fledermäuse dort zu finden sind, denn da fliegt ihr Futter – und zwar massenweise.

Die Insektendichte ist regional unterschiedlich. Zudem hat sich ihre Zahl insgesamt durch Luftverschmutzung und gestiegenen Pestizideinsatz in der Landwirtschaft verringert. Die Forscher rechnen damit, dass sich der Luftraum dementsprechend weiter fragmentiert – in „futterreiche“ und „futterarme“ Zonen. Je nach Art legen große Federmausschwärme in Südostasien deshalb bei ihren Beutezügen schon mal 40 bis 50 Kilometer pro Nacht zurück. Radaruntersuchungen in Nordamerika zeigten, dass sie dabei dreidimensional über breite Landstriche ausschwärmen. „Manche Fledermauskolonien bestehen aus einer, zwei oder gar zehn Millionen Individuen. Sie können also nicht alle lokal ihre Beute finden und nutzen daher große Höhen, wo sie auch Schadinsekten der Landwirtschaft verzehren“, erklärt Christian Voigt.



Zu den indirekten Gefahren zählen neben der abnehmenden Insektendichte die Lichtverschmutzung sowie die Luftverschmutzung durch Feinstaub, Chemikalien und Autoabgase. „Fledermäuse sind Athleten mit Flügeln. Bei zwei Arten konnten wir beobachten, dass sie während der Jagd in kurzer Zeit mehrere Hundert Höhenmeter wiederholt auf- und absteigen. Das ist eine enorme Kraftanstrengung, bei der die Tiere potenziell sehr empfindlich für Schadstoffe in der Luft sind“, betont Voigt.

Bei der Jagd im offenen Luftraum sind die Tiere diversen Gefahren ausgesetzt. Zu den direkten gehört die tödliche Kollision mit anthropogenen Strukturen wie hohen Gebäuden, Windkraftanlagen, Drohnen, Helikoptern und Flugzeugen. Angesichts des steigenden Luftverkehrs und der stärkeren Nutzung alternativer Energiequellen eine wachsende Gefahr.

Anders als bei klar abgesteckten terrestrischen und aquatischen Habitaten ist der Schutz des offenen Luftraumes nicht einfach. „Es ist im Grunde das gleiche Dilemma wie mit den Ozeanen. Der Luftraum ist Allgemeingut, wodurch die Verantwortlichkeiten zunächst unklar und Kontrollen schwer umsetzbar sind“, sagt Christian Voigt. Der Schutz von Fledermäusen ist für die Menschheit neben ihrer prinzipiellen Schutzwürdigkeit auch von unmittelbarem wirtschaftlichem Interesse, da die einzigen flugfähigen Säugetiere weltweit zahlreiche Schadinsekten in Schach halten.

Überlegungen, was zum Habitatschutz des Luftraumes zu tun ist, gibt es einige. „Es gibt bereits nachhaltige Schutzkonzepte. Um zum Beispiel die Schlagopferzahlen an Windkraftanlagen zu reduzieren, gibt es zumindest in Deutschland entsprechende Genehmigungs-Auflagen, die die Betreiber beachten müssen. Wie gut diese bundesweit angewandt werden, ist bislang unbekannt. “, sagt Voigt. Die Migrationskorridore und Rastgebiete von Fledermäusen und Zugvögel müssen zudem von Windkraftanlagen freigehalten werden. Hocheffizient und vergleichsweise simpel sind Strategien, um das für Fledermäuse irritierende Streulicht im Himmel, den Skyglow, zu reduzieren: Beleuchtung bitte nach unten und nicht gen Himmel richten! Weitere Forschungen zur Rolle der Troposphäre als essenzieller Lebensraum sind nun notwendig, um noch besser verstehen zu können, wie die Tiere, die darin leben, am besten geschützt werden können.




News der letzten 7 Tage

www.biologie-seite.de 14 Meldungen

Meldung vom 26.06.2019

Kein Platz für Wölfe

Wölfe lösen beim Menschen gleichermaßen Angst und Faszination aus. Das Raubtier wird bei Nutztierhaltern, J ...

Meldung vom 25.06.2019

Studie: Spinat-Extrakt führt zu Leistungssteigerungen im Sport

Ein Extrakt aus Spinat kann einer internationalen Studie unter Beteiligung der Freien Universität Berlin zufo ...

Meldung vom 25.06.2019

Forscher der Humboldt-Universität entschlüsseln, wie Blütenpflanzen ihren Stoffwechsel drosseln

Artikel im Wissenschaftsjournal eLife erschienen.

Meldung vom 25.06.2019

Upcycling in Symbiose: Von „minderwertigen“ Substanzen zu Biomasse

Forschende entdecken den ersten bekannten schwefeloxidierenden Symbionten, der rein heterotroph lebt.

Meldung vom 25.06.2019

Nicht nur der Wind zeigt den Weg

Wenn der südafrikanische Dungkäfer seine Dungkugel vor sich her rollt, muss er den Weg möglichst präzise k ...

Meldung vom 25.06.2019

Rätsel um Ursprung der europäischen Kartoffel gelöst

Woher stammt die europäische Kartoffel? Pflanzen, die im 19. Jahrhundert auf einer Expedition des britischen ...

Meldung vom 24.06.2019

Molekulare Schere stabilisiert das Zell-Zytoskelett

Forschende des Paul Scherrer Instituts PSI in Villigen haben erstmals die Struktur wichtiger Enzyme in menschl ...

Meldung vom 24.06.2019

Solarium für Hühner - Wie sich der Vitamin-D-Gehalt von Eiern erhöhen lässt

Viele Menschen leiden unter einem Vitamin-D-Mangel. Das kann brüchige Knochen und ein erhöhtes Risiko für A ...

Meldung vom 21.06.2019

Genom der Weisstanne entschlüsselt: Baumart für den Wald der Zukunft

Die Weisstanne ist eine wichtige Baumart im Hinblick auf den Klimawandel. Um sie besser erforschen zu können, ...

Meldung vom 21.06.2019

Künstliche Intelligenz lernt Nervenzellen am Aussehen zu erkennen

st es möglich, das Gehirn zu verstehen? Noch ist die Wissenschaft weit von einer Antwort auf diese Frage entf ...

Meldung vom 21.06.2019

Pilz produziert hochwirksames Tensid

Forschungsteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena entdeckt im Bodenpilz Mortierella alpina eine bisher u ...

Meldung vom 20.06.2019

Zufall oder Masterplan

Gemeinsame Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Max-Planck-Instituts für Ev ...

Meldung vom 20.06.2019

Systeme stabil halten

Sowohl die Natur als auch die Technik sind auf integrierende Feedback-Mechanismen angewiesen. Sie sorgen dafü ...

Meldung vom 19.06.2019

Wie sich Bakterien gegen Plasmabehandlung schützen

Angesichts von immer mehr Bakterien, die gegen Antibiotika resistent werden, setzt die Medizin unter anderem a ...


21.05.2019
Namenlose Fliegen
03.05.2019
Eine Frage der Zeit
24.04.2019
Kraftwerk ohne DNA

06.03.2019
Bindung mit Folgen
16.01.2019
Plötzlich gealtert

19.12.2018
Baum der Schrecken
07.11.2018
Plastik im Fisch
28.09.2018
Gestresste Pflanzen

13.08.2018
Wie Vögel lernen

15.06.2018
Primaten in Gefahr
24.05.2018
Störche im Aufwind
23.05.2018
Kenne Deinen Fisch!
23.05.2018
Leben ohne Altern
23.05.2018
Lebensraum Käse
23.05.2018
Domino im Urwald
23.05.2018
Trend-Hobby Imker
23.05.2018
Wie Bienen riechen

Newsletter

Neues aus der Forschung