Antarktische Seebären: Große Herde erhöht Überlebenschance



Bio-News vom 24.03.2021

Wenn die Population zu klein ist, sterben mehr Jungtiere der Antarktischen Seebären. Das haben Biologinnen und Biologen der Universität Bielefeld in einem Teilprojekt des Transregio-Sonderforschungsbereichs NC³ nachgewiesen.

„Im Sonderforschungsbereich NC³ erforschen wir, wie unterschiedliche Tierarten ihren Lebensraum wählen, sich an die Umgebung anpassen und sie beeinflussen – in unserem Teilprojekt sind das die Antarktischen Seebären “ sagt Professor Dr. Joseph Hoffman, Verhaltensforscher der Universität Bielefeld. „Für die Analysen arbeiten wir mit Daten, die wir auf der Insel Bird Island im Südatlantik erhoben haben.“ In der neuen Studie stellen sie ein bedeutsames Ergebnis zur Entwicklung der Population vor: „Die Population der Antarktischen Seebären ist über die vergangenen 30 Jahre deutlich kleiner geworden. Ebenso können wir belegen, dass in einer kleinen Herde mehr Jungtiere sterben als in einer größeren.“


Publikation:


Rebecca Nagel, Claire Stainfield, Cameron Fox-Clarke, Camille Toscani, Jaume Forcada, Joseph I. Hoffman
Evidence for an Allee effect in a declining fur seal population
Proceedings of the Royal Society B 2021

DOI: 10.1098/rspb.2020.2882

Prof. Dr. Joseph Hoffman und Dr. Rebecca Nagel forschen im Projekt zum individuellen Verhalten der Antarktischen Seebären.
©Foto li.: Universität Bielefeld, Foto re.: Karla Fritze

Für die umfangreiche Datenerhebung verbrachte seine Mitarbeiterin Dr. Rebecca Nagel zweimal fünf Monate auf Bird Island in der Forschungsstation des British Antarctic Survey. „Auf der Insel gibt es zwei Strände, die 200 Meter auseinanderliegen: Ein Strand ist von vielen Seebären besiedelt, auf dem anderen Strand lebt eine deutlich geringere Zahl an Seebären. Die Sterberate der Seebär-Jungtiere am Strand mit der niedrigen Population liegt aktuell bei 32 Prozent, am Strand mit der höheren Population bei 12 Prozent“, sagt Rebecca Nagel.

Raubtiere und Nahrungsknappheit gefährden Leben der Jungtiere

Damit weisen die Forschenden den sogenannten Allee-Effekt auf Bird Island nach. Danach hat eine höhere Populationsdichte einen positiven Einfluss auf das Überleben des Individuums der entsprechenden Art. Dem gegenüber stehen Studien aus den 1980er-Jahren, die besagen, dass in einer größeren Gruppe mehr Jungtiere sterben. „Bei einer höheren Populationsdichte können Jungtiere häufiger zerquetscht werden oder sie erkennen nach der Geburt ihre Mutter nicht wieder und verhungern“, sagt Nagel. „Unsere Studie hat gezeigt, dass die Populationsdichte aber auch nicht zu niedrig sein darf, denn dann ist die Sterberate höher. Das liegt unter anderem daran, dass Raubtiere die Jungen leichter fangen können.“


Das Jungtier des Antarktischen Seebären bleibt zehn Tage nach seiner Geburt auf der Insel zurück, während die Mutter auf Nahrungssuche geht.

Seit den 1980er-Jahren ist die gesamte Populationsrate der Antarktischen Seebären um 30 Prozent gesunken: „Die Weibchen finden weniger Nahrung, wenn sie ihre Jungtiere züchten“, sagt Nagel. „Sie verbringen zunächst um die zehn Tage nach der Geburt mit ihren Jungen auf der Insel, um dann ins Wasser zu gehen und Krill zu jagen. Je länger sie dafür brauchen, desto eher verhungern die Jungen am Strand oder werden von den Riesensturmvögeln geschnappt.“

Anpassungsstrategien der Jungtiere werden analysiert

Rebecca Nagel und ihre Kolleginnen und Kollegen aus Großbritannien und Frankreich waren im Abstand von einem Jahr für ihre Untersuchungen in der Antarktis: Während der ersten Expedition von November 2018 bis März 2019 war insgesamt weniger Nahrung für die Seebären vorhanden; die Mütter waren im Schnitt sieben Tage für die Futtersuche unterwegs. Zur Zeit der zweiten Expedition von Dezember 2019 bis April 2020 gab es durchschnittlich gesehen eine große Menge Krill in der Nähe der Insel, die Mütter mussten für vier Tage auf Jagd gehen. „Je länger die Jungen allein gelassen werden, desto schwieriger ist es für sie, zu überleben“, sagt Nagel. „Eine Überlebensstrategie für die Jungtiere könnte sein, dass sie sich mehr bewegen, um weniger angegriffen zu werden.“ Um zu erfahren, wie stark die Situation die Jungtiere belastet, werten die Forschenden derzeit Blutproben der Tiere auf vermehrte Stresshormone aus.

In den Ergebnissen zu der Populationsdichte sehen die Forschenden einen direkten Bezug zum Klimawandel. „Je weniger Krill es gibt, desto weniger Seebären können überleben. Den Riesensturmvögeln geht es aktuell gut, aber wenn immer weniger Seebären überleben, wird es auch bei den Sturmvögeln einen Rückgang in der Population geben“, so Nagel. „Um Bird Island zu erreichen, ist eine dreitägige Schifffahrt von den Falkland-Inseln aus nötig. Hier treffen wir auf die Wildnis mit Pinguinen, Walen und Seebären und dennoch haben wir Menschen auch hier einen so großen Einfluss auf die Natur.“



Diese Newsmeldung wurde mit Material der Universität Bielefeld via Informationsdienst Wissenschaft erstellt

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