Zweifel

Zweifel (mittelhochdeutsch zwîvel, althochdeutsch zwîval aus germanisch twîfla, „doppelt, gespalten, zweifach, zwiefältig“) ist ein Zustand der Unentschiedenheit zwischen mehreren möglichen Annahmen, da entgegengesetzte oder unzureichende Gründe zu keinem sicheren Urteil oder einer Entscheidung führen können.[1] Er wird auch als Unsicherheit in Bezug auf Vertrauen, Handeln, Entscheidungen, Glauben oder Behauptungen bzw. Vermutungen interpretiert. So definiert der Duden Zweifel als „Bedenken, schwankende Ungewissheit, ob jemandem, jemandes Äußerung zu glauben ist, ob ein Vorgehen, eine Handlung richtig und gut ist, ob etwas gelingen kann o. Ä.“[2] Skepsis (griech. sképsis = Betrachtung; Bedenken, zu: sképtesthai = schauen, spähen; betrachten) bezeichnet dagegen Bedenken durch kritisches Zweifeln.[3]

Rudolf Eislers Wörterbuch der philosophischen Begriffe definierte 1904:

„Zweifel (dubium, dubitatio) ist der (gefühlsmäßig charakterisierte) Zustand der Unentschiedenheit, des Schwankens zwischen mehreren Denkmotiven, deren keines das volle Übergewicht hat, so daß das Denken nicht durch objective Gründe bestimmt werden kann. Während der Skepticismus (s. d.) den absoluten Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zum Princip macht, besteht der methodische Zweifel (doute méthodique) in der provisorischen Bezweiflung von allem, was noch nicht methodisch-kritisch festgestellt, gesichert erscheint.“

Rudolf Eisler[4]

Etymologie

Das Wort Zweifel (althochdeutsch zwival, gotisch Zweifls) stammt von der Kompositionsform twi ‘zwei’, und dem Suffix -falt, das etymologisch mit dem heutigen Wort Falte gleichzusetzen ist. Dies führte zur Wortbedeutung „zwiespältig“.[5] Skepsis insbesondere für Bedenken, mißtrauische Vorsicht’ ist eine Übernahme aus griechisch sképsis (σκέψις) ‘Betrachtung, Überlegung, Untersuchung’, zu griechisch sképtesthai (σκέπτεσθαι) ‘umherschauen, sich umsehen, spähen, betrachten, erwägen, prüfen’, die erstmals vereinzelt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert nachgewiesen wurde und seit dem 19. Jahrhundert geläufig ist. Das Adjektiv skeptisch für ‘zweifelnd, bedenklich, mißtrauisch, kühl abwägend’ wurde im 18. Jahrhundert von griechisch skeptikós (σκεπτικός) ‘nachdenkend, überprüfend’ entlehnt; das Substantiv Skeptiker für jemanden, ‘wer zweifelt, immer mißtrauische Vorbehalte hat. Anhänger oder Vertreter des Skeptizismus wurden seit dem 17. Jahrhundert als Vertreter agnostizistischer philosophischer Richtungen betrachtet. Bereits seit dem 16. Jahrhundert nannte man diese in deutschen Texten in der latinisierten Form Scepticus, Anfang des 18. Jahrhundert wurde der Ausdruck zu Skeptiker eingedeutscht.[6]

Bewertung

In der voraufklärerischen Werteordnung galt Zweifel sowohl als Sünde (Desperatio) wie auch als Übel, das schnell beseitigt werden sollte und als Dauerzustand zur Verzweiflung führe. Seit der Aufklärung erhielt der Zweifel eine Aufwertung und gilt seither als Voraussetzung allen Erkenntnisfortschritts. Erkenntnistheoretiker weisen darauf hin, dass die Bedingung der Möglichkeit von Zweifel der Glaube an (eine) Wahrheit ist. Insbesondere Descartes erhob den Zweifel als philosophische Methode, die er in seinem Werk Discours de la méthode postulierte.

Nach Charles S. Peirce - Begründer des Pragmatizismus - ist „die Erregung des Zweifels das einzig unmittelbare Motiv für den Kampf um die Überzeugung“.[7] Damit ist gemeint, dass die Überzeugung eine Handlung hervorruft, die unsere Wünsche befriedigt. Wenn eine andere Überzeugung auftritt, die eben nicht die Wünsche befriedigt, dann tritt der Zweifel in Aktion, der die unerwünschte Überzeugung ablehnt, sprich bezweifelt. Darum bezeichnet Peirce auch, dass der Zweifel ein „Unbehagen und eine Unzufriedenheit“ ausdrückt, wovon man sich befreien will, um zur „Ruhe und Zufriedenheit“ (Überzeugung) zu gelangen.

Im wissenschaftlichen, philosophischen und praktischen Denken der Gegenwart spielt der Zweifel eine wichtige Rolle, weil er allein das Denken in Bewegung hält. Ohne Zweifeln sei keine Erkenntnis möglich.

Siehe auch

  • Ambivalenz
  • Cogito ergo sum
  • Skeptizismus
  • In dubio...

Literatur

  • Richard Hönigswald, Die Skepsis in Philosophie und Wissenschaft, 1914, Neuausgabe (hrsg. und Einleitung von Christian Benne and Thomas Schirren), Göttingen: Edition Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-7675-3056-0
  • Odo Marquard: Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Reclam, Stuttgart 1994.
  • Andreas Urs Sommer: Die Kunst des Zweifelns. Anleitung zum skeptischen Philosophieren, C. H. Beck, München 2007, 2. Aufl., Sonderausgabe 2008.
  • Elisabeth Walther (Hrsg.): Die Festigung der Überzeugung und andere Schriften. Ullstein, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-548-35230-8.
  • Bertolt Brecht, Gedicht: Der Zweifler.

Weblinks

Wikiquote: Zweifel – Zitate
Wiktionary: Zweifel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Zweifel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Pierer's Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 760-761. hier online auf zeno.org
  2. Zweifel in duden.de, abgerufen am 6. November 2012
  3. Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 6., überarbeitete Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 2007. hier online auf duden.de
  4. Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 856-857. hier online auf zeno.org
  5. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen nach Pfeifer, online auf DWDS
  6. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen nach Pfeifer, online auf DWDS
  7. Charles Sanders Peirce: Die Festigung der Überzeugung und andere Schriften

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