Zivilisationsökologie

Zivilisationsökologie ist die interdisziplinäre Wissenschaft vom Umweltschutz. Im englischsprachigen Raum entsprechen der Bezeichnung in etwa „ecology of civilization“ und „social ecology“.

Geschichte

Nach dem ersten Bericht über Die Grenzen des Wachstums (1972) des Club of Rome erschienen in Deutschland politische Bücher wie „Ein Planet wird geplündert“ von Herbert Gruhl und „Leben und Überleben / Einführung in die Zivilisationsökologie“ von Harald Stumpf – letzteres mit teilweise wissenschaftlichem Anspruch, allerdings in einem rechtslastigen Verlag. Zivilisationsökologische Ansätze wurden daraufhin vor allem in den Geo- und Biowissenschaften, z. B. von Hartmut Leser und D. Panzer an der Universität Basel sowie im Tübinger Universitätsinstitut für Pflanzenphysiologie u. a. von Helmut Metzner weiterverfolgt.

In den ersten Arbeiten trat der negative Ausgangspunkt der Zivilisationsökologie sehr deutlich zutage: die Umweltbelastung einerseits und die Endlichkeit an verfügbarer Natur in Form von Rohstoffen, billiger Energie und Freiraum. Die seit den 1970er Jahren in Deutschland zunächst in Form von örtlichen Bürgerinitiativen entstandene Umweltbewegung organisierte sich zunehmend in auch überörtlich politisch tätigen Umweltverbänden und trug stark zur öffentlichen Sensibilisierung für den Umweltschutz bei. Zur unabhängigen Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen wurden private Forschungseinrichtungen wie 1977 das Öko-Institut e. V. gegründet. Weitere Gründungen von Forschungseinrichtungen in öffentlicher Trägerschaft wie z. B. das Wuppertal Institut GmbH folgten.

Der 1980 unter dem Titel „Global 2000“ erschienene Bericht an den US-Präsidenten bestätigte viele der Befürchtungen im weltweiten Maßstab. Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung wirkten die teils vehement geführten öffentlichen Diskussionen allerdings erschwerend. Mit der zunehmend differenzierteren Kenntnis der Umweltbelastungen, ihrer Ursachen und entsprechender Vermeidungsstrategien entwickelte sich die Zivilisationsökologie mit ihren gezielten Beiträgen zur Umweltplanung zu einer Vielzahl angewandter Wissenschaftszweige. Entsprechend ihrem Gegenstand ist sie heute die Querschnittswissenschaft vom Umweltschutz.

Dabei stand und steht die Umwelttechnik als marktwirtschaftlich einsetzbares Hilfsmittel oft im Vordergrund der Betrachtung, obwohl sich in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts herausgestellt hat, dass durch den bloßen Einsatz von Umwelttechnik vor allem Problemverlagerungen erzielt wurden (z. B. von den Rauchgasfiltern zum Treibhauseffekt, von den Kfz-Katalysatoren zum Verkehrsdilemma, von der Müllverbrennung zum globalen Ressourcenraubbau). Allein mit dem Element Technik, das lediglich dem Zivilisierungssystem immanent ist, lassen sich die Probleme, die dieses System mit seiner natürlichen Umwelt hat, offenbar nicht lösen. Vielmehr sind an der zivilisatorischen Grundhaltung moderner Gesellschaften auch ethisch begründete Korrekturen vorzunehmen wie sie Hans Jonas oder Klaus Michael Meyer-Abich vorschlagen.

Herausforderungen der Gegenwart

Die oft in Vergessenheit geratenen Naturpotenziale können weit leistungsfähiger sein als technische Potenziale, zumal letztere allesamt vollständig von Naturpotenzialen abhängig sind. Wesentlich für die Verminderung der Umweltbelastungen sind die natürlichen Regenerationspotenziale von Ökosystemen als quasi kostenlose Ausgleichsleistungen bezüglich Umweltbelastungen. Allerdings sind die sogenannten Senken auch nicht unbegrenzt. Und die Senkung (z. B. der Konzentration eines Treibhausgases) ist auch nicht ohne Auswirkungen, die sich im ökonomischen System wiederum als Kosten niederschlagen. In der direkten Betrachtung tritt diese Multifunktionalität der Natur nicht erkennbar in Erscheinung. D.h. in den Ökotopen können zwar Rohstoffpotenziale, z. T. auch Informationspotenziale (z. B. in der Genetik) erkannt werden. Das Erkennen (und Anerkennen der Bedeutung) der Regenerationspotenziale bedarf jedoch meist des Rückgriffs auf den funktionalen Gesamtzusammenhang im Zivilisationsökosystem-Modell:

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Modell des Zivilisationsökosystems


Eine umweltverträgliche Form der Zivilisation macht sich nach dem „Jiu-Jitsu-Prinzip“ (Vester, 1980) die vorhandenen Naturpotenziale zunutze, anstatt sie mit technischen Krücken ersetzen zu wollen. Langfristiges Ziel ist die Vermeidung von Umweltbelastungen und das Auskommen ohne fossile Energieträger und ohne Massenausbeutung mineralischer Rohstoffe. Für den Übergang sind gegenwärtig passende Übergangstechnologien, die Ausweitung der Zivilgesellschaft und die Einübung von Verhaltensänderungen notwendig. Einerseits ist zu erkennen, dass bereits entstandene Umweltschäden nachhaltig negative Auswirkungen haben und weiter haben werden (z. B. FCKW in der Atmosphäre, Klimaveränderungen, Artensschwund), andererseits sind für eine positive nachhaltige Entwicklung auf dem ‚Raumschiff Erde‘ die Notwendigkeiten, die Chancen und die Zeithorizonte für Maßnahmen und Übergangstechnologien zu erkunden. Bewusstseins- und Verhaltensänderungen, höhere Technikeffizienz und Prozessoptimierungen, Wohlstandsmehrung bei gleichzeitiger Stoffstromminimierung sind nur einige der anstehenden Herausforderungen – besonders für die Umweltpolitik-Beratung, den Umwelt-Markt und die pragmatische Umweltberatung für die Verbraucher. Das bisherige Verbrauchsverhalten ist zu einem Gebrauchsverhalten weiterzuentwickeln bei dem sich der Einzelne als in der Nutzer-Position innerhalb eines Dienstleistungssystems sieht und bewusst verhält. Das dazu notwendige Wissen wird durch zivilisationsökologische Forschung zur Verfügung gestellt.

Methodik und Abgrenzung

Methodisch nimmt die Zivilisationsökologie sozial- und kulturwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche theoretische Grundlagen auf, um bezüglich des Schutzes der zivilisatorisch veränderten und sich weiter verändernden Umwelt wissenschaftliche Beiträge zu leisten mit dem Ziel einer Optimierung menschlich zivilisierten Daseins auf der Erde.

Neben den überwiegend naturwissenschaftlich arbeitenden Disziplinen Geoökologie und Bioökologie, in denen natürliche Teilsysteme untersucht werden, geht die Zivilisationsökologie als dritte spezialisierte Teildisziplin der Ökologie vom Wirken der Menschen und den technisch bedingten Veränderungspotenzialen aus und bezieht die damit verbundenen Umweltbelastungen in ihre Untersuchungen mit ein. Im methodologischen Vordergrund stehen die spezifisch ökologischen Methoden mit Vernetzungscharakter, insbesondere die systematische Erfassung von funktionalen Zusammenhängen oder Prozessabläufen in Organigrammen. Dabei wird ein umfassendes Grundmodell des globalen Zivilisationsökosystem zu Grunde gelegt.

Im Unterschied zur Humanökologie, die eine überwiegend humanmedizinische und damit systemimmanente Perspektive hat, werden in der Zivilisationsökologie aus einer Außenperspektive kybernetische Modelle gebildet, um Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu erfassen. Reduktionen auf abstrakte „Mensch-Umwelt-Beziehungen“, wie sie v.a. in der Humanökologie in englischsprachigen Ländern häufig zu finden sind, sind dazu nicht hinreichend.

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Einordnung und Abgrenzung der Zivilisationsökologie


Zivilisationsökologie als angewandte Wissenschaft

Ausgehend von konstatierten Umweltbelastungen und Konfliktkonstellationen geht die angewandte Zivilisationsökologie quasi therapeutisch vor. Ihr Anliegen ist das Finden von Lösungen für Umweltprobleme. Das erfordert eine polykausale Methodik zum Auffinden der Ursachenzusammenhänge über das Vorschlagen von ethisch vertretbaren Lösungswegen und politisch umsetzbaren Vorgehensweisen bis hin zu pragmatischen Durchsetzungsstrategien zur ökonomischen Vermeidung oder Verminderung von Umweltbelastungen.

Die Agrarökologie ist als die Lehre von den energetischen, stofflichen und informatorischen Wechselbeziehungen zwischen der Agrarwirtschaft (Landbau, Nutztiere, Nutzpflanzen, Lebensmittellogistik, Nahrungsmittelindustrie), den übrigen Lebewesen der Agrarlandschaft und der Kompartimente des Geosystems eine Teildisziplin der Zivilisationsökologie. Weitere Teildisziplinen sind die Siedlungsökologie, die Landschaftsökologie und die Stadtökologie. Sie befassen sich mit den Wechselwirkungen menschlicher Behausungen, Siedlungen, Betriebe und Anlagen oder industriellen Ballungsgebieten und deren Umwelt.

Literatur

  • G.H. Schwabe: Hochzivilisation in ökologischer Sicht (Versuch einer Kritik von außen). Aus der Hydrobiologischen Anstalt der Max-Planck-Gesellschaft. Plön, September 1958.
  • H. Stumpf: Leben und Überleben. Einführung in die Zivilisationsökologie. Seewald 1977, ISBN 3-512-00456-3
  • Ch. Hannß: Zivilisationsökologie. Skript zur Vorlesung am Geografischen Institut der Universität Tübingen, 1986.
  • L. Bölkow, S. Hartmann: Ökologie und ihre biologischen Grundlagen: Zivilisationsökologie I-IV. Hg.: Europäische Akademie für Umweltfragen, Tübingen, 1985 ff.
  • H. Leser, B. Streit, H.-D. Haas: Diercke-Wörterbuch Ökologie und Umwelt. Stuttgart, DTV Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993, ISBN 3-423-03419-X
  • D. Meadows et al. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart.
  • D. Meadows, D. Meadows: Die neuen Grenzen des Wachstums. Stuttgart, 1992.
  • T. Schäfer: Grundbaustein Ökologie. VHS Tübingen, 2001.
  • Global 2000 – Bericht an den Präsidenten der USA, 1980.
  • F. Vester: Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. Stuttgart, DVA, 1980. (12. Auflage, dtv, München, 2002, ISBN 3-423-33001-5
  • R. Schneider-Sliwa, D. Schaub, G. Gerold (Hrsg.): Angewandte Landschaftsökologie: Grundlagen und Methoden (= Festschrift für Professor Dr. Hartmut Leser zum 60. Geburtstag) mit einer Einführung von Klaus Töpfer. Berlin u. a., Springer, 1999, ISBN 3-540-65938-2
  • W. Günzl: Politische Ethik und Naturerkenntnis. Cuvillier 2006. ISBN 3-86537-980-X

Weblinks


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