Springender Punkt

Der Ausdruck springender Punkt wurde ursprünglich zur Bezeichnung eines biologischen Phänomens geprägt. Das punctum saliens oder der springende Punkt ist in diesem Sinn ein pulsierender roter Fleck, der beispielsweise im befruchteten Hühnerei etwa am vierten Tage der Bebrütung mit bloßem Auge zu erkennen ist, als erstes auffälliges Zeichen des Lebens: die Herzanlage des Embryos wird sichtbar, ihre physiologische Funktion macht sich bemerkbar.

Die Bezeichnung geht auf Aristoteles zurück, der in seinen tiergeschichtlichen Ausführungen die Entwicklung im Vogelei beschreibt und in diesem Zusammenhang von einem blutigen Punkt „στιγμὴ αἱματίνη stigmē haimatinē“ spricht, welcher hüpft „πηδᾷ pēda“.

„καὶ ὅσον στιγμὴ αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία. Τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ καὶ κινεῖται ὥσπερ ἔμψυχον, …“

„und ähnlich einem blutigen Fleck in dem Weißen [erscheint] das Herz. Aber dieses Mal daher hüpfend und bewegt gleich wie beschenkt mit Leben, …“

Aristoteles: Geschichte der Tiere (De Historia Animalium), Buch VI, Kapitel 3[1]

In weiterem metaphorischen Gebrauch hat sich daraus eine Redewendung gebildet, nach der ein springender Punkt das Herz eines Projektes darstellt, beziehungsweise den Kern einer Darstellung zeigt oder den entscheidenden Aspekt einer Fragestellung vorstellt: „Da ist es“.

William Harvey, mit seinem 1628 in Frankfurt/Main erschienen Werk Exercitatio Anatomica de Motu Cordis et Sanguinis in Animalibus (Anatomische Studien über die Bewegung des Herzens und des Blutes in Tieren) der Entdecker des Blutkreislaufs, beschreibt in Exercitationes de Generatione Animalium (Studien über die Erzeugung der Tiere) 1651 das biologische Phänomen so:

„Wenn du es so am vierten Tage untersuchst, wird die Metamorphose schon größer erscheinen, und die Umwandlung bewundernswürdiger; und sie wird beinahe mit jeder einzelnen Stunde dieses Tages augenscheinlicher; um diese Zeit findet im Ei der Übergang vom pflanzlichen Leben zum tierischen Leben statt. Jetzt nämlich errötet der Saum von Eiweiß, eine dünne Linie blutig purpurfärbend: und nahezu in dessen Mitte schnellt ein blutiger Punkt springend hervor: so winzig, dass er im Moment seiner Diastole, wie das kleinste Feuerfünkchen, hervorleuchtet; und dann, in der Systole, dem Blick wieder völlig entflieht und verschwindet. So wenig ist der Beginn tierischen Lebens, so sehr unerblickt die Anfänge, die von der schöpfenden Kraft der Natur zustande gebracht werden!“
(»Quarto itaque die si inspexeris, occurret jam major metamorphosis, & permutatio admirabilor; quae singulis fere illius diei horis manifestior fit; quo tempore in ovo, de vita plantae, ad animalis vitam fit transitus. Iam enim colliquamenti limbus linea exili sanguinea purpurascens rutilat: ejusque in centro fere, punctum sanguineum saliens emicat: exiguum adeo, ut in sua diastole, ceu minima ignis scintillula, effulgeat; & mox, in systole, visum prorsus effugiat, & dispareat. Tantillum nempe est vitae animalis exordium, quod tam inconspicuis initiis molitur plastica vis Naturae!«) Nach: Gulielmi Harvei, Opera II, Exercitationes de Generatione Animalium, Leyden 1737, S. 66.

Anmerkungen

  1. zitiert nach Wikisource Των Περί τα Ζώια Ιστοριών

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