Onychonycteris finneyi

Onychonycteris finneyi
Zeitraum
Unteres Eozän
52,5 Mio. Jahre
Fundorte

Wyoming, USA (Green-River-Formation)

Systematik
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Fledertiere (Chiroptera)
Unterordnung: Fledermäuse (Microchiroptera)
Familie: Onychonycteridae
Gattung: Onychonycteris
Art: Onychonycteris finneyi
Wissenschaftlicher Name
Onychonycteris finneyi
Simmons, Seymour, Habersetzer & Gunnell, 2008

Onychonycteris finneyi („Krallenfledermaus“) ist der Name einer fossilen, etwa handtellergroßen Fledermausart aus dem Eozän, deren Alter auf 52,5 Millionen Jahre datiert wurde. Aufgrund der anatomischen Besonderheiten des Holotypus konnte erstmals sicher der Nachweis geführt werden, dass die frühen Vorfahren der heutigen Fledermäuse zunächst fliegen konnten und danach erst die Fähigkeit zur Echoortung entwickelten.[1] Der Fund gilt als das älteste bisher bekannte Fossil einer Fledermaus.

Etymologie

Der Name der erstmals 2008 in der Fachzeitschrift Nature beschriebenen Gattung ist abgeleitet von grch. onycho (= mit Krallen versehen) und nycteris (= Fledermaus); er hebt darauf ab, dass an allen fünf Fingern des Tieres lange Krallen vorhanden sind. Das Art-Epitheton ehrt Bonnie Finney, die den Holotypus – ein vollständiges Skelett – am 21. August 2003 im Finney-Steinbruch, Lincoln County, im US-Bundesstaat Wyoming barg. Der Fundort gehört zur Green River Formation, der Holotypus wird im Royal Ontario Museum unter der Archivnummer ROM 55351A,B verwahrt.

Besonderheiten

Ein anatomisches Merkmal, das weder bei den etwas jüngeren Messel-Fledermäusen Archaeonycteris und Hassianycteris noch bei später entwickelten oder heutigen Exemplaren zu finden ist, sind die Krallen an allen fünf Fingern. Außer Onychonycteris weisen alle bisher bekannten Fledermäuse lediglich ein (Fledermäuse, Microchiropter) bis maximal zwei (Flughunde, Megachiroptera) Finger auf. Jörg Habersetzer vom Forschungsinstitut Senckenberg, einer der Co-Autoren der Erstbeschreibung, vermutet daher, dass Onychonycteris ein geschickter Kletterer war und – wie seine heutigen Nachfahren – nachts kopfüber im Geäst hängen konnte. Onychonycteris finneyi hatte relativ kurze Flügel, im Vergleich zu heutigen Fledermäusen sehr lange Hinterbeine und eine Flughaut zwischen den Hinterbeinen und der Schwanzwirbelsäule. Das Flügelskelett wie auch die Form von Brustkorb und Schwanz lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass diese Art über lange Strecken hinweg fliegen konnte, jedoch wahrscheinlich eher mit starkem Flattern, wobei die Flughaut als stabilisierendes „Segel“ diente.[2] Aus der Bezahnung lässt sich ferner ableiten, dass Onychonycteris finneyi Insekten im Jagdflug erbeutet hat.

Höchstauflösende Röntgenaufnahmen der Gehörschnecken im Innenohr von Messel-Fledermäusen wie Archaeonycteris und Hassianycteris weisen – wenn auch weniger perfektioniert als bei den meisten heutigen Fledermäusen – auf eine bereits vor 47 Millionen Jahren ausgebildete Echoortung mit Ultraschalllauten hin. Die im Magenbereich der Messel-Fledermäuse nachgewiesenen fossilen Nahrungsreste zeigen zudem, dass diese Vorfahren heutiger Fledermäuse sich ausschließlich von Insekten ernährt haben. Auch wenn das Gebiss von Onychonycteris finneyi ebenfalls Rückschlüsse auf einen Insektenfresser zulässt, schließen vergleichende Mikro-Röntgenaufnahmen eine Echoortung von Beuteinsekten durch Ultraschalllaute für Onychonycteris aus. Die gewonnenen Erkenntnisse – eine sehr kleine Gehörschnecke – sprechen dafür, dass die Fledermäuse das Fliegen vor der Echoortung mit Ultraschalllauten entwickelt haben. Die Größe der Hörschnecke ähnele der von Flughunden, den früchtefressenden Verwandten der Fledermäuse, die nicht über die Fähigkeit zur Echoortung verfügen.

Damit scheint eine jahrelange wissenschaftliche Streitfrage geklärt worden zu sein: die Frage, ob sich bei Fledermäusen zuerst das Echoortungssystem entwickelte oder die Fähigkeit zum Fliegen.[3] John Speakman, Lehrstuhlinhaber für Zoologie an der Universität Aberdeen, rekonstruiert die Evolution der Fledermäuse dahingehend, dass diese Tiere zunächst tagaktiv waren und sich erst unter dem Druck durch Greifvögel zunehmend auf nächtlichen Beutefang verlegten. Parallel dazu habe sich die Echoortung entwickelt. [4]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Nancy B. Simmons et al.: Primitive Early Eocene bat from Wyoming and the evolution of flight and echolocation. In: Nature. Band 451, 2008, S. 818–821, doi:10.1038/nature06549, ISSN 0028-0836
  2. Neues aus der Evolutionstheorie: Versteinerte Fledermaus löst Rätsel. In: taz vom 15. Februar 2008
  3. www.wissenschaft-online.de Orientierungslos: Fossile Fledermaus flog ohne Echolot
  4. abdn.ac.uk (PDF) John R. Speakman: The evolution of flight and echolocation in bats: another leap in the dark. In: Mammal Review. Band 31, Nr. 2, 2001, S. 111–130

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