Ohrloch

Dieser Artikel beschreibt ein aus kosmetischen Gründen angelegtes Loch in der Ohrmuschel; der Begriff wird auch für die Öffnung des äußeren Gehörgangs verwendet.
Diverse Ohrpiercings

Ein Ohrloch ist ein durch die Ohrmuschel gestochener Kanal, der meist dem Tragen von Schmuck wie beispielsweise Ohrringen dienen soll. Ohrlöcher werden zumeist als sogenanntes Lobe-Piercing durch das weiche Ohrläppchen gestochen.

Arten

Verschiedene Piercings im Ohr
  • Helix: Piercing durch das Knorpelgewebe der Ohrkante (1).
  • Industrial-Piercing: Hierbei wird ein Barbell in zwei gegenüberliegende Helix-Piercings eingeführt (2).
  • Rook: Piercing durch die Anti-Helix (3).
  • Daith: Piercing durch die waagerechte Auswölbung in der Ohrmuschel (4).
  • Tragus: Piercing durch den Knorpelfortsatz am Eingang des Gehörkanals (5).
  • Snug: Piercing durch die innere Knorpelauswölbung parallel zur Ohrkante (6).
  • Conch: Piercing durch die Ohrmuschel (7).
  • Anti-Tragus: Piercing durch den dem Tragus gegenüberliegenden Knorpelfortsatz (8).
  • Lobe: Klassisches Piercing durch das Ohrläppchen (9).

Methodiken des Stechens

„Ein eitles Mädchen lässt sich Ohrenlöchelchen stechen“ (aus einem Schulbuch von 1810)

Trotz der zunehmenden Verbreitung besserer Techniken, die im folgenden auch erläutert werden sollen, werden Ohrlöcher heutzutage meist noch mit einer Pistole genannten Vorrichtung gestochen. Dazu wird ein aus Chirurgenstahl bestehender Ohrstecker in die Pistole eingelegt. Dieser Ohrstecker wird mittels einer Feder beschleunigt und durchsticht das Ohrläppchen. Hinter dem Ohr rastet er in einem Verschluss ein. Diese Methode ist jedoch sehr umstritten. Sie belastet einerseits das Gewebe und birgt gewisse Risiken zur Infektion. Wenn überhaupt sollte diese Methode nur bei Ohrläppchen angewendet werden, da anderes Gewebe zu viel Widerstand bietet und zu Komplikationen führen kann.

Eine Weiterentwicklung der Pistole, die jene zunehmend verdrängt, sind vollverkapselte, sterile Systeme, bei denen der Ohrstecker ohne Federdruck, nur durch die Muskelkraft der Hand, welche das Gerät bedient, sanft und schonend durch das Ohrläppchen gedrückt wird. Obgleich die Gewebebelastung hierbei geringer ist als bei den Federdruckpistolen, sollte auch diese Methode nur am Ohrläppchen angewandt werden. Obwohl die Stechgeschwindigkeit geringer ist, empfinden die meisten Personen diese neuere Methode als angenehmer. Beispiele solcher Geräte sind das "Inverness 2000" oder das "Studex 75". Die medizinischen Ohrstecker, die bei diesen Systemen zum Einsatz kommen, haben in der Regel etwas dünnere Durchsteckstifte (0,9 statt 1,2 mm), als die älteren (bei den Pistolen üblichen) Modelle, was kleinere Löcher zur Folge hat. Neben den ästhetisch nicht sonderlich ansprechenden Steckern aus Chirurgenstahl sind auch Modelle aus Gold, Titan und anderen Materialien erhältlich, in unterschiedlichen Größen und mit verschiedenstem Design.

Stechen mit Hohlnadel beim Piercer, mit Verwendung eines sterilisierten Korkens als Verletzungsschutz

Auch Einwegstechsysteme, die zunehmend Verbreitung finden, sind Varianten dieser vollverkapselten Systeme. Hierbei befindet sich der Stecker in einer sterilen Einweg-Kunststoff-Kassette, auf die Druck ausgeübt wird; worauf die Hülse, die am Ohrläppchen angesetzt wird, zerbricht, und der Stecker durch das Ohrläppchen gepresst wird. Diese Systeme eignen sich insbesondere zum Selbststechen von Ohrlöchern, werden aber auch teilweise von Juwelieren und Friseuren verwendet.

In der Vergangenheit wurden Ohrlöcher häufig, meist nach Betäubung mit Eiswürfeln, mit haushaltsüblichen Nadeln (für gewöhnlich dicke Nähnadeln oder Stopfnadeln) gestochen. Oftmals geschah dies unter Verwendung eines jeweils hinter das Ohrläppchen gehaltenen halbierten Apfels, einer ebensolchen Kartoffel, eines Korkens oder eines Stücks Seife, um für den nötigen Gegendruck zu sorgen, der bei Verwendung solcher vergleichsweise stumpfer Nadeln (verglichen etwa mit der Hohlnadel beim Piercer, oder Kanülen im Allgemeinen) entsprechend groß sein muss. Sofern eine Desinfektion durchgeführt wurde diente hierzu meist hochprozentiger Trinkalkohol wie Korn oder Wodka. Die Nadel wurde teilweise durch Erhitzen in einer Kerzenflamme sterilisiert. Dies war jedoch nur erfolgreich, wenn die Nadel bis zur Rotglut erhitzt wurde, ansonsten kann nicht von einer vollständigen Abtötung aller Erreger - einschließlich Sporen - ausgegangen werden. Bei diesen Temperaturen (über 500 °C), die nur im blauen Bereich der Kerzenflamme erreich werden können, oxidiert jedoch die Nadel. Dadurch wird sie stumpf und ihre Oberfläche wird rau, matt und verfärbt sich dunkel. Aus diesem Grunde hielt man die Nadel meistens nur in den gelben Teil der Flamme, und wischte anschließend den sich daran absetzenden Ruß, gegebenenfalls mit etwas Alkohol, ab. Eine weitere, seltenere Variante war es, die Nadel bis zur höchstmöglichen Temperatur zu erhitzen und, möglichst noch immer glühend, durch das Ohr zu stechen. Dadurch konnte die abgestumpfte Spitze teilweise kompensiert werden, die entstehenden Verbrennungen sind jedoch - entgegen dem damaligen Glauben - in Bezug auf Infektionsgefahr und Heilungsdauer nicht von Vorteil, sondern erhöhen sogar das Komplikationsrisiko und sind darüber hinaus schmerzhaft. Eine weitere Variante wird von Sinti und Roma berichtet, die zur Betäubung vor dem Stechen Brennnesselblätter verwendeten. Zudem benutzten sie oft eine Nähnadel zum Stechen, mit der ein dicker, oder mehrfach verzwirbelter, Faden ins Ohr gefädelt und während der Abheilung darin belassen wurde. Die Verwendung eines Fadens oder eines Drahtes zum Offenhalten des Ohrlochs bis zur Abheilung war allgemein bis Ende des 19. Jahrhunderts in Europa weithin gängige Praxis, und wird in der Dritten Welt oft noch heute so praktiziert, wenn die Menschen - in der Regel aus Armut - noch keine Ohrringe besitzen. Die Verwendung eines Fadens ist sehr kritisch zu sehen, da sich zwischen den Fasern des Garns leicht Talg und Wundsekret ansammeln und somit Bakterien einnisten können.

Die sicherste, wenn auch teuerste Methode ist das Piercen. Hier wird das Loch mit einer sterilen Hohlnadel gestochen, mit deren Hilfe man dann den Schmuck in das Loch einfädelt. Obwohl es nicht so schlimm ist, wie es ungepiercte Personen meist vermuten, ist das Stechen mit der Nadel doch etwas schmerzhafter als die Pistole oder die vollverkapselten Stechsysteme. Für die beliebten Löcher im oberen Teil des Ohres (Helix), oder im Tragus, sowie an allen anderen Stellen außer dem Ohrläppchen, ist diese Methode die erste Wahl.

Durchmesservergrößerung

Auf 11 Millimeter gedehntes Ohrloch

Viele Naturvölker verwenden Knochennadeln oder spitze Hartholzaalen, teilweise auch Dornen, um Ohrlöcher und andere Piercings zu stechen. Häufig werden diese Löcher (besonders Lippenpiercings und Ohrlöcher) ein Leben lang gedehnt, wodurch aus den Ohrläppchen sehr große Schlaufen werden.

In der Zivilisation gibt es noch alternative Methoden, um zu großen bis sehr großen Ohrlöchern zu kommen. Neben dem langwierigen Dehnen von verheilten Stichkanälen kann auf die Methode des Dermal Punch zurückgegriffen werden. Beim Punchen wird mit einer Hautstanze ein zumeist kreisrundes Stück aus dem Gewebe ausgestanzt. Anstelle von kreisrunden Stanzen können auch anders geformte Stempel zum Einsatz kommen. So wurden beispielsweise vom englischen Körpermodifikations-Künstler Steve Haworth schon sternförmige Punches im Ohrknorpel durchgeführt. Von der Form des Loches unabhängig ist dies zwar kaum schmerzhafter als ein Piercing mit einer Nadel, es kommt jedoch häufig zu höherem Blutverlust. Durch Dermal Punching entstandene Löcher heilen in der Regel sehr gut und schnell ab. Diese Methode eignet sich insbesondere für Knorpelgewebe, da für ein sauberes Ergebnis ein gewisser Gewebewiderstand vorhanden sein muss. Obwohl es auch im Ohrläppchen angewandt wird ist dies nicht unbedingt zu empfehlen.

Im Ohrläppchen (und teilweise auch an der Lippe, dem Bauchnabel oder anderen Stellen an denen weiches Gewebe durchstochen wird) kann auch Scalpelling angewandt werden. Hierbei wird mit einem Skalpell ein Schlitz ins Ohrläppchen geschnitten, durch den ein konischer Taper aus Chirurgenstahl geschoben wird. Am hinteren Ende des Tapers befindet sich der Schmuck, meist Flesh Tunnels oder Plugs. Auch das Verbinden von zwei gedehnten Ohrlöchern in einem Ohrläppchen zu einem großen Loch wird praktiziert, indem der Steg zwischen den Löchern weggeschnitten wird. Bei einer starken Vergrößerung bereits vorhandener Ohrlöcher wird meist ein halbkreisförmiges Gewebestück aus dem Ohrläppchen herausgeschnitten.

Nach dem Stechen

Nach dem Stechen verbleibt der Schmuck bis zur vollständigen Heilung in der Wunde, was einige Wochen bis Monate dauern kann. Es bildet sich ein Hautschlauch, das eigentliche Ohrloch, der auf beiden Seiten mit der Außenhaut verbunden ist.

Nach der Abheilung kann das Lobepiercing vorsichtig geweitet werden, um Schmuck mit größerem Durchmesser einsetzen zu können.

Bei längerem Tragen schwerer Ohrringe können die Ohrlöcher ausreißen, wodurch „geschlitzte Ohrläppchen“ entstehen. Diese können operativ korrigiert werden.[1]

Rechtliches

Am 31. August 2012 sprach das Amtsgericht Berlin-Lichtenberg in einem Vergleich einem dreijährigen Kind ein Schmerzensgeld von 70 € wegen der beim Stechen erlittenen Schmerzen zu. [2][3] Eine grundsätzliche Klärung über die Strafbarkeit bei Kleinkindern ist damit nicht verbunden; vielmehr soll der Fall der zuständigen Staatsanwaltschaft vorgelegt werden. Möglich erscheint bei einem nicht einwilligungsfähigen Kind eine Strafbarkeit der Eltern und desjenigen, der das Ohrloch gestochen hat, wegen Körperverletzung.[4] Bis zur gerichtlichen Klärung besteht diesbezüglich Rechtsunsicherheit. Unproblematisch als Körperverletzung anzusehen ist das Ohrlochstechen unabhängig vom Alter nur dann, wenn es unsachgemäß durchgeführt wird, da es dann nicht mehr von der Einwilligung erfasst ist. Fraglich ist jedoch, wer hier überhaupt einwilligen muss bzw. ab welchem Alter dies Kinder können.[5]

Einzelnachweise

  1. Berger A., e.a.: Plastische Chirurgie, Springer, 2005, S.158, ISBN 3-540-00129-8, hier online
  2. dpa-Notizblock, Aktenzeichen 14 C 58/12
  3. Ohrlochstechen womöglich eine Straftat - FAZ
  4. http://www.juraexamen.info/ohrlocher-als-korperverletzung/
  5. http://www.ferner-alsdorf.de/?p=8115

Weblinks

 Commons: Ohrloch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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