Händigkeit


Dominante (das Werkzeug führende) und nichtdominante (unterstützende) Hand

Der Begriff Händigkeit beschreibt das Phänomen, dass Primaten, also auch Menschen, für feinmotorische Tätigkeiten konsistent eine Hand bevorzugen, die so genannte dominante Hand.

Rechts- und Linkshändigkeit

Menschen sind so genannte Einhänder: Anspruchsvolle Aufgaben sind zwischen der rechten und linken Hand jeweils eindeutig verteilt. Die Hand, die z. B. den Schreibstift oder die Nähnadel führt, wird als „dominant“ bezeichnet – wenn auch etwa der Neurologe Frank Wilson die Eindeutigkeit des Dominanzbegriffs relativiert. Die antizipierende und unterstützende Tätigkeit der nichtdominanten Hand sei ebenso anspruchsvoll wie die Aktivität der das Werkzeug führenden dominanten Hand.[1]

Auffällig hierbei ist die hohe Zahl von Rechtshändern. Der Anteil von Linkshändern in der europäischen Bevölkerung wird von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin mit 10 bis 15 % angegeben.[2] Der Anteil von so genannten Beidhändern ist Definitionssache: Für das Führen eines Besens oder der Zahnbürste benutzen über 60 % der Rechtshänder und etwa 99 % der Linkshänder auch die nichtdominante Hand,[3] je anspruchsvoller aber die Aufgaben werden, desto deutlicher strebt der Anteil funktioneller Beidhänder gegen Null.

Eine klare Überrepräsentation der Rechtshändigkeit findet sich in allen gut untersuchbaren menschlichen Kulturen; historische oder geographische Unterschiede lassen sich nicht feststellen. Die Analyse archäologischer Funde (etwa die Untersuchung von Werkzeugen auf Abnutzungsspuren) legt nahe, dass schon die Neandertaler, ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen, überwiegend rechtshändig waren[4]. Für andere „Vorfahren“ des Menschen lässt sich dies nicht klar feststellen, da die Funde (Knochen, Werkzeuge,...) häufig nicht ausreichen, um Aussagen über Händigkeit oder gar die in einer Bevölkerungsgruppe präferierte Hand zu treffen.[5] Für die Gegenwart lässt sich mehrheitliche Rechtshändigkeit in allen Zivilisationen feststellen.[3] Folglich müssen biologische Gründe angenommen werden. Da Händigkeit in Familien häufig weitergegeben wird, ein Viertel aller eineiigen Zwillinge aber unterschiedliche Händigkeiten aufweist,[6] geht man heute von Vererbungstendenzen aus, die nicht den mendelschen Gesetzen folgen. In jüngster Zeit sind genetische Erklärungen präzisiert und eine bestimmte Stelle auf dem Chromosom 2 genannt worden.[3]

„Händigkeit“ bei Tieren

Typische Asymmetrien des Nervensystems lassen sich schon bei den Weich- und Krustentieren beobachten.[7] Ratten, Katzen und Affen bevorzugen allesamt eines ihrer Gliedmaßen zur Durchführung anspruchsvollerer Aufgaben, allerdings sind „Rechts- und Linkshänder“ jeweils etwa gleich stark vertreten.[8] Menschenaffen zeigen (ähnlich wie der Mensch) bei einfachen Aufgaben noch keine ausgeprägte Händigkeit; je komplexer die Aufgabe, desto deutlicher wird auch bei ihnen eine standardisierte Rollenverteilung zwischen den Händen. Eine auf Gruppenebene überwiegende Rechts- oder Linkshändigkeit wurde jedoch nur gelegentlich beobachtet: So sollen Zwergschimpansen für das Tragen die linke Hand, Gemeine Schimpansen für das Werfen die rechte Hand bevorzugen.[5]

Lateralität von Gehirn und Hand

Linke und rechte Hirnhälfte (Transversalschnitt durch ein menschliches Gehirn – Einzelbild einer Magnetresonanztomographie)

Erkenntnisse aus Untersuchungen zur Lateralisation des Gehirns zeigen, dass überwiegend die linke Hirnhälfte für die motorische Steuerung der rechten Körperseite und die rechte Hirnhälfte für die der linken Körperseite zuständig ist.

Als „dominante“ Hirnhälfte wird diejenige bezeichnet, die vorrangig für die Verarbeitung von Sprache zuständig ist.[9] Bei 95 % der Rechtshänder befindet sie sich links, bei 2 % rechts. Bei 3 % ist das Sprachzentrum auf beide Hirnhälften aufgeteilt. Auch bei der Mehrzahl der Linkshänder liegt das Sprachzentrum links, nämlich bei 70 %, bei 15 % ist es auf beide Hemisphären verteilt, bei weiteren 15 % liegt es rechts. Es gibt also eine gewisse Korrelation zwischen der „dominanten“ Gehirnhälfte und derjenigen Gehirnhälfte, die die starke Hand steuert. Dennoch liegt das Sprachzentrum bei der Mehrzahl der Linkshänder auf der linken Seite, welche für die „schwache“ rechte Hand zuständig ist. Es liegt also keine eindeutige Gesetzmäßigkeit vor in der Verbindung von Händigkeit und Lateralisation des Gehirns. Wenn man einen Anteil von 10 % Linkshändern voraussetzt, liegen bei etwa 7 % der Bevölkerung die Steuerung der „starken“ Hand und das Sprachzentrum in verschiedenen Gehirnhälften – ohne dass Nachteile entstehen.[10]

Interessant ist, dass durch gezielte magnetische Impulse (transkranielle Magnetstimulation, TMS) über dem motorischen Cortex offenbar die Händigkeit temporär „umgeschaltet“ werden kann.[11]

Vorteile der Händigkeit

In der Evolution hat sich die hemisphärische Spezialisierung des Gehirns vermutlich durchgesetzt, weil so die beiden Hirnhemisphären nicht in Konkurrenz zueinander treten konnten.[12] Vorteile der Einhändigkeit gegenüber der Beidhändigkeit werden in größerer Präzision der Handarbeit durch spezifisches Training gesehen.[3] Unklar sind die Vorteile mehrheitlicher Rechtshändigkeit. Von Thomas Carlyle soll die „Schlachtfeldtheorie“ stammen, nach der Soldaten rechts die Waffe und links den Schild trugen, wodurch sie ihr Herz besser schützen konnten.[3] Allerdings sind Schilde erst seit der Bronzezeit in Gebrauch, also seit etwa 5000 Jahren, und schon die viel früher (vor etwa 2 Millionen Jahren) lebenden Urmenschen waren überwiegend rechtshändig.

Literatur

  • J. F. Stein und C. J. Stoodley: Neuroscience. An Introduction. John Wiley & Sons, Chichester 2006, ISBN 1-86156-389-2.
  • F. R. Wilson: Die Hand – Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluß auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002, ISBN 3-499-61338-7.
  • P. A. Young, P. H. Young und D. L. Tolbert: Basic Clinical Neuroscience. 2. Auflage. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2008, ISBN 0781753198.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Wilson, S. 178 (siehe „Literatur“).
  2. Untersuchung der Händigkeit (siehe „Weblinks“).
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Stein und Stoodley, S. 428 (siehe „Literatur“).
  4. Hirnforschung: Schon Neandertaler bevorzugten rechte Hand. Abgerufen am 21. April 2011.
  5. 5,0 5,1 Cashmore, Uomini und Chapelain (siehe „Weblinks“).
  6. Stein und Stoodley, S. 434.
  7. Stein und Stoodley, S. 432.
  8. Stein und Stoodley, S. 428 und 433.
  9. Young, Young und Tolbert, S. 364 (siehe „Literatur“).
  10. Alle Prozentzahlen in Stein und Stoodley, S. 427 bis 440.
  11. Deutsches Ärzteblatt, 29.September 2010: Magnetfeld macht Rechts- zum Linkshänder
  12. Stein und Stoodley, S. 435.

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