Anatomie der Primaten: Verdauungssystem



Auf der Seite über den Kauapparat von Primaten ist der erste Teil des Verdauungssystems, die Zähne und die Strukturen der Mundhöhle beschrieben; diese kranialen Teile sind an der Einnahme der Nahrungsteile beteiligt und u.a. für eine erste mechanische und chemische Vorbereitung für den Verdauungsprozess verantwortlich.

Der Rest des Verdauungssystems befindet sich vor allem in der Bauchhöhle und ist für die weitere chemische Aufbereitung sowie für die Aufnahme von Nährstoffen und die Ausscheidung von Abfällen verantwortlich.

Beim Verdauungssystem der Primaten, wie bei allen Wirbeltieren, handelt es sich im Grunde um eine lange Röhre mit einigen vergrößerten Bereichen (Magen und Dickdarm), einigen gewickelten Stukturen (Dünndarm), einer Sackgasse (Blinddarm), sowie zwei angeschlossenen Organen, die verschiedene Verdauungsenzyme produzieren (Leber und Bauchspeicheldrüse). Obwohl es bei den Primaten erhebliche Unterschiede in der relativen Größe und Form der einzelnen Verdauungsorgane gibt, was vor allem mit den unterschiedlichen Nahrungsvorlieben zusammenhängt, so sind sich die einzelnen Organe bezüglich ihrer Funktionen doch relativ ähnlich.

Nachdem die Nahrung in der Mundhöhle vorbereitet wurde, passiert sie die Speiseröhre, ein dünner, aus Muskeln bestehender Schlauch, der durch die Brusthöhle zur Bauchhöhle führt, wo er schließlich in den Magen mündet. Hier erfährt der mit Speichel aufgeweichte Nahrungsbrei eine erste chemische Behandlung durch scharfe Verdauungssäfte. Die am meisten spezialisierten Primatenmägen findet man bei Schlank- und Stummelaffen (Colobinae); bei diesen Primaten ist der Magen in mehrere Gär-Kammern unterteilt, in denen Bakterienkolonien die Zellulose der Pflanzen aufschließen.

Vom Magen gelangt die Nahrung in den Dünndarm, wo eine weitere chemische Aufbereitung stattfindet. Hier werden Verdauungssäfte aus der Leber und der Bauchspeicheldrüse mit der Nahrung vermischt, und ein Großteil der Nährstoffaufnahme erfolgt in diesem Teil des Verdauungstraktes. Der Dünndarm ist normalerweise der längste Teil des Verdauungstraktes. Bei den meisten Primaten ist er um ein Vielfaches länger als der Körper des Tieres und ist in der Regel in einer Reihe von Schleifen in der Bauchhöhle zusammengefaltet. Am Ende des Dünndarms werden die nicht absorbierten Nahrungsteile sowie Abfallteile an den Dickdarm weitergegeben.

Der Dickdarm ist im Durchmesser größer als der Dünndarm, aber in der Regel kürzer. Er ist vor allem für die Aufnahme von Wasser und weiteren Nährstoffen, sowie an seinem Ende für die Ausscheidung von festen Abfällen zuständig. Am Anfang des Dickdarms befindet sich eine Sackgasse, der Blinddarm, der bei den verschiedenen Primaten erheblich in der Größe variiert. Er ist für mehrere spezielle Verdauungvorgänge zuständig. Wie die Mägen der Schlank- und Stummelaffen, ist dieser ungewöhnliche Teil des Magen-Darm-Trakts ein idealer Ort für die Ansiedlung von Bakterien. Sie helfen beim Abbau von Nahrungsteilen, welche Primaten normalerweise nicht verdauen können, wie etwa Blätter oder Baumharz. Der Rest des Dickdarms ist in der Regel auf der Grundlage der Position innerhalb der Bauchhöhle in mehrere Teile unterteilt. Am letzten Ende des Dickdarms werden die festen Abfälle durch Rektum und Anus aus dem Körper ausgeschieden.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass verschiedene Gruppen von Primaten häufig ganz andere innerorganliche Anpassungen trotz ähnlicher Verdauung entwickelt haben. Die blätterfressende Familie der Colobinae hat zur Verdauung von Blättern z.B. einen erweiterten Magen entwickelt, während blätterfressende Primaten auf Madagaskar ein vergrößertes Colon, der Übergang des Dickdarms in den Mastdarm, entwickelt haben. Wie alle Bereiche der Primatenanatomie spiegelt auch das Verdauungssystem das Zusammenspiel von evolutionärer Veränderung und Anpassung wider.


Literatur

Fleagle J. G. 1988. Primate Adaptation and Evolution. Academic Press, Inc. New York.

Chivers D. J., and Hladik C. M. 1980. Morphology of the gastrointestinal tract in primates: Comparisons with other mammals in relation to diet. J. Morphol. 166:337-386. DOI: 10.1002/jmor.1051660306