Purpurbakterien

Unter der Bezeichnung Purpurbakterien werden alle obligat oder fakultativ phototroph lebenden Proteobakterien zusammengefasst. Sie bilden keine monophyletische Gruppe, sondern enthalten Vertreter aus den Klassen der Alpha-, Beta- und Gammaproteobacteria. Ihre für die Photosynthese verwendeten Pigmente (Bakteriochlorophylle und Carotinoide) waren namengebend und verleihen den Purpurbakterien eine auffällige, meist rötliche bis rotbraune Färbung. Ältere Literatur verwendet die Bezeichnung „Purpurbakterien“ oft synonym für alle Proteobakterien. Dies ist heute nicht mehr üblich.

Die Purpurbakterien führen stets eine anoxygene Photosynthese aus, bei der im Gegensatz zur oxygenen Photosynthese von Cyanobakterien und Pflanzen kein Sauerstoff entsteht. Purpurbakterien sind meist sogar obligate Anaerobier. Die Bakterien verfügen nur über ein Photosystem. Sie benötigen für die Photosynthese deshalb Elektronendonoren, deren Redoxpotential niedriger liegt, als das von Wasser.

Man unterscheidet zwischen Schwefelpurpurbakterien und Nichtschwefelpurpurbakterien.

Schwefelpurpurbakterien

Schwefelpurpurbakterien angereichert in einer Winogradsky-Säule

Die Schwefelpurpurbakterien werden aus den zwei Familien Ectothiorhodospiraceae und Chromatiaceae gebildet. Sie verwenden Schwefelwasserstoff (H2S) bzw. Sulfid-Ionen (S2−) an Stelle von Wasser (H2O) als Elektronendonator für die Reduktion von CO2, weshalb auch kein Sauerstoff freigesetzt wird. Bei der Oxidation von Sulfid entsteht stattdessen elementarer Schwefel, den die Bakterien in Form von Schwefelkugeln im Zellinneren, im periplasmatischen Raum oder im Außenmedium (extrazellulär) ablagern. Vertreter der Ectothiorhodospiraceae lagern die Schwefelkugeln stets extrazellulär, die dazugehörige Gattung Thiorhodospira allerdings sowohl intra- als auch extrazellulär ab.

Der gespeicherte Schwefel kann bei H2S-Mangel von den meisten Arten weiter zu Sulfat oxidiert werden. Viele Schwefelpurpurbakterien nutzen neben Sulfid oder elementarem Schwefel auch Thiosulfat oder Wasserstoff als Elektronendonator für die Photosynthese.
Man findet diese Bakterien in sauerstoffarmen Gewässern oder sauerstoffarmen Wasserschichten von Seen, aber auch in Schwefelquellen. Bei optimaler H2S-Konzentration und Lichtintensität in bestimmten Wasserschichten oder am Boden flacher Gewässer können Schwefelpurpurbakterien zur "Blüte" kommen und große Zelldichten erreichen. Viele Arten besitzen intrazelluläre Gasvesikel, mit deren Hilfe sie sich ohne größeren Energieaufwand in den für sie optimalen Wasserschichten aufhalten können. Einige Arten sind extrem halophil und verleihen neben einigen Archaeen Salz- und Natronseen die auffällige rötliche Farbe.

Nichtschwefelpurpurbakterien

Die Nichtschwefelpurpurbakterien sind physiologisch sehr vielfältig. Sie gehören stets den Alpha- oder Betaproteobacteria an und sind in der Lage, Photosynthese mit verschiedenen – darunter auch organischen – Verbindungen als Elektronendonoren zu betreiben. Man findet hier den ungewöhnlichen Stoffwechseltyp der Photoheterotrophie. Anders als ihr Name vermuten lässt, können viele Arten aber auch Sulfid – also eine Schwefelverbindung – als Elektronendonor für die Photosynthese verwenden. Die Fähigkeit der phototrophen Sulfidoxidation wurde lange Zeit übersehen, weil bereits geringe Sulfidkonzentrationen (< 1 mM) für die Bakterien toxisch sind. Manche Vertreter sind in der Lage, bei Lichtmangel durch Atmung oder auch Gärung zu wachsen. Die meisten Nichtschwefelpurpurbakterien können Stickstoff fixieren.

Die Purpurbakterien sind von den ebenfalls phototrophen Grünen Schwefelbakterien und den thermophilen Grünen Nichtschwefelbakterien zu unterscheiden.

Gattungen

Gattungen und einige der zur Zeit beschriebenen Arten der Schwefelpurpurbakterien (alle gehören zu den Gammaproteobacteria):

Gattung Arten Morphologie
Allochromatium Allochromatium vinosum, Allochromatium minutissimum,
Allochromatium warmingii
kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Amoebobacter Amoebobacter purpureus nicht aktiv sich bewegende, unregelmäßig geformte Kokken bis kurze Stäbchen, Gasvesikel
Chromatium Chromatium okenii, Chromatium weissei kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Ectothiorhodospira Ectothiorhodospira shaposhnikovii, Ectothiorhodospira mobilis,
Ectothiorhodospira marina, Ectothiorhodospira haloalkaliphila
begeißelte, wendelförmige Bakterien (Spirillen),
lagern Schwefel außerhalb der Zelle ab
Halochromatium Halochromatium salexigens, Halochromatium glycolicum extrem halophil, kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Halorhodospira Halorhodospira neutrophila, Halorhodospira halophila,
Halorhodospira halochloris
extrem halophile Spirillen,
lagern Schwefel außerhalb der Zelle ab
Isochromatium Isochromatium buderi kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Lamprobacter Lamprobacter modestohalophilus Stäbchen, Gasvesikel
Lamprocystis Lamprocystis roseopersicina Kokken, kurze Stäbchen, polar, monotrich begeißelt, Gasvesikel
Marichromatium Marichromatium gracile, Marichromatium purpuratum kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Rhabdochromatium Rhabdochromatium marinum kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Thermochromatium Thermochromatium tepidum kurze oder lange Stäbchen, polar begeißelt
Thiocapsa Thiocapsa roseopersicina, Thiocapsa rosea,
Thiocapsa pendens
Kokken, ohne aktive Bewegung
Thiococcus Thiococcus pfennigii Kokken
Thiocycstis Thiocycstis gelatinosa, Thiocycstis minor,
Thiocycstis violacea, Thiocycstis violascens
Kokken, polar begeißelt
Thiodictyon Thiodictyon elegans, Thiodictyon bacillosum nicht aktiv sich bewegende Stäbchen mit Gasvesikeln,
bilden auf Oberflächen ein netzartige Kolonien
Thiohalocapsa Thiohalocapsa halophila Kokken
Thiolamprovum Thiolamprovum pedioforme unregelmäßige, zusammenhängende Kokken, Gasvesikel
Thiopedia Thiopedia rosea Kokken, ohne aktive Bewegung, Gasvesikel
Thiorhodococcus Thiorhodococcus minor Kokken
Thiorhodovibrio Thiorhodovibrio winogradskyi Spirillen
Thiospirillum Thiospirillum jenense Spirillen, polar begeißelt

Gattungen der Nichtschwefelpurpurbakterien:

  • Rhodobacter (polar begeißelte Stäbchen, Teilung durch binäre Spaltung, auch Knospung kommt bei verschieden Arten vor)
  • Rhodocyclus (gekrümmt, 2 Zellen bilden einen Ring, auch Spirillen-förmige Zellaggregate kommen vor)
  • Rhodoferax (gekrümmte Stäbchen)
  • Rhodomicrobium (oval, Dicke 1,0 - 1,2 µm, peritrich begeißelt, bildet etwa 0,2 µm dicke Zellfäden, Vermehrung durch Knospung an den Enden der Zellfäden)
  • Rhodopila (Kokken, acidophil)
  • Rhodopseudomonas, Rhodoplanes, Rhodobium (begeißelte Stäbchen, Teilung durch Knospung)
  • Rhodospirillum, Phaeospirillum, Rhodovibrio, Rhodothalassium, Roseospira, Rhodospira (polar begeißelte Spirillen)
  • Rhodovulum (ei- bis stäbchenförmig)
  • Rubrivivax (gekrümmte Stäbchen)

Siehe auch

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