Eintrageverhalten

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Hausmaus-Weibchen findet aus dem Nest entnommene Jungtiere …
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… packt einen dieser Nestlinge
… und bringt ihn zum Nest zurück.

Als Eintrageverhalten (engl.: retrieving, selten auch: retrieval behaviour) wird eine unter Säugetieren weit verbreitete Verhaltensweise aus dem Komplex des Sozialverhaltens bezeichnet, bei dem ein Jungtier von erwachsenen (meist weiblichen) Artgenossen mit dem Maul gepackt und an einen anderen Ort gebracht wird.[1] Beobachten kann man dies unter anderem bei Hunden und Katzen, Meerschweinchen und Goldhamstern, Ratten und Mäusen. Selbst Nilpferden wurde dieses Verhalten zugeschrieben, und auch bei Vögeln wurde es beobachtet.[2] In der Regel verfallen die Jungtiere sofort in eine Tragestarre, sobald sie gepackt wurden; Goldhamster tragen ihre Jungen gelegentlich auch in den Backentaschen ein.[3]

Die Ähnlichkeit, mit der das Eintrageverhalten bei allen dieses Verhalten praktizierenden Tierarten abläuft, ließ die Verhaltensforscher darauf schließen, dass es zweifelsfrei angeboren ist.[4] und gemeinsame stammesgeschichtliche Wurzeln hat.[5] Es wurde daher intensiv erforscht, und da es im Experiment jederzeit hervorgerufen werden kann (man muss nur die Nestlinge einer Mäuse- oder Rattenmutter aus dem Nest entnehmen und in eine andere Käfigecke legen), hielt es Einzug in die Biologie-Ausbildung diverser Hochschulen.[6][7] und wurde auf diesem Weg auch ein beliebter Schulversuch. Es gilt heute als das am besten untersuchte mütterliche Verhalten der Ratten und der Hausmäuse.[8]

Während das Eintrageverhalten bei Nagetieren in Käfighaltung mühelos hervorgerufen werden kann, tritt es im Freiland eher selten auf: nämlich vor allem dann, wenn das Nest einer Maus zum Beispiel nach Regenfällen unbrauchbar wird. Die Mutter muss dann an anderer Stelle ein neues Nest bauen und die Jungtiere – eines nach dem anderen – in das neue Nest eintragen.[9] Vergleichbares gilt auch für Wölfe in freier Laufbahn.

Bemerkenswert ist, dass viele Nager fremde arteigene Junge wie die eigenen ins Nest eintragen (also gleichsam adoptieren) und dass sie – auch im Freiland – gelegentlich sogar Nestlinge fremder Arten eintragen; es gibt Berichte, dass Ratten- und selbst Goldhamster-Weibchen Mäusebabys „adoptierten“, also mit ihren eigenen Nestlingen aufzogen.[10] Die Reize oder Reizkombinationen (vergl.: Schlüsselreiz), die das Eintrageverhalten der Nager bewirken, wurden daher als artübergreifende Merkmale bezeichnet: offenbar reagieren nicht nur Menschen auf ein so genanntes Kindchenschema.[11]

Trotz vieler Versuchsanordnungen, die seit Anfang der 1950er-Jahre erprobt wurden,[12] sind diese Reize, die das Eintrageverhalten auslösen, bis heute noch nicht eindeutig entschlüsselt worden; vermutlich ist es der Geruch, denn auch tote Junge werden häufig wie die lebenden eingetragen,[13] so dass Lautäußerungen und Bewegungen als primäre Reize auszuschließen sind.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Klaus Immelmann: Wörterbuch der Verhaltensforschung. Verlag Paul Parey, 1982
  2. O. von Frisch: Wiesenweihe (Circus pygargus) trägt Junge ein. Zeitschrift für Tierpsychologie 23, 1966, 581–583.
  3. G.R. Witte: Jungentransport in den Backentaschen beim Syrischen Goldhamster (Mesocricetus auratus Waterhouse, 1939). Zeitschrift für Säugetierkunde 36, 1971, 216–219.
  4. C. Michard, P. Roubertoux: Differences of patterns in pup care in Mus musculus: VI. Uses of segregating generations to dissociate behavioral units in retrieving. Journal of comparative Psychology 100, 1986, 285–290.
  5. W. G. Holmes, P. W. Sherman: Kin recognition in animals. Americal Scientist 71, 1983, S. 46–55.
  6. H. J. Bischof: Das Brutpflegeverhalten von Laborratten (Rattus norvegicus f. domestica). In: A. W. Stokes u.a.: Praktikum der Verhaltensforschung. G. Fischer Verlag, Stuttgart, 1978.
  7. Dücker u.a.: Untersuchungen über die Dauer kontinuierlichen Eintrageverhaltens bei Mäusen. Behaviour 77, 1981, S. 77–98.
  8. S. Anthony Barnett: The rat. A study in behavior. University of Chicago Press, 1975.
  9. Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Das Verhalten der Nagetiere. In: Handbuch der Zoologie Band 8, 10 (13), 1958, S. 1–88.
  10. Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Beiträge zur Biologie der Haus- und der Ährenmaus nebst einigen Beobachtungen an anderen Nagern. Zeitschrift für Tierpsychologie 7, 1950, S. 558–587.
  11. I. Eibl-Eibesfeldt: Das Verhalten der Nagetiere.
  12. F. Frank: Adoptionsversuche bei Feldmäusen (Microtus arvalis Pall.). Zeitschrift für Tierpsychologie 9, 1952, S. 415–423.
  13. F.A. Beach, J. Jaynes: Studies of maternal retrieving in rats. III. Sensory cues involved in the lactating female's response to her young. Behaviour 10, 1956, S. 104–125.

Literatur

  • Karl-Heinz Wellmann: Zur Wirkung disruptiver Selektion auf das Verhalten von Hausmäusen (Mus musculus domesticus Rutty): Eintragen von Nestlingen, weitere Elemente des Brutpflageverhaltens und Erkunden. Wissenschafts-Verlag Dr. Wigbert Maraun, Frankfurt am Main, 1991, ISBN 3-927548-18-9

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