Weltweit neue Zikadenart in der Südschweiz und Italien entdeckt

Neues aus der Forschung

Meldung vom 06.03.2015

Sie zählen zu den bekanntesten, grössten und lautesten Insekten – und doch sorgen sie immer wieder für Überraschungen: Forscher der Universität Basel haben in Italien und der Südschweiz eine neue Singzikade entdeckt.


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Hertach T, Trilar T, Wade EJ, Simon C, Nagel P. 2015. Songs, genetics, and morphology: revealing the taxonomic units in the European Cicadetta cerdaniensis cicada group, with a description of new taxa (Hemiptera: Cicadidae). Zoological Journal of the Linnean Society 173(2): 320-351, Append. S1-3
DOI: 10.1111/zoj.12212
 
Cicadetta sibillae hat einen hohen Gesang und bringt es auf etwa 4 Zentimeter Flügelspannweite.
Foto: Universität Basel / Thomas Hertach

Der dunkle Körper und die glasigen Flügel verrieten die neue Art noch nicht, denn Bergzikaden – eine Untergruppe der Singzikaden – lassen sich kaum an ihrem Aussehen unterscheiden. Entscheidend war ihr Gesang, bei dem sich in einem komplizierten Muster Ziehlaute und schnelle, rhythmische Phasen abwechseln. Für ihren Befund hatten die Forscher eingehende Analysen der Genetik, der Morphologie und vor allem des Gesangs vorgenommen. Das Team um Doktorand Thomas Hertach und Prof. Peter Nagel von der Forschungsgruppe Biogeographie der Universität Basel mit Kollegen in Slowenien und den USA hat seine Studie im Fachblatt «Zoological Journal of the Linnean Society» veröffentlicht.

Die bevorzugten Lebensräume der neu entdeckten Bergzikadenart sind lichte, warme Laubwälder und Magerwiesen mit viel Gebüsch. Die Tiere singen auf Sträuchern oder sogar im Gras und ernähren sich von Pflanzensäften. «Im Nordapennin ist Cicadetta sibillae die häufigste Singzikade überhaupt», zeigt sich der Entdecker Thomas Hertach erstaunt.

In Graubünden bedroht

Das Verbreitungsgebiet der «Italienischen Bergzikade» erstreckt sich von Neapel bis in die Südschweiz. Hier kommt sie in einem knappen Dutzend Populationen im Tessin und zwei winzigen Beständen im Bündner Misox vor. Die Tessiner Population vom Monte San Giorgio gehört dabei alpenweit zu den individuenreichsten. Dagegen steht die Art in Graubünden – bereits so kurz nach ihrer Entdeckung – vor dem Aussterben. Erste Schutzmassnahmen in Zusammenarbeit mit dem Kanton und Pro Natura sind geplant.

Die Forscher gehen davon aus, dass sich die neue Zikadenart vor mindestens 1 Mio. Jahren während der Eiszeiten gebildet hat und ihr Ursprung in milden Rückzugsgebieten Italiens liegt. Sie unterscheidet sich in allen Untersuchungen konstant von einer nah verwandten Art aus den Pyrenäen, von der sie über 450 Kilometer weit getrennt lebt. «Weil die Unterschiede klein sind, mussten wir sehr umfangreiches Datenmaterial im Feld zusammentragen und analysieren», sagt Thomas Hertach, der sich seit über einem Jahrzehnt der Zikadenforschung widmet.

Gesang lockt Weibchen an

Singzikaden besitzen am Hinterleib ein Organ mit Platten, die durch einen Muskel in Schwingung versetzt werden; ein Luftsack sorgt für die nötige Resonanz. Die Gesänge dienen den Männchen, um Weibchen anzulocken, und sind für jede Art typisch. Der Schweizer Forscher Johann Jacob Bremi beschrieb schon 1849, dass Bergzikaden sehr verschieden singen können. Doch sein Wissen geriet lange in Vergessenheit: Erst ab 2000 haben akustische Studien gezeigt, dass Bergzikaden europaweit aus einer Gruppe von unterschiedlichen Arten bestehen.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


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