Tarpan

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Tarpan
Das einzige bekannte Foto eines Tarpans, bei dem jedoch nicht bekannt ist, ob er reinrassig war (veröffentlicht im Jahr 1884)

Das einzige bekannte Foto eines Tarpans, bei dem jedoch nicht bekannt ist, ob er reinrassig war (veröffentlicht im Jahr 1884)

Systematik
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Unpaarhufer (Perissodactyla)
Familie: Pferde (Equidae)
Gattung: Pferde (Equus)
Art: Wildpferd (Equus ferus)
Unterart: Tarpan
Wissenschaftlicher Name
Equus ferus gmelini bzw. sylvaticus
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Als Tarpan bezeichnet man eine ausgestorbene Form des Wildpferdes. Es handelt sich dabei um die westlich des Urals vorkommenden Formen des eurasischen Wildpferdes. Inwieweit bestimmte Lokalformen des Tarpans einen eigenen Unterartstatus verdienen, ist zurzeit nicht abzusehen. Traditionell unterscheidet man den Waldtarpan (Equus ferus sylvaticus) und den Steppentarpan (Equus ferus gmelini), obwohl manche in diesen auch nur eine einzige Unterart sehen[1]. Dem eurasischen Wildpferd ähnlich ist das Przewalski-Pferd, auch Urwildpferd oder Takhi genannt, welches jenseits des Urals in Asien vorkam. Dies unterscheidet sich von den Pferden aber durch die Zahl der Chromosomen und kommt daher nicht als Vorfahre in Frage. Es konnte in Zoologischen Gärten vor dem Aussterben erhalten werden und wurde u. a. in der Mongolei und China wieder angesiedelt.

Unklar ist, ob jene historisch als Tarpan bezeichneten wild lebenden Pferde tatsächlich prädomestiziert, folglich echte Wildtiere waren, oder ob es sich lediglich um wieder verwilderte Hauspferde handelte, ähnlich den Mustangs, deren Bestände heute verschwunden sind. Dies liegt einerseits an der Inhomogenität der beschriebenen Pferde, sowie die sehr Hauspferde-artige Erscheinung mancher dieser[1][2]. Ein Beispiel hierfür ist auch jenes Tier, welches das Photo des angeblich letzten Tarpans zeigt.

Beschreibung des Europäischen Wildpferdes

Für das europäische Wildpferd sind folgende Fellfarben nachgewiesen: braun (bay), schwarz (black) und gescheckt (leopard-spotted, ähnlich dem Knabstrupper). Exmoor-Pferde sind bay gefärbt. Die Grundfarbe des heutigen Konik, das als Nachfahre der Hybride zwischen polnischen Landpferden und den damals in Polen wild lebenden Pferden gilt, wird als schwarz klassifiziert. Ob das aufhellende Dilute-Gen dun, welches für eine mausgräuliche Färbung wie etwa beim Konik verantwortlich ist, bereits bei prä-domestizierten Wildpferden vorhanden war, lässt sich derzeit nicht bestimmen. Das Przewalski-Pferd weist dieses auf, ist in der Grundfarbe jedoch bay[3]. Die Wildpferde erreichten wahrscheinlich eine Schulterhöhe von etwa 135 cm und waren von gedrungnerem Körperbau als viele Reitpferde[1]. Obwohl den europäischen Wildpferden oft eine Stehmähne zugesprochen wird, ist dies unwahrscheinlich. Zum einen belegen erhaltene Kadaver eine Hängemähne, zum anderen hätte eine solche in feuchteren Klimaten den Vorzug, dass sie Regenwasser ableitet, während Stehmähnen für steppenbewohnende Tiere wie das Przewalski-Pferd geeignet sind[4]. Diese Mähne war wahrscheinlich einfarbig.

Waldtarpan

Der Waldtarpan war ein ursprüngliches Wildpferd Mitteleuropas. Er war möglicherweise von Frankreich bis ins Baltikum verbreitet. Mit steigender menschlicher Bevölkerungsdichte verschwanden die wilden Pferde aus Mitteleuropa. In Polen hielten sich kleine Restbestände bis ins 18. Jahrhundert. Die letzten wurden kurz vor dem Wechsel zum 19. Jahrhundert eingefangen und zunächst in dem Tiergarten eines Landadeligen gehalten, ehe sie 1808 aus wirtschaftlichen Gründen an Bauern der Region verteilt werden mussten. Damit war die Form ausgestorben. Das Konik ist wahrscheinlich ein direkter Nachkomme dieser vermischten Pferde, es wurde auch (siehe unten) zur Abbildzüchtung verwendet.

Steppentarpan

Der Steppentarpan (Equus ferus gmelini) lebte in den Steppen und Waldsteppen im Süden Russlands bis in die 1880er Jahre. Sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich mindestens vom Pruth im Westen bis zum Fluss Ural. Wie weit sich ihr Vorkommensgebiet nach Westen erstreckte ist nicht mehr rekonstruierbar, da nicht klar ist, wo sich die beiden Tarpanformen geographisch ablösten und inwieweit die Übergänge fließend waren. Diese Pferde waren grau gefärbt und hatten bis zum Ende des ersten Lebensjahres blondes Fell. Kennzeichnend waren außerdem ein schwarzer Aalstrich, eine schwarze Fesselstreifung. Ob eine Steh- oder Hängemähne bei den Pferden typisch war, wird in historischen Quellen uneinheitlich beschrieben und ist bis heute umstritten. Das Winterfell war sehr dicht. Beschrieben wurde dieses Tier u.a. durch den Naturforscher Peter Simon Pallas, der es im 18. Jahrhundert in der Gegend des Schwarzen Meeres noch häufig vorfand und auch den Namen "Tarpan" prägte. Der Steppentarpan war etwas größer als der Waldtarpan.

Der Steppentarpan verschwand durch zwei Ursachen: Zum einen begegnete er bei zunehmender Besiedlung seines Lebensraums durch den Menschen immer öfter Hauspferden und paarte sich mit diesen, so dass die Nachkommen keine reinen Tarpane mehr waren. Zum anderen wurde er gezielt gejagt, um ebendiese wilden Paarungen mit Hauspferden zu verhindern. Nachdem die Tiere während des 19. Jahrhunderts rapide seltener wurden, starb der letzte frei lebende Tarpan im Jahr 1879 in der südlichen Ukraine. Ein anderes Tier, das 1866 gefangen wurde, starb in den 1880er Jahren im Moskauer Zoo. Von diesem Tier, welches nahezu keine der beschriebenen Tarpanmerkmale aufweist, liegt ein Originalfoto vor, so dass dessen Status zweifelhaft ist.

Dem Tarpan oder Wildpferd ähnliche Pferderassen

Koniks im polnischen Nationalpark Biebrza-Flusstal

In den 1930er Jahren wurden von Heinz Heck im Tierpark Hellabrunn Versuche zur Abbildzüchtung des Tarpans durchgeführt. Dies geschah durch Kreuzung von Przewalski-Pferd-Hengsten mit Dülmener Pferden, Koniks, grauen isländischen und gotländischen Ponystuten. Das Resultat ist heute als Heckpferd zu bezeichnen. In Polen hat Prof. Tadeusz Vetulani an der polnischen Akademie der Wissenschaften ab 1920 nach seinen Kriterien ursprüngliche Landpferde aus der Nähe von Bilgoraj (Konik, polnisch: Pferdchen), die möglicherweise aus Kreuzungen mit den 1808 an Bauern verteilten Tarpane hervorgegangen sind, ausgewählt, um nach eine Rasse zu züchten, welche seinen Vorstellungen des Tarpans entspricht. Die von ihm gezüchteten Tiere sind überwiegend schwarzfalben. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hälfte dieser Koniks nach Deutschland verschleppt und für die Weiterzucht der Heckpferde verwendet. Ein Teil dieser Tiere gelangte dann nach dem Krieg nach Polen zurück. Auch später sind zum Teil beide Ansätze zur Abbildzüchtung zusammengeflossen, so dass es heute viele Tiere gibt, die sowohl Anteile aus den polnischen Anstrengungen als auch aus den deutschen Versuchen haben. Die Übergänge zwischen Koniks und Heckpferden sind also oft fließend. Auch die Dülmener Pferde aus der Wildbahn des Merfelder Bruches in Nordrhein-Westfalen sind in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich mit polnischen Konikhengsten gedeckt worden. Somit haben Koniks, Heckpferde und Dülmener Pferde zunehmende genetische und äußerliche Gemeinsamkeiten entwickelt und lassen sich in einer "Konik-Gruppe" zusammenfassen. Um Stehmähnen zu erhalten, wurden jedoch in den 1970er Jahren in Nordrhein-Westfalen immer wieder Przewalski-Pferde in das Heckpferd eingekreuzt. Den Rassen aus der Konik-Gruppe ist eine zweifarbige Mähne gemein, was beim Wildpferd wahrscheinlich nicht vorkam.

Wilde Exmoor-Pferde nahe Winsford, England.

Das seltene Sorraia-Pferd, welches im Grenzgebiet zwischen Portugal und Spanien halbwild vorkommt, weist ebenfalls eine teilweise große Ähnlichkeit zur Konik-Gruppe auf, ist allerdings feingliedriger, hat einen Ramskopf und ein dünneres Winterfell. Durch mitochondriale DNA-Analyse ließ sich die Verwandtschaft mit Andalusier oder Lipizzaner nicht nachweisen, da in der Rasse zu wenige verschiedene Mitochondrienstämme erhalten geblieben sind, doch anhand der Kern-DNA ist die enge Verwandtschaft mit den anderen portugiesischen Rassen nachweisbar.[5] [6]

In den Niederlanden sind mittlerweile über 1500 Koniks in großen Naturentwicklungsgebieten (Neue Wildnis) und Nationalparken angesiedelt worden und führen ein halbwildes, selbstbestimmtes Leben. Auch auf der Geltinger Birk (S-H) sowie in der Lippe- und Ems-Aue (NRW) wurden Koniks in naturnahen Weidelandschaften angesiedelt. Der Naturschutzbund Ostfriesland hat auf 120 ha Marschlandschaft sowohl Koniks von der Stiftung Groninger Landschap als auch Heckpferde des Schlages Wisentgehege Hardehausen mit Stehmähne angesiedelt. Sie leben dort in Gesellschaft von Heckrindern, um den Multispeziesansatz in den Weidelandschaften zu realisieren. Einen anderen Abbildzüchtungsversuch hat Georg Gaede aus Wiesmoor durchgeführt. Hier sind die Pferde im Gegensatz zum Konik zierlich und klein. Zu sehen ist eine Herde im Naturschutzgebiet Wacholderhain in Haselünne/Niedersachsen.

Weitere dem europäischen Wildpferd ähnliche bzw. mit diesem assoziierte robuste Pferderassen sind unter anderem das Exmoor-Pferd und das Fjordpferd. Das Exmoorpferd ist bay-Farben und weist darüber hinaus eine helle Körperunterseite und ein Mehlmaul auf, was es unter anderem mit dem Przewalskipferd gemeinsam hat. Von diesem Tier existieren noch wilde Bestände im Exmoor-Nationalpark, und es wird ebenfalls wie Koniks mitunter in halbwilden Beweidungsprojekten verwendet, oft vergesellschaftet mit Rindern. Dieser Pferderasse wird ebenfalls deutliche nähe zum prädomestizierten Wildpferd zugesprochen [7]. Die kurze Hängemähne ist einfarbig. Aalstrich und Schulterkreuz sowie dunkle Beine sind vorhanden, jedoch aufgrund der dunkleren braunen Farbe weniger leicht zu erkennen als bei falben Pferden. Das Fjordpferd ist wie das Przewalski-Pferd bay dun, also braunfalb, und weist ebenfalls eine helle Körperunterseite und ein Mehlmaul auf. Die Hängemähne ist zweifarbig. Auch Fjordpferde werden in Beweidungsprojekten verwendet [1].

Siehe auch

Literatur

  •  Ronald M. Nowak: Walker’s mammals of the world. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1999, ISBN 0-8018-5789-9, LCCN 98-23686.
  • V. G. Heptner: Mammals of the Sowjetunion Vol. I Ungulates. Leiden, New York, 1989 ISBN 9004088741
  • M. Bunzel-Drüke, C. Böhm, P. Finck, G. Kämmer, R. Luick, E. Reisinger, U. Riecken, J. Riedl, M. Scharf & O. Zimball: Wilde Weiden (Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung) ABU e.V., 2008 ISBN 978-3-00-024385-1

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Bunzel-Drüke, Finck, Kämmer, Luick, Reisinger, Riecken, Riedl, Scharf & Zimball: "Wilde Weiden: Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung
  2. [1]
  3. Pruvost et al.: Genotypes of predomestic horses match phenotypes painted in Paleolithic works of cave art. 2011.
  4. [2]
  5. Luis, C.; Juras, R.; Oom, M. M.; Cothran, E. G.: Genetic diversity and relationships of Portuguese and other horse breeds based on protein and microsatellite loci variation Animal Genetics. 38(1):20-27, February 2007
  6. L. J. Royo, I. Álvarez, A. Beja-Pereira, A. Molina, I. Fernández, J. Jordana, E. Gómez, J. P. Gutiérrez, and F. Goyache: The Origins of Iberian Horses Assessed via Mitochondrial DNA Journal of Heredity 2005 96(6):663-669; doi:10.1093/jhered/esi116
  7. [3]

Weblinks

 Commons: Tarpan – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

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