Kanarengirlitz



Kanarengirlitz

Kanarengirlitz (Serinus canaria)

Systematik
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeri)
Familie: Finken (Fringillidae)
Unterfamilie: Stieglitzartige (Carduelinae)
Gattung: Girlitze (Serinus)
Art: Kanarengirlitz
Wissenschaftlicher Name
Serinus canaria
(Linnaeus, 1758)

Der Kanarengirlitz (Serinus canaria) ist eine Art aus der Familie der Finken (Fringillidae). Zudem stellt er die wilde Stammform des Kanarienvogels dar. Der Kanarengirlitz besiedelt neben den Kanarischen Inseln (Name) auch Madeira und die Azoren. Seine Nahrung setzt sich aus Samen und Blättern vieler Pflanzensorten zusammen. Die Art gilt derzeit als nicht gefährdet.

Beschreibung

Der Kanarengirlitz ist wie alle Vertreter der Gattung von rundlicher Gestalt mit kurzem Hals und dünnen Füßen. Kennzeichnend sind ein runder Kopf, ein kurzer, kräftiger Kegelschnabel und ein matt grüngelber Bürzel. Der Schwanz ist etwas länger und weniger tief gegabelt als bei Zeisigen. Oberkopf, Rücken und Flanken sind auf graugrünem Grund fein dunkelgrau gestreift. Die Flügel sind schwarzgrau und zeigen zwei hellgelbe Binden, die durch die gelben Spitzen der kleinen und großen Armdecken gebildet werden. Die Unterschwanzdecken sind weiß. Kanarengirlitze haben eine Körperlänge von etwa 12,5 bis 13,5 Zentimetern. Das Körpergewicht liegt meist bei etwa 15 bis 25 Gramm.

Der Kanarengirlitz weist einen Geschlechtsdimorphismus auf. Das Männchen ist an Kopf, Hals, Brust und Bauch satt gelbgrün. Das Weibchen ist an Kopf, Hals und der oberen Brust grau, die gesamte Brust ist schwach dunkel gestreift. Jungvögel sind bis zur Jugendmauser im Herbst graubraun ohne jeden Gelb- oder Grünton. Die Iris der Augen ist grauschwarz, Beine und Schnabel sind blassrosa.

Der Flug des Kanarengirlitzes ist auffallend wellenförmig und entspricht dem typischen Flugbild der Finken.

Stimme und Gesang

Der Kanarengirlitz ist außer durch seinen Gesang anhand seiner charakteristischen Rufe mit summendem, hüpfendem und klarem Klang zu erkennen.

Das Hörvermögen der Kanarengirlitze ist sehr ausgeprägt. Die optimale Empfindlichkeit reicht von 3200 Hertz (Hz) bis 4000 Hz. Die untere Hörgrenze liegt bei 1100 Hz und seine obere bei 10000 Hz. Der Kanarengirlitz kann zudem sehr schnelle Tonfolgen unterscheiden, im Gedächtnis speichern und wiedergeben. Deshalb kann er lernen, andere Vögel nachzuahmen und fremde Geräusche in seinen Gesang aufzunehmen.

Der Gesang [1] beginnt mit einem variablen, leisen Eingang von ein paar Silben und gipfelt in einer sehr lauten Strophe aus harten absteigenden Elementen. Der Kanarengirlitz kann bis zu 400 Klangelemente (Touren) beherrschen. Die drei bekanntesten Touren sind Hohlrolle, Pfeife und Hohlklingel. Bei der Hohlrolle singt der Vogel ein „r“ rollend in Verbindung mit den Vokalen „ü“, „o“ oder „u“, was dann zum Beispiel wie „rururu“ klingt. Die Hohlklingel entsteht durch ein „l“ in Verbindung mit den Vokalen. Der Vogel singt „lülülü“ oder „lololo“ bis zum tiefen „lululu“ in leicht abgesetzter Form. Bei der Pfeife gibt es deutlich abgesetzte weiche Einzeltöne, in Verbindung mit dem „d“, was sich anhört wie „du“ oder „dou“, oft am Ende eines Lieds. Benutzt der Vogel bei seinem Lied ein „li“, so nennt man das eine Klingel oder als „ri“ eine Klingelrolle.

Das Silbenrepertoire ändert sich im Gegensatz zu den Kompositionen nicht saisonal. In der Brutsaison sind die Gesänge der Männchen im Durchschnitt länger und die Wiederholungsrate von Silben ist höher als außerhalb derselben. Weiterhin ist in diesem Zeitraum eine Zunahme schnell frequentierter modulierter Silben und eine Abnahme leiser Silben festzustellen, da erstere für die Weibchen attraktiver sind. Ungefähr 50 Prozent der Silben, die nach einer Brutsaison vergessen werden, erscheinen in der darauf folgenden Saison. Etwa 25 Prozent der Silben werden saisonabhängig wiedergegeben. Weiterhin werden einige identische Silbensequenzen jährlich reaktiviert.[2][3]

Entwicklung des Gesanges

Sobald der Kanarengirlitz im Frühjahr geschlüpft ist, gibt er seine ersten Töne von sich. Nach 30 bis 40 Tagen beginnt dann das Gesangsstudium der Männchen. Diese erste Phase des Lernens (Subsong) dauert bis kurz vor der Jugendmauser. Vor Beginn der Jugendmauser ist der Vogel etwa zwei Wochen lang still. Erst zwischen dem 70. und 90. Tag beginnt in die zweite Lernphase (plastischer Gesang), die etwa bis zum 150. Lebenstag andauert. Nach der Jugendmauser beginnt die dritte Phase der Gesangsbildung (juveniler Herbstgesang), der etwa bis zum 250. Lebenstag andauert.

Zur Fortpflanzungszeit des folgenden Jahres, um den 300. Lebenstag herum, hat der Kanarengirlitz den Vollgesang erreicht, den er während der ganzen Brutsaison beibehält. Das Lautrepertoire ist stabil und umfasst in der Regel 30 bis 40 verschiedene Einzelelemente (Silben, also Noten pro Sekunde). Das Männchen singt recht lange, aus vielen Touren (Tour: zusammenhängende Abfolge von Silben, also Strophe) oder Phrasen (Phrase: selbständiger Abschluss eines Musikstücks) aufgebaute Melodien. Bei der Dauer der Pausen wird wenig variiert: Sie reicht zwar von 0,02 s bis 0,7 s, ist aber in der Regel im Bereich von 0,08 s bis 0,16 s. Die Tourendauer erwachsener Männchen liegt meist bei 0,8 s bis 1,1 s, kann aber auch 2 s betragen.

Ein Teil des Gesangs ist beim Kanarengirlitz angeboren, daneben gibt es aber auch individuelles Lernen. Das Gesangsschema und die Strophe mit bestimmten Tönen und Rhythmus sind genetisch festgelegt. Die Feinstrukturen (Silben) sind aber für Lernprozesse offen und durch Hören arteigenen Gesangs werden Erfahrungen gesammelt. Sehr wichtig ist dabei das Vorbild des Vaters, aber die Jungen lernen auch von anderen Männchen und gleichaltrigen Jungvögeln. Manche Silben werden auch ohne erkennbare Vorbilder gebildet, der Kanarengirlitz kann also improvisieren.

Die Weibchen singen selten in ihrem ersten Lebensjahr. Die Qualität ihres Gesanges entspricht am ehesten dem Subsong der Männchen, manchmal dem plastischen Gesang. Während der Brutzeit singen die Weibchen nur ausnahmsweise. Nach Beendigung ihrer letzten Brut, etwa ab Juli, singen sie spontan den Sommergesang. Vom Herbst bis zu Beginn der nächsten Brutsaison singen sie den Herbstgesang. Am meisten singen die Weibchen im Oktober.

Nachdem die erste Fortpflanzungszeit vorüber ist, singen die Männchen immer weniger und stellen ihren Gesang schließlich ganz ein (Refraktärzeit). Nach dem jährlichen Wechsel des Gefieders, der Mauser, singt das Männchen den Herbstgesang. Dieser ist weit plastischer als der Vollgesang, das heißt ohne feste zeitliche Struktur. Auch die einzelnen Elemente sind viel variabler. Die Pausen sind unterschiedlich lang und das Verhältnis von Touren zu Silben ist stark zugunsten letzterer verschoben. Im Winter und Frühjahr beginnt der Gesang sich dann wieder zu stabilisieren, bis er in der nächsten Fortpflanzungsperiode wieder Vollgesangsniveau erreicht. Interessanterweise hat sich der Gesang nun gegenüber dem Vorjahr etwas verändert. Einige Silben sind gleich geblieben, andere wurden vergessen. Dafür wurde eine neue Melodie kreiert.

Gesangsverhalten

Der männliche Kanarengirlitz singt bereits am frühen Morgen laut und schön von einer Singwarte aus. Er lässt seinen Gesang am häufigsten in der Balzzeit hören, um sein Revier gegen Artgenossen zu verteidigen und um ein Weibchen zu werben. Manchmal dient der Gesang auch der Begleitung beim Nestbau.

Der Kanarengirlitz singt auch während des Fliegens, das heißt er trägt einen Fluggesang vor. Der Singflug unterscheidet sich vom normalen Fortbewegungsflug. Die Flügelschläge sind langsamer und ausholend. Die abschlagenden Flügel scheinen deutlich durchgebogen zu sein. Der Singflug kann ganz verschiedene Flugbahnen beschreiben. Das Männchen kann beispielsweise laut singend mit ausgestreckten Füßen und angelegten Flügeln aus hohem Himmel herabstürzen, um auf einer Warte zu landen. Singflüge führen normalerweise in weiten horizontalen Bögen von einer Warte zur anderen.

Verbreitung und Lebensraum

Satellitenbild der Kanarischen Inseln

Zwei Drittel der Weltpopulation leben auf den westlichen und zentralen Kanarischen Inseln. Der Girlitz ist aber auch auf Madeira und den Azoren verbreitet. Auf Hawaii wurde der Kanarengirlitz ebenfalls eingeführt. Ob diese Population überlebt hat, ist umstritten.

Der Lebensraum reicht von der Meeresküste bis in 2000 m Höhe. Die bevorzugten Habitate des Kanarengirlitzes sind offene Landschaften in flachen Regionen oder Hanglagen. Dort bieten Bäume und Büsche Versteckmöglichkeiten und ausreichende Nahrungsgrundlage. Kanarengirlitze meiden den dichten, immergrünen Lorbeerwald, besiedeln jedoch seine von Baumheide (Erica arborea) beherrschten Randzonen. Dieser am häufigsten gewählte Brutbaum hat feine kurze dichte Nadelblätter, die sehr gute Deckung bieten.

Wanderungen

Kanarengirlitze führen nur lokale Wanderungen aus und sind somit Standvögel. Sie ziehen auf der Suche nach Nahrung weit umher. Im Winter durchstreifen sie die Inseln in Schwärmen von 50 Vögeln und mehr.

Ernährung

Der Kanarengirlitz ernährt sich von den Samen und Blättern vieler Pflanzensorten. Er bevorzugt Kanariengras (Spitzsaat), frisst jedoch manchmal auch von den Samen des Zuckerrohrs. Weiterhin setzt sich seine Nahrung aus Gräsern, Wegerich, Knöterich, Bingelkraut, Mohn, einigen Hirsesorten und Vogelmiere zusammen. Im Frühjahr verzehren die Vögel bevorzugt die wasserhaltigen, süßen Beeren des Strauchigen Krapp (Rubia fruticosa), eines strauchförmigen, kletternden Rötegewächses. Hieraus und aus anderen Früchten oder Blüten decken sie ihren Wasserbedarf. Zudem fressen sie auch Blatt- und Blütenknospen gern. Im hoch gelegenen, trockenen Kiefernwald kommen sie gern zum Trinken und Baden an Wasserstellen.

Fortpflanzung

Der Kanarengirlitz führt eine monogame Brutehe. Bei einer Untersuchung zur Vaterschaft auf einer Insel des Madeira-Archipels wurden keine Hinweise auf Fremdkopulationen gefunden. Die Brutzeit beginnt im Februar oder März.

Balz und Paarung

Zur Balz sitzt das Männchen meist in der Nähe einer Astgabel. Sobald es ein Weibchen entdeckt hat, singt es im Balzflug, um das Weibchen zum Nestbau anzuregen, auf den die Paarung folgt. Das Weibchen lässt häufig seinen trillernden Lockruf hören und schlägt mit den Flügeln. Es ist ständig in Bewegung. Die Begattung dauert ein bis zwei Sekunden. Nach der Paarung trennen sich die Vögel und putzen sich meist ausgiebig.

Nestbau und Brut

Der Nistplatz befindet sich meist in einer stammnahen Astgabel einer Baumheide in etwa zwei bis drei Meter Höhe, kann aber auch in einem anderen Baum oder Busch liegen. Der Nestbau wird vom Weibchen begonnen, während das Männchen den Brutplatz gegen Artgenossen verteidigt. Das napfförmige Nest besteht hauptsächlich aus trockenem Moos sowie Grashalmen und Blättern, innen ist es mit Tierhaaren, Wolle und Federn ausgekleidet. Während des Nestbaus singt das Männchen ausdauernd und füttert das Weibchen.

Sobald das Weibchen das Nest fertig gestellt hat, legt es das erste Ei. Die Bebrütung beginnt erst, wenn das Gelege mit drei bis fünf Eiern vollständig ist. Die Eier sind blassmeergrün und zeigen rötlich-braune Flecken. Die Weibchen sind nur von Frühjahr bis Frühsommer in Brutstimmung. Dementsprechend brüten sie ein bis zweimal im Jahr. Das Weibchen brütet allein und sitzt normalerweise sehr fest und ausdauernd auf den Eiern. Es verlässt das Nest kurz am Morgen und am Abend, um Kot abzusetzen und zu trinken. Die restliche Zeit versorgt das Männchen das Weibchen mit Nahrung aus dem Kropf. Die Brutzeit dauert etwa 14 Tage.

Entwicklung der Jungen

Am Schlupftag leben die Jungen vom Dottersack. In der Nestlingszeit benötigen sie zusätzlich tierisches Eiweiß, so dass sie auch mit kleinen Insekten, Käfern, Raupen und Blattläusen versorgt werden. Zudem bekommen sie viele Blätter und Feigen zu fressen. Beide Altvögel füttern aus dem Kropf. Nach etwa einer Woche suchen die Jungen den Nestrand, stemmen sich daran hoch und koten darüber nach unten. Nach dem 14. Lebenstag regt sich der Fluchttrieb, so dass die Jungen bei Störungen aus dem Nest springen können. Sie haben abgesehen von einem Stummelschwanz und Flaumendunen am Kopf ein vollständiges Federkleid. Am 16. Tag verlassen die Jungen das Nest, werden aber bis zum 30. Tag noch von ihren Eltern gefüttert. Oft versorgt das Männchen die Jungen allein und bringt ihnen bei, auf Nahrungssuche zu gehen und selbstständig zu fressen. Währenddessen beginnt das Weibchen mit der zweiten Brut.

Nach drei bis vier Monaten haben die inzwischen selbstständigen Jungvögel die Jugendmauser, in der nur das Kleingefieder ohne Flügel- und Schwanzfedern ausgetauscht wird, abgeschlossen und sind geschlechtsreif. Nachdem alle Altvögel die Mauser im Spätsommer nach sechs bis acht Wochen abgeschlossen haben, schließen sich Kanarengirlitze zu größeren Schwärmen zusammen und ziehen im Winterhalbjahr auf der Suche nach Nahrung auf den Inseln umher. Gefahr droht ihnen von Katzen, Greifvögeln und Mardern. Die maximale Lebenserwartung des Kanarengirlitzes beträgt zehn Jahre.

Verhalten

Im Geäst sitzender Kanarengirlitz beobachtet aufmerksam seine Umgebung

Der Kanarengirlitz ist tagaktiv. Er verlässt den Schlafast mit Tagesbeginn, mit Sonnenuntergang sucht er ihn wieder auf. Im Winter beginnt die Aktivitätsphase deutlich später und endet früher. Sie wird häufig durch Ruhe- und Putzphasen unterbrochen. Diese geselligen Vögel halten sich oft zu zweit oder in Gruppen auf, selten allein. Sehen sie Fressfeinde, fliegen sie in den Schutz von Büschen und Bäumen und stoßen einen Warnruf aus. Wenn es dunkel wird, schlafen Paare und Gruppen zusammen sitzend auf einem Ast. Im Winter leben die Vögel im Schwarm.

Im Sommerhalbjahr verteidigen die Männchen ihr Revier, das genug Nahrungsreserven für eine Familie bietet, gegen alle anderen männlichen Artgenossen. Meist reicht der Gesang aus, um Rivalen zu vertreiben. Es werden jedoch auch Verfolgungsflüge und Schnabelgefechte ausgetragen.

Körpersprache

Der Kanarengirlitz hat eine ausgeprägte Körpersprache entwickelt, die teilweise mit der Körperpflege verwechselt werden kann. So kann das Abspreizen der Flügel zum Einen der Drohung seinen Artgenossen gegenüber dienen, um Nahrung, das Revier oder ein Weibchen für sich zu beanspruchen, aber zum Anderen auch nur ein Strecken sein, um sich abzukühlen. Ein aufgesperrter Schnabel dient entweder genauso der Drohung oder ist ein Mittel zur Abkühlung (Hecheln). Auch das Wetzen des Schnabel an einem Ast kann einerseits der Beschwichtigung aggressiver Artgenossen, andererseits aber auch lediglich der Reinigung desselben dienen. Hält er seinen Kopf schief, fordert er seinen Partner zum Kraulen auf oder beobachtet seine Umgebung mit einem Auge.

Wenn sich Kanarengirlitze große Zuneigung bekunden wollen, schnäbeln sie miteinander. Putzen sie sich auch noch gegenseitig, bekunden sie damit ihre Sympathie füreinander. Will ein Männchen einem Weibchen imponieren, führt es einen Tanz auf. Kanarengirlitze bieten ihrem Partner zur Pflege häufig Körperpartien an, die sie beim Putzen mit dem Schnabel nicht erreichen. Als Aufforderung zum Putzen steckt einer dem anderen also Nacken, Kopf oder Kehle entgegen. Der Partner zieht nun an der dargebotenen Stelle eine Feder nach der anderen durch den Schnabel. Berührt er aber einmal andere Körperstellen, wird der Geputzte sogleich unruhig, pickt nach ihm oder fliegt fort.

Kanarengirlitze sind sehr friedliche und verträgliche Vögel. Dennoch kommt es auch unter ihnen hin und wieder zu Streitigkeiten, vor allem um begehrtes Futter, Sitzplätze oder Nistmaterial. Oft beschränkt sich der Streit auf gegenseitiges Drohen, wonach der Unterlegene aufgibt. Reicht das Abspreizen der Flügel nicht aus, hacken sie aggressiv mit dem Schnäbeln und jagen sich manchmal. Ergibt sich einer der Rivalen, streckt er seinen Körper und legt sein Gefieder eng an. Auch wenn ein Kanarengirlitz stark erschrocken wird, zeigt er dieses Demutsverhalten. Vor allem zur Paarungszeit kommt es aber auch zu Schnabelgefechten und Verfolgungsjagden.

Systematik

Der nächste Verwandte ist der Girlitz. Die Abtrennung des Kanarengirlitzes vom Girlitz erfolgte vor 3,5 bis 4,3 Millionen Jahren.[4] Für den Kanarengirlitz werden keine Unterarten beschrieben.[5][6]

Bei Untersuchungen der mitochondrialen DNA konnten keine nennenswerten genetischen Unterschiede zwischen den Populationen der einzelnen Inselgruppen festgestellt werden, der Median der genetischen Distanzen lag bei 0,1 Prozent. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Art auf Madeira entstanden. Von dort aus wurden die Azoren vor etwa 650.000 bis 725.000 Jahren und die Kanarischen Inseln vor etwa 375.000 Jahren besiedelt. Diese Zeiträume haben offenbar noch nicht für die Entstehung wesentlicher genetischer Unterschiede ausgereicht, jedoch für die Ausbildung morphologischer Unterschiede. So unterscheiden sich Flügellänge, Körpermasse und Schnabellänge von Kanarengirlitzen verschiedener Populationen. Der heutige Genfluss zwischen den Populationen der Inselgruppen wird als gering eingeschätzt.[7]

Bestand und Bestandsentwicklung

Aufmerksamer Kanarengirlitz auf Maschendrahtzaun

Das weltweite Verbreitungsgebiet der Art wird auf 10.500 km² geschätzt. Der große weltweite Bestand umfasst etwa 60.000 bis 300.000 Individuen. Daher wird die Art als nicht gefährdet (LC) [8] eingestuft.

Die europäische Population umfasst weniger als 100.000 Brutpaare und ist damit relativ klein, war aber zwischen 1970 und 1990 anscheinend stabil. Da in der Zeit von 1990 bis 2000 keine Trends festgestellt wurden, wird die Art konsequenterweise vorübergehend als sicher (Secure) [9] eingestuft.

Der Kanarengirlitz zählt zu den geschützten Arten und ist in der Vogelschutzrichtlinie 79/403/EWG aufgeführt. Regelmäßige Zählungen einiger Teilpopulationen lassen stabile Verhältnisse erkennen. Zwar ist die Art zur Zeit nicht bedroht, jedoch könnte die intensive Ausbringung von Agrochemikalien die Verbreitung in Zukunft gefährden.

Kanarengirlitz und Mensch

Im 16. Jahrhundert erwähnt Conrad Gesner im dritten Band des Historia animalium den Kanarengirlitz als „Canariam aviculam“ („Zuckervögelchen“) zum ersten Mal und rühmt seinen Gesang. Später erforschen ihn Ulisse Aldrovandi und Olina. 1758 gibt ihm Carl von Linné den lateinischen Namen Fringilla canaria.

Ob die Ureinwohner der Kanaren den Kanarengirlitz als Käfigvogel hielten, ist wegen seines schönen Gesangs wahrscheinlich, aber umstritten. Nach der Eroberung der Kanarischen Inseln im Jahre 1496 brachten die Spanier den Kanarengirlitz nach Europa. Da die Vögel gern Süßes mochten, wurden sie auch „Zuckervögelchen“ genannt. Wegen ihres Gesangs und ihrer Munterkeit erlangten sie schnell große Beliebtheit und wurden zu einem Symbol für Luxus und Weltgewandtheit. Auf Grund der steigenden Nachfrage nach Kanararengirlitzen mussten sie in großen Mengen verschifft werden. Da die Klöster große Einnahmen durch den Handel mit ihnen erwarteten, begannen die Mönche mit der Zucht, woraus sich die Kanarienvögel entwickelten.

Referenzen

Einzelnachweise

  1. Klangbeispiel
  2. S. Leitner, C. Voigt, M. Gahr: Seasonal Changes in the Song Pattern of the Non-Domesticated Island Canary (Serinus Canaria), a Field Study. Behaviour 138: 885-904, 2001, Weblink
  3. S. Leitner, C. Voigt, L.-M. Garcia-Segura, T. Van’t Hof, M. Gahr: Seasonal Activation and Inactivation of Song Motor Memories in Wild Canaries Is Not Reflected in Neuroanatomical Changes of Forebrain Song Areas. Hormones and Behavior 40: 160-168, 2001, Weblink
  4. A. Arnaiz-Villena, M. A´ lvarez-Tejado, V. Ruı´z-del-Valle, C. Garcı´a-de-la-Torre, P. Varela, M. J. Recio, S. Ferre, and J. Martinez-Laso: Rapid Radiation of Canaries (Genus Serinus). Department of Immunology and Molecular Biology, Universidad Complutense, Madrid, Spain, Weblink
  5. ITIS Report: Serinus canaria (Linnaeus, 1758)
  6. Avibase Database: Kanarengirlitz (Serinus canaria) (Linnaeus, 1758)
  7. C. Dietzen, C. Voigt, M. Wink, M. Gahr, S. Leitner: Phylogeography of island canary (serinus canaria) populations. Journal of Ornithology 147: 485-494, 2006, Weblink
  8. Birdlife Factsheet: Island Canary
  9. Birds in Europe: Island Canary

Literatur

  • Ulisse Aldrovandi: Ornithologiae hoc est de avibus historiae Libri XII. Vol. I 1599. Bologna, 1599–1603
  • T. R. Birkhead, K. Schulze-Hagen, R. Kinzelbach: Domestication of the canary, Serinus --canaria – the change from green to yellow. Archives of natural history 31 (1): 50-56, 2004
  • Christian Dietzen, Cornelia Voigt, Michael Wink, Manfred Gahr u. Stefan Leitner: Phylogeography of island canary (Serinus canaria) populations. J. Ornithol. 147: 485–494, 2006
  • Harald Fuchs: Zum Singen geboren. Der Gesang der Vögel am Beispiel des Kanarienvogels. Rainar Nitzsche Verlag, ISBN 3-930304-24-4
  • Conrad Gessner: Historiae animalium liber III., qui est de avium natura. Zürich, 1555
  • G. P. Olina: Uccelliera overo discorso della natura, e proprieta di diversi uccelli, e in particolare di que' che cantano con il modo di prendergli, conoscergli, allevargli, e mantenergli. Roma, 1622
  • L. Svensson, P. J. Grant, K. Mullarney u. D. Zetterström: Der Kosmos Vogelführer. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, 1999, ISBN 3-440-07720-9
  • Cornelia Voigt, Stefan Leitner u. Manfred Gahr: Mate fidelity in a population of Island Canaries (Serinus canaria) in the Madeiran Archipelago. J. Ornithol. 144: 86–92, 2003

Weblinks

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